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Unfälle

13.11.2017

„Muss es denn zuerst Tote geben?“

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Ein Höchstädter wäre in der Baustelle in Steinheim fast vom Rad gefahren worden. Er klagt über eine Verrohung der Sitten im Straßenverkehr. Was die Polizei dazu sagt

Er ist Radfahrer aus Leidenschaft – und derzeit ziemlich verschnupft. Nicht deshalb, weil den Höchstädter eine Erkältung heimgesucht hätte. Nein, Gerhard L. hat in diesen Tagen in den Baustellen in Steinheim und an der östlichen Ortseinfahrt in Dillingen unliebsame Erfahrungen gemacht. „Autofahrer schneiden einen beim Überholen, da bist du des Lebens nicht mehr sicher“, sagt der 46-Jährige. Deshalb hat der Pedalritter auch am Dienstag voriger Woche mit Interesse unseren Beitrag auf der Dritten Seite gelesen, in dem der Radel-Boom und die damit einhergehenden steigenden Unfallzahlen Thema waren.

Spitzenreiter bei den Negativerlebnissen war für Gerhard L. eine Aktion am Montag voriger Woche, als er auf der alten Bundesstraße 16 in Steinheim in Richtung Dillingen durch die Baustelle fuhr. Die Rieswasserversorgung tauscht dort noch in den nächsten Monaten die maroden Wasserleitungen aus. Und der Landkreis wird später eine neue Deckschicht aufbringen – und auch Schutzstreifen für Radler. Dieser Ausblick kann Gerhard L. aber nicht beruhigen, denn am vergangenen Montag habe ihn der Fahrer eines Kleinbusses in der Baustelle überholt und abgedrängt. Der Abstand zu dem Gefährt habe vielleicht noch zehn Zentimeter betragen, nicht viel mehr seien es zum Randstein gewesen. Er sei ein geübter Mountainbike-Fahrer und wohl deshalb nicht gestürzt, sagt Gerhard L. „Wenn ich da runterfalle, bin ich schwer verletzt.“

Der Höchstädter appelliert an den gesunden Menschenverstand und die Rücksichtnahme der Lkw- und Autofahrer. „Muss es denn zuerst Tote geben?“, fragt der 46-Jährige, der inzwischen Anzeige bei der Polizei erstattet hat.

In der Baustelle dürften Radler gar nicht überholt werden, sagt Gerhard L. Auch die Radelfahrt am Dillinger Ortseingang – dort erneuern die Donau-Stadtwerke (DSDL) die Wasserleitung – sei ein ständiger Kampf. Ebenso gefährlich sei die Situation auf der B16 in Höchstädt: Dort scherten Lkw-Fahrer, die nicht den Lückenschluss nehmen, sondern durch den Ort donnern, nach dem Überholen mit ihren Gefährten knapp vor den Radfahrern ein.

Die These, dass in Baustellen ein Überholverbot gilt, weist Polizeihauptkommissar Willibald Bock, der bei der Polizeiinspektion Dillingen für Verkehrsthemen zuständig ist, zurück. Es gebe dort kein grundsätzliches Überholverbot. Allerdings sei es fraglich, ob in dieser Baustelle beim Überholen ein ausreichender Sicherheitsabstand von einem Meter eingehalten werden kann. Bock fordert zu gegenseitiger Rücksichtnahme auf – und dazu, auf den gesunden Menschenverstand zu setzen. Rücksichtnahme sei keine Einbahnstraße, auch Radler könnten in der Baustelle mal in die Bucht fahren und schnellere Fahrzeuge vorbeilassen. „Es gibt aber in der Tat auch Fahrzeugführer, die Radler bedrängen“, stellt der Verkehrsexperte fest.

Radfahrer würden in Baustellen oft auf den Gehweg ausweichen. Das sei zwar im Grunde nicht erlaubt, die Polizei drücke hier aber ein Auge zu. Gegenseitige Rücksichtnahme sei aber auch hier notwendig, denn Fußgänger dürften nicht durch schnell fahrende Radler gefährdet werden, betont Bock. Mitdenken und Rücksichtnahme fänden oft zu wenig statt.

Wenn dies die grundsätzliche Leitlinie im Straßenverkehr wäre, bräuchte man viele Verkehrsschilder nicht, glaubt der Polizeihauptkommissar. Auch der Leiter der Donau-Stadtwerke Wolfgang Behringer ruft Fahrzeuglenker zur Geduld auf, wenn langsamere Verkehrsteilnehmer durch die Baustellen fahren. Probleme der Radler in Baustellen der DSDL seien ihm bisher aber nicht gemeldet worden.

In Schwaben ist die Zahl der Fahrradunfälle, wie in unserer Zeitung zu lesen war, in den vergangenen Jahren gestiegen – von 2409 im Jahr 2012 auf 2835 im vergangenen Jahr. Der Trend bestätigt sich auch in der Region: 2012 waren es im Landkreis Dillingen allein 93 Unfälle, an denen Radler beteiligt waren. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl, wie Willibald Bock unserer Zeitung mitteilte, auf 138. Und 2017 hat die Polizei bisher 117 Unfälle mit Radfahrern registriert.

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