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Roggden

05.08.2017

Plötzlich war die Glocke verschwunden

Sein Vater rettete heute vor hundert Jahren eine dieser Roggdener Kirchenglocken vor dem Einschmelzen: Bruno Kratzer, heute 83 Jahre alt, kletterte kürzlich den engen Turm hoch, um sich die riskante und abenteuerliche Rettungsaktion vor Auge zu führen. „Wir hätten uns das nie getraut“, sagt er.
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Sein Vater rettete heute vor hundert Jahren eine dieser Roggdener Kirchenglocken vor dem Einschmelzen: Bruno Kratzer, heute 83 Jahre alt, kletterte kürzlich den engen Turm hoch, um sich die riskante und abenteuerliche Rettungsaktion vor Auge zu führen. „Wir hätten uns das nie getraut“, sagt er.

Vor 100 Jahren riskierten in Roggden vier junge Burschen ihr Leben für eine Kirchenglocke. Bruno Kratzer erinnert sich an die Ruhmestat seines Vaters.

Sie trägt den Namen Felizitas – die Glückselige. Zu Recht, wenn man die Geschichte der alten Glocke hört. Seit 1838 ruft sie im Turm der Roggdener Kirche zum Gottesdienst. Nur einmal hatte „Felizitas“ zwangsweise eine Pause: Von 1917 bis 1919. Dort, wo heute eine Gedenktafel steht, hatten sie vier junge Burschen in der Erde vergraben, um sie vor dem Zugriff des Kriegsministeriums zu bewahren. Sie war wie zigtausend andere Kirchenglocken im Ersten Weltkrieg beschlagnahmt worden. Der Rohstoff sollte der Herstellung von Granaten dienen.

Das hatte auch für Roggdens Kirche Folgen. Denn mit Eintritt in den Krieg gingen der Rüstungsindustrie die Rohstoffe aus. Unter dem Motto „Gold gab ich für Eisen“ wurden die Deutschen zur Spende kriegswichtiger Materialien aufgerufen. Das waren anfangs Schmuck, Zinnkrüge und Messingpfannen. Doch je länger die Gefechte andauerten, desto mehr gierte das Kriegsministerium nach den knapper werdenden Rohstoffen. Zunächst suchte man nur unbrauchbare Glocken zum Einschmelzen. Dann erging der Befehl, die Kirchenglocken landesweit zu beschlagnahmen.

In Roggden hatte ein Zimmermeister Ende Juli 1917 die Glocke abgeseilt und sie neben dem Kircheneingang zur Abholung bereitgestellt. Doch über Nacht war sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Heute jährt sich dieser Tag zum hundertsten Mal. Das Verschwinden der Glocke hatte eine groß angelegte Durchsuchungsaktion der Polizei zur Folge. Roggden wurde buchstäblich auf den Kopf gestellt. Unter Brücken, in Jauchegruben, Scheunen, Holzschuppen, in der Ziegelei und Kiesgrube suchten die Menschen, manche gingen sogar die Zusam ab. Ohne Erfolg. Es fanden Verhöre verdächtiger Personen statt. Belohnungen wurden ausgesetzt und Drohungen ausgesprochen. Am ärgsten hatte es die Hausfrauen getroffen. Sie büßten zur Strafe ihre Zuckerrationen ein. Und alle Soldaten des Dorfes bekamen Urlaubssperre. Große Verbitterung soll in Roggden geherrscht haben. Jeder wollte etwas gehört oder gesehen haben. Aber nichts half. Die Glocke blieb verschwunden.

Erst zwei Jahre später sollte das Mysterium aufgelöst werden. Die Stunde der aus dem Krieg heimgekehrten Glockenretter war gekommen. So heimlich die Glocke 1917 verschwunden war, so geheimnisvoll tauchte sie wie aus dem Nichts am 7. Januar 1919 wieder auf. Geschmückt mit Girlanden, die von der Rückkehr der Soldaten übrig waren, stellten die Männer die sauber gereinigte Bronze-Glocke vor der Kirche auf. Und endlich konnten sie ihre wahre Geschichte erzählen.

Als Erntehelfer waren Martin Mair, Leonhard Schmalz, Anselm Kratzer und Xaver Stempfle von der Front beurlaubt worden. Am Sonntag, den 5. August 1917, kam einem von ihnen die Idee während der damals üblichen Kirchenwache. Er weihte die Freunde in seinen Plan ein. Alle waren bereit, mitzumachen. Kurz vor Mitternacht begannen sie vermummt ihr riskantes Werk.

Doch sie hatten das Gewicht der Glocke unterschätzt. Die zentnerschwere Last hatte die vier baumstarken Männer in die Knie gezwungen, heißt es in der Dorfchronik. „So wie einst das Kreuz Christi auf dem Weg nach Golgotha.“

Die Tragestange als Transportmittel erwies sich als untauglich. Schließlich holte man einen alten Bierkarren. Über den Aufbach ging es hinauf bis zum Moosberg. Zugute kamen den „Glockendieben“ die frisch umgepflügten Felder. Trotzdem dauerte die Aktion bis zum Morgengrauen. Während im Dorf viele Gerüchte über den Verbleib der Glocke kursierten, waren die Burschen nach 14-tägigem Aufenthalt schon wieder an die Front zurückgekehrt und hatten ihr Geheimnis mitgenommen.

Die kleinste Indiskretion hätte genügt und die Männer wären vor ein Kriegsgericht gestellt und als Saboteure zum Tode verurteilt worden. Bruno Kratzer, der Sohn einer der Retter, blickt heute mit Respekt auf die Ruhmestat seines Vaters. In der Familie sei das jedoch nie ein großes Thema gewesen. „Heute schon“, sagt der frühere Bankchef. Fragen wie „Wo komme ich her?“ und „Was war hier früher“ stellen sich dem 83-Jährigen immer drängender.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Felizitas übrigens ein zweites Mal beschlagnahmt – „zur Deckung der Metallreserve des Reiches“. Eine Glockenrettung kam nicht in Frage. „Im Dritten Reich hätte sich das keiner getraut.“

Dafür wandte man einen Trick an: Es wurde nicht Felizitas demontiert, sondern die kleinere Schwester, die 1881 in Lauingen von Franz Josef Zöschinger gegossen worden war.

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