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Kulturring

27.04.2015

Nachkriegsdeutschland als Bühnenalbtraum

Borcherts „Draußen vor der Tür“ im Dillinger Stadtsaal

Die Badische Landesbühne genießt bei den Dillinger Kulturringfreunden einen guten Ruf. Umso befremdlicher waren die vielen freien Sitzreihen beim jüngsten Gastspiel des Bruchsaler Ensembles.

Die Vermutung liegt nahe, dass das aufgeführte Stück seine ehemalige Anziehungskraft eingebüßt hat. Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ hat seit der Uraufführung im Jahre 1947 einen festen Platz in der Literaturgeschichte. Aber dort droht es zum reinen Unterrichtsstoff zu verkommen. Die Erinnerung an Krieg, Untergang und Heimkehrerproblematik gehört inzwischen zum historischen Gerümpel. Sie stört die aktuelle Sehnsucht nach Lebensqualität.

Deshalb wagt sich Regisseur Arne Retzlaff mit der Neuinszenierung des ehemaligen Erfolgsstücks an ein riskantes Unternehmen. Werktreu interpretiert er die soziale Isolation des Heimkehrers Beckmann nicht nur als expressionistisch gefärbten Schrei und Aufschrei der Verzweiflung, sondern auch als düstere Analyse bürgerlicher Verantwortungslosigkeit.

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Die Regie macht allerdings auch Zugeständnisse an das Showbedürfnis unserer Zeit: Einzelne Textpassagen werden in Rapgesänge verwandelt, manche Szene erhält durch parodistische Zusätze theatralische Würze und in den Guckkästen des Hintergrunds im beeindruckenden Bühnenbild von Dietmar Teßmann wird die Trostlosigkeit der Vordergrundszene immer wieder durch buntes Leben konterkariert. Das ist großartig ausgedacht. Aber es erinnert auch an Neil Postmans Befund, dass wir uns sogar angesichts tödlicher Schrecken zu Tode amüsieren möchten.

Wenn der liebe Gott (Stefan Holm) Zigarette raucht, wenn das Mädchen (Laura Luise Kolbe) als erotomane Wegelagerin erscheint und wenn die Elbe in die Wellenbewegung weiblicher Körper (Kathrin Berg, Laura Luise Kolbe und Evelyn Nagel) verwandelt wird, benötigt der Handlungsablauf ein starkes Gegengewicht, um nicht in bloßes Spektakel zu kippen.

Philip Badi Blom demonstriert überzeugend die Kraft, diese Aufgabe zu meistern.

Die Rolle des gewesenen Unteroffiziers Beckmann profiliert er mit einer erschütternden Mischung aus Resignation und Trotz. Seine Verzweiflung ist Impuls für die Auflehnung gegen die Verzweiflung, seine Suche nach Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt wird zum humanistischen Appell. Bloms Sprechtechnik sichert den Monologen jenes Konzentrat an Prägnanz, Schärfe und Eindringlichkeit, mit dem einst Heinz Reincke Bühnenruhm einsammelte.

Die ideenreiche Regie eröffnet vielen Szenen die Entfaltung innovativer Varianten. Der grandios agierende Kabarettdirektor (Stefan Holm), die milieugerecht typisierte Frau Kramer (Evelyn Nagel), der verantwortungsfreie Oberst (Hannes Höchsmann) und der immer präsente Andere (Andreas Krüger) liefern schauspielerische Beiträge zu einer Tragik, die dieser Geschichte von der Abschottung des Kollektivs gegenüber dem Individuum überzeitliche Gültigkeit verleiht.

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