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Justiz

14.10.2017

Prozess mit Zündstoff

Ein Mann soll seine Frau misshandelt haben und dafür fast vier Jahre in Haft. Jetzt rollt das Landgericht den Fall aus dem Landkreis neu auf. Das Klima ist angespannt

Die Verhandlung läuft knapp drei Stunden, da wird es laut im Gerichtssaal. „Sie wollen mir eine Fangfrage stellen“, ruft die Zeugin in Richtung Verteidiger. „Ich lasse mir nichts in den Mund legen.“ Die Richterin übertönt sie. „Beantworten Sie einfach die Frage!“, schallt es vom Richtertisch durch den Raum.

Die Emotionen können schon einmal durchgehen bei so einem Prozess. Es geht um den Vorwurf der Vergewaltigung, der körperlichen Gewalt, der seelischen Demütigung. Und für den Angeklagten aus dem Landkreis um knapp vier Jahre Haftstrafe. Zu der hat ihn das Amtsgericht Dillingen im vergangenen Mai verurteilt. Damals sagte die Geschädigte aus: „Ich war seine Hündin.“ Ihr Mann soll sie im Jahr ihres Kennenlernens, 2015, geschlagen und zum Oralsex gezwungen haben, ihr gedroht haben, sie auf den Strich zu schicken. Nachts soll er sie geweckt haben, die Terrassentüre aufgemacht und ihr die Decke weggenommen haben. Dazu diverse andere Demütigungen. Das Dillinger Gericht glaubte der Frau und verhängte fast die Höchststrafe – drei Jahre und zehn Monate. Der Verurteilte ging in Berufung. Jetzt beschäftigt sich das Landgericht Augsburg mit den Vorwürfen.

Das Verfahren dort läuft seit Anfang September – und entwickelt einige Turbulenzen. Der Angeklagte ist mittlerweile nicht mehr in U-Haft. Der Verdacht auf Vergewaltigung habe sich bei der ersten Berufungsverhandlung nicht erhärtet, dadurch wurde der Haftbefehl aufgehoben, teilt sein Rechtsanwalt Thomas Dick mit. „In der Aussage der Geschädigten sind Widersprüche deutlich geworden.“

Die Frau wiederum, vertreten durch die Nebenklage, sieht sich ungerecht behandelt. Ihr Rechtsanwalt Thomas Demel nennt es ein „Abschlachten“, wie vor Gericht mit der Zeugin umgegangen wurde. Sie hat mittlerweile Strafanzeige gegen die Verteidiger sowie Richterin Caroline Hillmann gestellt. Der Vorwurf: Nötigung, Beleidigung, Verleumdung, Körperverletzung und Rechtsbeugung. In der Anzeige schreibt die Frau: „Während der Befragung musste ich mir entwürdigende Fragen gefallen lassen, sodass ich mich verleumdet und beleidigt fühlte.“ Und weiter: „Von der Richterin wurden, zum Vorteil des Angeklagten, alle rechtlichen Vorgaben des Opferschutzgesetzes missachtet.“ Eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Richterin Hillmann ist eingereicht, ein Befangenheitsantrag wurde abgelehnt.

Ungewiss ist, ob die Geschädigte nochmals vor Gericht aussagen wird. Laut einer psychiatrischen Bescheinigung ist sie nicht mehr in der Lage dazu. Sie hat Angst, dass sich der Angeklagte an ihr rächen könnte und lebt an einem geheimen Ort.

Das Gericht will ihren Zustand durch einen Amtsarzt überprüfen lassen. „Es bestehen Zweifel an der Richtigkeit der Bescheinigungen“, heißt es im Beschluss. Es dränge sich der Verdacht auf, dass ein Zusammenhang mit dem Verlauf der Befragung bestehe. Die Untersuchung sollte gestern stattfinden. Das konsultierte Gesundheitsamt wies die Frau jedoch ab mit der Begründung, nicht zuständig zu sein. Jetzt muss ein anderes Amt gefunden werden.

Auch im Prozess selbst ist die Lage verzwickt. Gestern sagten vier Zeugen aus. Zum einen ein Paar, das 2015 mit dem Angeklagten und seiner Frau für einige Monate in einer Wohngemeinschaft lebte. Streit oder gar Schläge hätten sie nicht mitbekommen. „Die beiden sahen glücklich und harmonisch aus“, sagt der Mann aus. Die Frau hatte den gleichen Eindruck und erinnert sich an eine verstörende Frage der Geschädigten aus Osteuropa, nur eine Woche nach deren Hochzeit: „Sie wollte wissen, wie lange sie verheiratet sein muss, bis sie ein eigenständiges Aufenthaltsrecht genießt.“

Zwei ehemalige Arbeitskolleginnen der Frau zeichnen ein anderes Bild. Sie sei immer wieder verweint zur Arbeit gekommen, sei verängstigt und zittrig gewesen, „ein nervliches Wrack“. Irgendwann hätte sie offenbart: Ihr Mann schlage und misshandle sie, sie habe Angst vor ihm. Am kommenden Freitag wird die Verhandlung fortgesetzt. Wohl erneut ohne die Geschädigte – dafür mit jeder Menge Zündstoff.

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