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Wirtschaft

18.04.2015

„Sie brauchen eine Chance“

Firmenchef Michael Zill bot dem 21-jährigen Sambou aus Mali eine Schnupperlehre bei sich im Betrieb in Höchstädt an. Der Flüchtling lernte den Umgang mit Holz und fertigte auch eine kleine Schatulle an. Berufsschullehrer Konrad Lindner (rechts) unterstützt seinen Schüler dabei.
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Firmenchef Michael Zill bot dem 21-jährigen Sambou aus Mali eine Schnupperlehre bei sich im Betrieb in Höchstädt an. Der Flüchtling lernte den Umgang mit Holz und fertigte auch eine kleine Schatulle an. Berufsschullehrer Konrad Lindner (rechts) unterstützt seinen Schüler dabei.
Bild: Bronnhuber

Der 21-jährige Sambou aus Mali absolvierte mit Bravour in der Schreinerei Zill in Höchstädt eine Schnupperlehre. Jetzt braucht er dringend einen Ausbildungsplatz

Über seine Vergangenheit erzählt er nicht viel. Auch über die Flucht, die er auf sich nahm, um ein besseres Leben in Deutschland zu führen, erfährt man wenig. Nur, dass es sehr, sehr schwierig war. Sambou Ceesay ist vor zwei Jahren aus seiner Heimat Mali geflohen, lebt mittlerweile in einer Gemeinschaftsunterkunft in Lauingen und besucht schon im zweiten Jahr die Berufsschule Höchstädt. Dort wird er gemeinsam mit anderen Asylbewerbern und Flüchtlingen von Lehrer Konrad Lindner in einer ganz speziellen, geförderten Vorbereitungsklasse unterrichtet. Unterrichtet, um Grundkenntnisse, wie etwa die Sprache, zu erlernen. Sambou war noch nie vorher in einer Schule. Er kennt das nicht. „Meine Eltern wollten das nicht“, erzählt er. Für den 21-Jährigen begann in Deutschland ein ganz neues Leben.

Ein Leben, das er sich wünscht. Doch momentan ist Sambou nur „gestattet“. Auf eine endgültige Entscheidung, ob er bleiben darf oder nicht, muss er noch warten. Begünstigend und hilfreich wäre es, wenn der Flüchtling Arbeit hätte. Wenn er eine Ausbildung beginnen könnte. Rechtlich, so betont es Konrad Lindner, ist das möglich. Nur: Wo? Wer bildet ihn aus? Welches Unternehmen in der Region unterstützt ihn? Ist Sambou den Anforderungen, vor allem den theoretischen Prüfungen, gewachsen? Lindner sagt: „Ja, ich glaube schon. Auch wenn ich denke, dass Menschen in seiner Situation wohl das erste Lehrjahr zweimal machen müssten, weil ihnen nach dem Abschluss bei uns trotzdem mindestens ein Jahr fehlt. Und man müsste auf jeden Fall die Berufssprache intensiv lernen. Dafür braucht man Unterstützung. Wir planen derzeit, dass wir solch einen zusätzlichen Förderunterricht an unserer Schule integrieren.“ Aber grundsätzlich, so Lindner, seien alle seine Schüler hoch motiviert, alle wollten unbedingt arbeiten. Genau das, was Michael Zill sucht und schätzt.

Zill ist Chef der gleichnamigen Schreinerei in Höchstädt. Sambou hat bei ihm vor Kurzem ein Schnupperpraktikum gemacht. „Die Schule kam auf mich zu, und ich habe sofort zugestimmt“, schildert Zill. In Absprache mit dem Kooperationspartner der Berufsschule, dem Kolpingbildungswerk, wurde ein Praktikumsvertrag ausgefertigt. So wurden auch die rechtlichen Vorgaben eingehalten. Und der Aufwand habe sich gelohnt. Denn: „Er hat sich gut angestellt. Besonders im Sägen“, erzählt Zill. Er würde tausendmal lieber einen Azubi in seinem Unternehmen haben wollen, der motiviert und willig ist, als einen jungen Menschen, den man zur Arbeit tragen muss. „Die Sprache ist mir nicht so wichtig. Wir verstehen uns schon. Im Betrieb lernt man auch schneller“, sagt der Höchstädter Firmenchef. Darum sei es auch mit Sambou gut gelaufen, sprachliche Barrieren habe es nicht gegeben. „Er war drei Tage da und hat mitgeholfen. Er hat sogar eine eigene Schatulle angefertigt. Wenn ich für dieses Jahr nicht schon einen Lehrling gehabt hätte, hätte ich mir durchaus vorstellen können, ihm die Ausbildung zu geben“, sagt Zill. Sambou hätte nichts dagegen, es habe ihm in der Schreinerei Spaß gemacht. „Auch mit den Kollegas“, sagt er und grinst.

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Rechtlich ist es für den 21-Jährigen erlaubt, in Deutschland eine Ausbildung zu beginnen. Er ist aktuell „gestattet“. Und gerade im Landkreis Dillingen, sagt Lehrer Lindner, sei die Unterstützung für Flüchtlinge groß. „Mit dem Landratsamt klappt das alles gut. Sambou hatte wirklich Glück, dass er in den Landkreis gekommen ist“, so Lindner. Denn auch die Bereitschaft der Unternehmen, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, sei es zum Praktikum oder gar zur Ausbildung, wachse stetig. Bislang hat Lindner noch nie mit einer Firma schlechte Erfahrungen gemacht. „Natürlich darf man nicht vergessen, dass es eine besondere Herausforderung ist, mit solchen Menschen zu arbeiten und sie auszubilden. Viele haben ganz heftige Schicksale hinter sich. Auch die Sprache ist ein Hindernis“, sagt Lindner.

Aber das bisherige Feedback, das er von Betrieben erhalten habe, sei durchweg zufriedenstellend ausgefallen, es habe mit den Flüchtlingen funktioniert. Auch, weil Ehrenamtliche diese dabei unterstützten. Michael Zill fügt hinzu: „Sie brauchen eine Chance. Das reicht schon. Außerdem suchen wir dringend Lehrlinge. Mit Müh und Not bekommt man noch zwei Bewerbungen, und wenn man Glück hat, ist einer dabei.“ Für ihn als Firmenchef sei wichtig, dass seine Mitarbeiter, speziell die jungen Lehrlinge, den Willen haben, etwas zu lernen und sich im Betrieb zu engagieren. „Natürlich gibt es Vorurteile und Berührungsängste. Aber warum soll es nicht funktionieren?“

Sambou hätte diesen Willen. Aber er hat keinen Ausbildungsplatz. Im Herbst dieses Jahres macht er in Höchstädt seinen Mittelschulabschluss. Lehrer Konrad Lindner geht davon aus, dass der 21-Jährige die Prüfungen packt. Und dann? „Das ist die Frage“, sagt Lindner.

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