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Gundelfingen

26.12.2020

Post aus Brasilien: Drei Lektionen, die uns Corona verdeutlicht

Pater Paulo Günter Süss berichtet von seinem Jahr in Brasilien.
Bild: bv

Immer zu Weihnachten berichtet Pater Paulo Günter Süss, der aus Gundelfingen stammt, von seiner Missionsarbeit in Brasilien. Was er aus der Pandemie mitnimmt.

Dieses vom Coronavirus geprägte Jahr hat viele unserer Pläne durchkreuzt, eine Reihe von persönlichen Begegnungen verhindert, aber auch andere wiederum ermöglicht, schreibt Pater Paulo Günter Süss in seinem Weihnachtsbrief:

Liebe Bekannte und Freunde,

ehe ich auf diese Begegnungen eingehe, ein kurzes Streiflicht aus Brasilien: Dass Donald Trump in den USA abgewählt wurde, lässt uns auch für die Präsidentschaftswahlen in Brasilien, im Jahr 2022, hoffen. Aufgeschreckt haben uns dagegen natürlich die Menschen, die in Brasilien in der Pandemie verstorben sind. Außerdem stand auch Amazonien in Flammen und die Regierung hat lange Zeit untätig zugesehen.

Corona zwingt zum Aussteigen aus den Steigerungszwängen

Die großen Dinge geschehen ja oft im Kleinen, in Bethlehem und nicht in Jerusalem. Covid-19 hat uns gezeigt, dass wir auf vieles, das so selbstverständlich seinen Ort und seine Zeit in unserem Leben hatte, keinen Anspruch haben. Dass es sich nicht erzwingen lässt und dass wir darauf auch ohne Weiteres verzichten können. So mussten wir alle Wohlstand und Gemeinwohl mit einer neuen Anspruchslosigkeit verhandeln. Das war eine sehr heilsame Lektion: Der Ausstieg aus den Steigerungszwängen des Mehr und Größer, des Weiter und Schneller. Sind wir nicht oft wie Formel-1-Fahrer durch unseren Alltag gerast, um dies und jenes noch zu tun und oft unnötigerweise in unsere Reichweite zu bringen?

Gundelfingen hat mit Gesichtsmasken geholfen

Da wir alle zur Gruppe der Überlebenden gehören, in welchem Land auch immer wir morgens aufwachen, sind wir einander nicht gleich, aber doch ähnlicher geworden. Gleichzeitig waren wir bedroht und doch auch wunderbar davongekommen. Als Überlebende haben wir gelernt, anderen Überlebenden zu helfen, mehr zu helfen, als wir das bisher taten. Auch diese zweite Lektion, die Neu-Entdeckung der anderen als Appell an unsere ureigene Verantwortung, hat uns gutgetan.

So hat sich beispielsweise meine Gundelfinger Nachbarschaft zusammengetan, um Gesichtsmasken anzufertigen und mir den Erlös für die von der brasilianischen Regierung doch sehr vernachlässigten Indigenas im Amazonasgebiet zuzuschicken. Wer hätte in sogenannten „normalen Zeiten“ so einfallsreich an Gesichtsmasken für Indios am Ende der Welt gedacht? Papst Franziskus hat uns diese zweite Lektion der Neu-Entdeckung und Erinnerung der anderen in seiner Enzyklika vom 3. Oktober über die weltweite Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft (Fratelli tutti) ans Herz gelegt. Er warnt vor „aggressiven Nationalismen“ und stellt diese ins Gegenlicht einer vom Evangelium ausgeleuchteten „sozialen und politischen Liebe“.

Corona zwingt Prioritäten neu zu setzen

Weil die Corona-Pandemie uns bisher selbstverständliche Wege und Optionen verstellt hat, waren wir gezwungen, uns nach neuen Prioritäten umzusehen. Dieses Jahr hätte unsere Pfarrei „Sankta Rita“ am 22. Mai das 60. Pfarrjubiläum gefeiert. Rosen spielen im Leben der Heiligen als symbolische Gegenwart Gottes eine wichtige Rolle. Die Kirchenbesucher nehmen eine solche geweihte Rose dann andächtig mit nach Hause. Dieses Jahr gab es keine Einkünfte durch Rosen, sondern Neuausgaben durch Marmitas, Behälter mit dem Essen für Obdachlose. Die Pfarrei bereitet und verteilt seither Hunderte von diesen Behältern. Aus einem erbaulichen Brauch ist ein soziales Wunder geworden und eine neue Priorität der Pfarrei. Das war also unsere dritte Lektion. Ihnen allen ganz herzliche Grüße, gute Wünsche zum Weihnachtsfest und im neuen Jahr die Erfahrung einer vom Evangelium immer wieder neu ausgeleuchteten „sozialen und politischen“ Liebe.

Ihr Paulo Günter Süss

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