Landkreis Dillingen

14.05.2018

Plötzlich im Heim

Plötzlich mussten allein in diesem Jahr gleich mehrere Kinder aus dem Landkreis Dillingen in ein Heim. Das schlägt sich auch direkt auf den Haushalt des Landkreises nieder.

Die Kosten für die Jugendhilfe im Landkreis Dillingen sind gestiegen. Dahinter stecken dramatische Geschichten.

Die Mutter zweier Kinder stirbt – was wird aus den beiden? Ein Familienvater ist schwerer Alkoholiker – die Sicherheit seines Kindes kann nicht mehr gewährleistet werden. Eine Mutter muss eine Haftstrafe antreten, zurück bleiben ihre Kinder. All diese Kinder leben im Landkreis Dillingen. Sie alle mussten heuer aufgrund ihrer familiären Situation plötzlich in ein Heim. Für die Kinder dramatisch, für den Landkreis aber auch teuer: Die Kosten für die Heimunterbringung sind gegenüber der Planung von 1,1 Millionen Euro auf 1,4 Millionen Euro gestiegen. „Die Häufung dieser Fälle war nicht absehbar“, sagt Jugendamtsleiter Michael Wagner in der jüngsten Sitzung des Jugendausschusses. Der Dillinger Kreistag hatte bei seinem Haushaltsansatz im März mit Mehrausgaben in Höhe von 161000 Euro für die Jugendhilfe im Kreishaushalt geplant. Rund acht Wochen später ist das schon überholt: Die Kosten sind laut Wagner auf 260000 Euro gestiegen. Im Bereich der Erziehung in einer Tagesstätte haben sich die Kosten von 350000 auf 429000 Euro erhöht. Im Bereich der ambulanten erzieherischen Hilfen sind die Fallzahlen und Kosten für Erziehungsbeistandschaften zwar von 610000 Euro auf 493000 Euro gefallen, demgegenüber sind die Kosten bei der Sozialpädagogischen Familienhilfe von 480000 Euro auf 606000 Euro gestiegen. Einnahmen, etwa über Kostenbeteiligungen von Eltern oder das Kindergeld, lägen im Schnitt bei sechs bis sieben Prozent der Ausgaben.

Die Kosten für die Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche sind um 202000 Euro auf 1,6 Millionen Euro gesunken. Eine Jugendliche konnte aus einer stationären Einrichtung in das ambulante Wohnen umziehen. Insgesamt beliefen sich die Ausgaben für Jugendhilfe im Haushalt 2017 auf 8,1 Millionen Euro. Dem standen Einnahmen in Höhe von 5,5 Millionen Euro gegenüber.

Der Jugendhilfeausschuss tagte nicht wie gewohnt im Großen Sitzungssaal des Landratsamtes, denn der wird umgebaut. Landrat Schrell hofft, dass ab Mai oder Juni nächsten Jahres die Sitzungen dann wieder in der Großen Allee stattfinden werden. Bis dahin wird im Sparkassensaal getagt, wofür sich der Landrat bei der Bank bedankte.

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Wagner hatte dem Gremium noch weitere Nachrichten mitgebracht: So ist die Zahl der eingegangenen Meldungen über Kindeswohlgefährdungen 2017 von 87 auf 70 Meldungen zurückgegangen. 17-mal, zweimal weniger als im Vorjahr, musste die Inobhutnahme eines Kindes oder eines Jugendlichen ausgesprochen werden. Vier Betroffene von den 17 meldeten sich selbst beim Amt. Der Leiter des Dillinger Jugendamtes betonte, dass der Rückgang erfreulich sei, aber nicht dem allgemeinen Trend entspreche. Das gilt auch für die Statistik über die Jugendkriminalität im Landkreis – und zwar im positiven Sinne: So ist sowohl die Zahl der tatverdächtigen Jugendlichen gefallen (von 474 auf 438), als auch die Zahl der Strafverfahren gegen 14- bis 20-Jährige, die durch Verurteilung oder Einstellung abgeschlossen wurden (204 gegenüber 229 im Vorjahr). Auch die Zahl der Drogendelikte ging von 84 auf 71 zurück.

In einem besonders kostenintensiven Bereich aber steigen wiederum die Zahlen massiv: Es geht um die Schulbegleitungen. Laut Wagner können immer mehr Kinder und Jugendliche mit seelischer Beeinträchtigung nur mithilfe einer Begleitperson überhaupt zur Schule gehen. Dieser Trend sei auch in anderen Jugendamtsbezirken zu beobachten. In Dillingen stieg die Zahl der Schulbegleitungen von 17 auf 24. Schon ein ärztliches Rezept reiche, um gegenüber dem Jugendamt einen Rechtsanspruch auf die Begleitung geltend machen zu können. Der Jugendamtsleiter warf in diesem Bereich die Frage auf, ob innerhalb des staatlichen Schulsystems genug für die Inklusion dieser Schüler getan wird. Wagner teilte außerdem mit, dass sein Amt derzeit 38 junge unbegleitete Flüchtlinge betreut. Darunter sind sieben Minderjährige (drei in ambulanter Betreuung, vier in stationärer in einer Jugendhilfeeinrichtung), 27 Volljährige (25 in ambulanter und zwei in stationärer Betreuungsform) – und vier Minderjährige befinden sich in einer Inobhutnahme. Anfang dieses Jahres waren dem Landkreis fünf neue unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zugeteilt worden. Drei aus Somalia und je einer aus Mazedonien und Albanien. Laut Wagner gibt es ausreichend Aufnahmekapazitäten im Landkreis Dillingen. Viele junge Erwachsene besuchen die Sozialpflegeschule in Höchstädt, andere haben bereits einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung begonnen. Kreisrat Martin Bannert (Grüne) erkundigte sich über konkrete Zahlen, wie viele junge Flüchtlinge bereits eine Ausbildung machen. Doch die gibt es aktuell noch nicht. Wagner betonte, viele junge Leute seien hoch motiviert, scheiterten aber oft an den theoretischen Ansprüchen einer Ausbildung und leiden unter der Unsicherheit, ob sie bleiben können oder abgeschoben werden. Schwester Maria Elisabeth, Leiterin des Gundelfinger Kinderheimes, sagte, von zehn Jugendlichen stehen drei in einem Ausbildungsverhältnis auf dem freien Markt. Zwei junge Frauen hätten sich jetzt dagegen entschieden und wollten gleich eine Familie gründen. Das sei ein neuer Trend, so Schwester Maria Elisabeth, unter Frauen aus Eritrea, den sie nicht besonders gut findet. Noch übernimmt der Bezirk die Kosten für die Betreuung der jungen Flüchtlinge und bekommt dafür vom Freistaat wiederum Unterstützung. Doch diese Regelung gilt nur bis Ende des Jahres. Eine Lösung darüber hinaus sei bislang nicht in Sicht. Ohne die Hilfe des Freistaates, fürchtet Landrat Schrell, holt sich der Bezirk dann über die Umlage das fehlende Geld von den Landkreisen. Deswegen hofft er auf den Masterplan Integration des Freistaates Bayern.

Ein weiteres größeres Thema sind laut Jugendamtsleiter Wagner Flüchtlingsfamilien. Über die Notversorgung sei man hinaus, jetzt werfe die Kindererziehung neue Fragen auf: Wie die Schule funktioniert, was ein Kindergarten ist, vieles wüssten die Eltern nicht, dazu kommen Sprach- oder psychische Schwierigkeiten und generelle Vorbehalte gegen Behördenvertreter. Das Jugendamt versucht, möglichst früh Unterstützung anzubieten. Ohne die Hilfe der Asyl-Helferkreise sei es noch schwieriger, betonte Wagner. Landrat Schrell hofft, dass die Akademie für Integration am Höchstädter Schloss noch vor der Sommerpause eingerichtet werden kann. Wie berichtet, sollen dort Helferkreise und Verwaltungsmitarbeiter geschult werden. Doch noch fehle das grüne Licht des Innenministeriums. „Wir dürfen keine Parallelgesellschaften entstehen lassen“, appellierte der Landrat.

Schwester Maria Elisabeth findet, dafür ist es zu spät. Es sei schon nicht gelungen, Menschen, die vor der großen Flüchtlingswelle 2015 kamen, zu integrieren. So hätte ein in Deutschland geborener und aufgewachsener junger Türke bis vor zwei Wochen noch nie etwas vom Maibaum gehört. „Wir tun nur so, als wären schon viele integriert, aber das ist gefährlich.“

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