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01.07.2016

„Papa, ich bin da, ich komme“

Vortrag eines DDR-Zeitzeugen am Albertus-Gymnasium

„Bevor ich so weiterlebe, wie ich jetzt lebe, bin ich lieber tot ...“ Diese Gedanken trieben Jens Hase im Herbst 1989 mit 19 Jahren dazu, alles stehen und liegen zu lassen und aus der DDR zu fliehen. Über seine Erlebnisse sprach er nun vor den Schülern des Lauinger Albertus-Gymnasiums.

Im Juli 1989 hatte Familie Hase „Besuch“ bekommen. Zwei Mitarbeiter der Staatssicherheit platzten in die Wohnung und unterbreiteten eine folgenschwere Nachricht: Innerhalb von 24 Stunden hatten die Hases das Land zu verlassen, sonst drohte ihnen die Inhaftierung. Doch diese Ausweisung galt nur für die Eltern, nicht aber für den neunzehnjährigen Sohn Jens. Der Abschied am Bahnhof gestaltete sich emotional und herzzerreißend. Zurück in der elterlichen Wohnung, die nun plötzlich zu seiner Wohnung geworden war, musste er sein Leben neu strukturieren.

Mittlerweile sprach sich in der DDR immer mehr herum, dass die Ungarn die Grenze gelockert hatten. Jens Hase beantragte ein Visum nach Ungarn, doch dieser Antrag wurde abgelehnt.

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Als dann im Westfernsehen Bilder von Flüchtlingen zu sehen waren, die in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag Zuflucht gefunden hatten, fasste er den Entschluss zur Flucht.

Jens Hase kam schließlich in Prag an, auf dem Gelände der Botschaft, und suchte nach dem Einlass, als plötzlich der Schrei „Stopp“ einer tschechischen Miliz erschallte. Für Jens Hase bedeutete „Stopp!“ „Lauf!“, und so rannte er buchstäblich um sein Leben auf den Zaun zu und schaffte es irgendwie, diesen zu überwinden.

Am 30. September 1989 verkündete Hans Dietrich Genscher: „Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ... “ Und Jens Hase kam nach Hof. Dort fanden Helfer der Bahnhofsmission die Telefonnummer seiner Eltern in Krumbach/Schwaben heraus. Zu Tränen gerührt rief Jens Hase in den Telefonhörer: „Papa, ich bin da, ich komme!“ (pm)

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