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Gundelfingen

19.02.2020

Mit dem Schuhhaus Jörg endet eine Ära in Gundelfingen

Maria Renner-Jörg war mehr als 50 Jahre für die Kunden im Schuhhaus Jörg in Gundelfingen da. Ende Februar wird sie das Geschäft schließen.
Bild: Andreas Schopf

Plus Mehr als 120 Jahre betrieb die Familie Jörg ein Schuhgeschäft in Gundelfingen. Nun wird Maria Renner-Jörg den Laden schließen. Warum sie auch ohne Internet erfolgreich war.

Maria Renner-Jörg ist beschäftigt. Bei ihr im Laden stehen Kunden, die eine Beratung wünschen. Die zierliche Geschäftsinhaberin hat derzeit jede Menge zu tun. Seitdem bekannt ist, dass das Schuhhaus Jörg Ende Februar schließen wird, wollen viele noch einmal vor Ort in Gundelfingen vorbeischauen, um zwischen den Restposten zu stöbern. Also nimmt sich ihr Mann Alfred Renner die Zeit, um auf die Geschichte der Familie und des Geschäftes zurückzublicken. Die geht weit zurück.

Schuhhaus Jörg: Seit mehr als 120 Jahren in Gundelfingen

Das Geschlecht Jörg zählt zu den ältesten in Gundelfingen. Urkundlich ist es bereits seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar. So steht es in einem Artikel der Donau-Zeitung vom 1. Dezember 1967, den Renner hervorholt. Schon damals war die Rede davon, dass das Schuhhaus Jörg auf eine 70-jährige Geschichte zurückblickt. Im Jahr 1897 bauten die Großeltern von Maria Renner-Jörg ein altes Patrizierhaus als Ladengeschäft aus, damals hieß die Adresse noch „Marktplatz 28“, die heutige Hauptstraße, einen Steinwurf vom Rathaus entfernt. Mehrfach wurden die Räumlichkeiten umgebaut, zuletzt 1967 – diese Gestaltung blieb bis heute erhalten.

Bild: Schopf (Repro)

Das Geschäft ging in die Hände der nächsten Generation, Renner-Jörgs Eltern. Ihr Vater Josef war nicht nur Schuhmacher, sondern auch in der Lokalpolitik engagiert. Zwischenzeitlich war er Gundelfingens Zweiter Bürgermeister. Renner-Jörg selbst absolvierte eine Kurzlehre als Einzelhandelskauffrau in einem Schuhgeschäft in Heidenheim. Dann stieg sie im Betrieb der Eltern ein. Etwa seit der Jahrtausendwende leitete Renner-Jörg den Laden selbstständig. In den vergangenen Jahren erhielt sie Unterstützung von ihrem Mann, der ihr im Ruhestand unter die Arme griff.

Mit dem Schuhhaus Jörg endet eine Ära in Gundelfingen

Kein Internet, dafür persönliche Beratung

Trotz der fortschreitenden Digitalisierung verzichtete man bis zuletzt darauf, Schuhe auch über das Internet zu verkaufen. „Ganz bewusst“, wie Renner betont. Die Stärke des Ladens habe auf der persönlichen und fachkundigen Beratung beruht. Dies könne über das Internet nicht geleistet werden. „Der Erfolg hat ihr Recht gegeben“, sagt der 74-Jährige über den Weg seiner Frau. Während andere Händler zum Teil schwer zu kämpfen haben, konnte Renner-Jörg ihr Betriebsergebnis in den vergangenen Jahren nicht nur konstant halten, sondern zum Teil sogar verbessern, berichtet Renner. „Auf Messen wurde sie von Kollegen angesprochen, wie sie das eigentlich macht.“ Und was war das Erfolgsrezept? Man habe darauf vertraut, dass fachliche Beratung und Betreuung eher gefragt ist als der schnelle Kauf im Internet. Renner erklärt dies am Beispiel von Kinderschuhen, die exakt vermessen werden müssen, damit man lange Freude daran hat.

Die Kunden haben dies offenbar genauso gesehen. Man habe es geschafft, die Stammkundschaft zu erhalten und auszubauen, sagt er. Die Menschen seien aus den Kreisen Dillingen und Günzburg sowie dem benachbarten Baden-Württemberg nach Gundelfingen gekommen.

Das Haus soll verkauft werden

Zur Entscheidung, den Laden zu schließen, hätten andere Gründe geführt. Da ist zum einen das Alter. Renner-Jörg ist 69, hat mehr als 50 Jahre für den Laden gearbeitet. Dann kam im vergangenen Jahr hinzu, dass jemand von außen ein Kaufinteresse für das historische Gebäude geäußert hat. Eine familieninterne Nachfolge scheidet aus, da Renner-Jörg und ihr Mann kinderlos sind. Also entschied man sich, das Geschäft zu schließen und in die Verhandlungen einzusteigen. Renner betont: „Das Haus ist noch nicht verkauft.“ Im März, nachdem der Trubel um den Abverkauf verflogen und die Ladentür endgültig zu sein werden, will man die Details zu einem Verkauf besprechen. Renner möchte noch nicht verraten, in welche Richtung es gehen könnte. Nur so viel: „Eventuell geht der Zuschlag an einen örtlichen Interessenten.“

Bild: Schopf

Große Pläne für den gemeinsamen Ruhestand haben Renner-Jörg und ihr Mann nicht. Sie wollen künftig vor allem entspannen. „In den vergangenen 15 Jahren hatten wir keine Zeit, um auch nur eine Woche Urlaub zu machen“, sagt Renner. Das Geschäft stand im Vordergrund. Man sei, wenn überhaupt, von Samstagnachmittag bis Sonntag ins Allgäu gefahren. Dieses Ziel wolle man nun mit Ruhe bereisen.

Viel Herzblut hineingesteckt

In der Zwischenzeit hat Renner-Jörg zwischen zwei Kunden kurz Luft für ein Foto. Eine Situation, die der zurückhaltenden 69-Jährigen so gar nicht liegt. Sie stehe nicht gerne im Vordergrund, sagt sie. Dann kommt schon wieder eine Frau in den Laden, die Schuhe sucht. Renner-Jörg hat nur noch Zeit für einige Sätze. Sie sei auf der einen Seite traurig, dass ihr Laden, in den sie so viel Herzblut hineingesteckt hat, jetzt schließt. Auf der anderen Seite sieht sie ein: „Es war eine schöne Zeit. Aber es ist auch in Ordnung, dass sie nun vorbeigeht.“

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