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Dillingen

24.10.2017

Mit der besonderen Liebe zu Menschen mit Behinderung

Schwester Antonia wird am Freitag aus dem Vorstand der Regens-Wagner-Stiftungen verabschiedet. Das Bild entstand in der Direktion in Dillingen.
Bild: Homann

Schwester Antonia Stegmiller aus Altenbaindt hat jahrelang die Finanzen der Regens-Wagner-Stiftung in ganz Bayern betreut. Eine besondere Motivation stützte sie. Jetzt geht die 65-Jährige in Rente.

In Dillingen steht ein großes Fest bevor, ein Fest der Begegnung. Schwester Antonia Stegmiller hat es sich zur Stabübergabe gewünscht. Die 65-Jährige wird am Freitag verabschiedet. Im Vorstand der Regens-Wagner-Stiftungen hat sie 13 Jahre lang das Ressort Finanzen verantwortet. Dahinter stecken gewaltige Zahlen. Zu Anfang nur zwei: Unter Schwester Antonias Verantwortung fiel unter anderem die Sorge für die Bereitstellung (Refinanzierung der Angebote) und Steuerung der Finanzmittel für die monatlichen Lohnzahlungen für 6700 Mitarbeiter in ganz Bayern, die insgesamt 8774 Menschen mit Behinderung betreuen.

Während ihrer Realschulzeit hatte die Altenbaindterin am Dillinger Bona Kontakt zu den Dillinger Franziskanerinnen. „Außerdem war ich im Internat bei Regens Wagner, das hat mich schon geprägt.“ Bei Regens Wagner in Lautrach hatte die junge Frau anschließend alles über Personalentgelt und Leistungsabrechnungen gelernt. „Vor allem aber hat mir der Kontakt mit Menschen mit Behinderung gefallen. Jeder Mensch ist von Gott bejaht, von Anfang bis Ende.“ So fand Schwester Antonia eine sinnstiftende Tätigkeit. „Das andere war die Berufung“, sagt sie und lächelt. Das Noviziat machte sie in den Jahren 1975 bis 77 bei Regens Wagner in Dillingen. Ab 1985 kümmert sie sich bereits um Finanzsteuerung, davor auch schon um Leistungsentgelte, Controlling, Sach- und Gebäudekosten, die Schulfinanzierung (Personal- und Sachaufwand), Beratungsdienste, offene Hilfen, Familienunterstützung, Schulbegleitung, begleitetes Wohnen und individuelle Hilfen – an 14 regionalen Zentren. Inzwischen betreuen Bereichsleiter die einzelnen Aufgaben. Insgesamt 60 Kollegen hat Schwester Antonia – natürlich großer Excel-Fan – in der Stiftungsdirektion in Dillingen. Die Stiftung ist immer weiter gewachsen – und alle laufenden Kosten, der Personal- und Sachaufwand muss refinanziert werden. Verschiedene Zuschüsse helfen dabei, immer wieder Investitionen zu tätigen, aber auch die Dillinger Franziskanerinnen: Denn alle Erträgnisse, die sie durch Einsatz ihrer Arbeitskraft erwirtschaften, fließen in die Stiftung mit ein, dafür sorgt die Stiftung wieder im Alter für die Schwestern.

So einfach dieses Prinzip ist, so wuchtig die Bürokratie drumherum. „Wir haben bestimmt 2000 verschiedene Kostensätze. Bei 700 habe ich aufgehört zu zählen“, sagt Schwester Antonia. „Und das ist zehn Jahre her.“ Regens Wagner, der Gründer der Einrichtung, habe mit Wagemut und Gottvertrauen gehandelt. Heute würden seine Nachfolger auch gern pragmatischer an viele Probleme herangehen. Nur ist das nicht so einfach. Erst nach einem Rechtsstreit war ein Kostenträger zum Beispiel bereit, ein Epilepsie-Überwachungsgerät zu zahlen. Zwei Jahre hatte es bis dahin gedauert.

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Schwester Antonia kennt nicht nur die Zahlen, sondern auch die Menschen dahinter. Drei Tage pro Woche war sie im Schnitt in ganz Bayern unterwegs, in Gremien, zu Verhandlung, und um zu klären, ob und was fehlt. Auch der Jahresabschluss wird immer vor Ort gemacht. Alle Zentren von Regens Wagner haben zwar das gleiche Ziel, Menschen mit Behinderung zu begleiten. Doch keine Einrichtung sei mit der anderen vergleichbar.

Manchmal war das Unterwegssein anstrengend. In solchen Momenten dachte Schwester Antonia an die Menschen, für die sie das tut. „Ich habe eine besondere Liebe zu Menschen mit Behinderung. Sie sind einzigartig. Ihre Spontanität!“ Vor allem über Erfolge freut sich die zierliche Schwester: Ein junger Mann, mehrfachbehindert, hatte jahrelang eine Einzelbetreuung gebraucht. Jetzt kann er in einer Werkstatt mitarbeiten, sich einbringen. „Das ist herrlich.“ Von einem jungen Mann hieß es, er wird nie laufen können. Den ganzen Tag saß oder rutschte er in einem Gitterbettchen auf einer abgesicherten Bodenmatratze herum. Das Team von Regens Wagner half ihm wieder auf die Beine, erzählt Schwester Antonia. Die Stiftung habe viele gute und sehr kreative Mitarbeiter. „Der junge Mann von damals wird nie ein großer Läufer sein, aber er kann sich inzwischen selbstständig bewegen – das bedeutet eine ganz neue Lebensqualität“, erzählt sie begeistert. Auch die Dankbarkeit von Eltern, deren Kind sich bei Regens Wagner gut entwickelt hat, tut ihr gut. Oder wenn man für einen Heranwachsenden eine passende Aufgabe gefunden hat, die er nicht nur ausfüllen kann, sondern wobei er auch Spaß hat.

Ihren Nachfolger Matthias Bühler hat die 65-Jährige schon sieben Monate lang eingearbeitet. Sie will ihm beistehen, sich aber nicht aufdrängen. Zumal sie eine neue Aufgabe hat: In einer bei Regens Wagner neu geschaffenen Projektstelle wirkt sie bei der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes in Bayern mit.

Die Dillinger Franziskanerin kennt unzählige Beispiele dafür, was sich noch ändern sollte: mehr Barrierefreiheit auch für Hörgeschädigte, andere Wege in der Inklusion: Den Mensch in den Mittelpunkt stellen und dessen Bedarfe und Wünsche berücksichtigen. Es werden sowohl Spezialangebote als auch etwa ambulante Maßnahmen benötigt. Statt viele Schulbegleiter in einer einzigen Klasse lieber die Schulen besser mit entsprechendem Personal ausstatten. Und sie mahnt: Nur in einer normalen Klasse drinsitzen, das reiche einem Menschen mit Behinderung nicht. „Im Sonntagsgottesdienst grüßen sie, werden mit einbezogen, das ist Teilhabe.“ Die Stadt Dillingen bekommt übrigens ein besonderes Kompliment, sie sei wirklich sozial. Wenn die Bewohner von Regens Wagner oder auch von der Lebenshilfe einkaufen gehen, würden sie überall akzeptiert und unterstützt. Jeder Mensch sollte sich wohlfühlen, weiterentwickeln, teilhaben können.

Auch Schwester Antonia will sich weiterentwickeln, mehr radeln, mehr Zeit für Spirituelles haben, sich mehr im Konvent einbringen, mehr Begegnungen mit Menschen haben. Mit ihrem Abschiedsfest am kommenden Freitag geht es direkt los: Viele, die Schwester Antonia bislang besucht hat, werden dann nach Dillingen kommen und mit ihr feiern.

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