Newsticker

Jeder zweite Deutsche würde sich gegen Corona impfen lassen
  1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. Sie wollen den Bahnhof in Lauingen wiedererwecken

Lauingen

11.05.2020

Sie wollen den Bahnhof in Lauingen wiedererwecken

Gemeinsam wollen Martin Schlegl und Friederike Basedow wieder Leben an den Lauinger Bahnhof bringen. Ihre Pläne sind ambitioniert. Erreicht haben sie aber schon jetzt einiges.
Bild: Mayer

Plus Lange war das Gelände heruntergekommen und ungepflegt. Seit einiger Zeit tut sich etwas. Die neuen Investoren haben viel vor. Was vier Ziegen damit zu tun haben.

Martin Schlegl erinnert sich noch, wie es früher war: Als der Lauinger Bahnhof besser besucht, die Wartehalle nicht nur von fünf bis elf Uhr vormittags zugänglich und der Kiosk noch geöffnet war. In dem kleinen Raum, aus dem früher allerlei Zeitungen und Magazine verkauft wurden, hängen heute dicke schwarze Spinnweben von der Decke. An den Kiosk erinnern nur noch das Verkaufsfenster und ein Werbeaufkleber auf dem Tresen. Mittendrin in diesem staubigen Raum steht Martin Schlegl mit seiner Frau Friederike Basedow, beide in Arbeitskleidung. Basedow schaut an die Decke und sagt: „Ich habe vorher noch nie solch große Spinnweben gesehen.“ Schlegl grinst. Bleiben sollen die natürlich nicht.

Zwei Wohnungen im Obergeschoss

In den vergangenen fünf Jahren hat das Paar einige Grundstücke auf dem weitläufigen Bahnhofsgelände gekauft. Ihre letzte Errungenschaft: das Bahnhofsgebäude selbst. Im Obergeschoss dort gibt es bereits zwei Wohnungen, zwei weitere will Schlegl noch schaffen. Zwischen 4000 und 5000 Quadratmeter besitzt das Paar an der Bahnhofstraße entlang der Gleise inzwischen. Dazu gehören auch der alte Schrottplatz, das Bahnwärterhäuschen und die Güterabfertigungshalle. Mit den Investitionen ist Schlegl ein gutes Stück näher an die Verwirklichung seiner Vision gerückt: Er will dem Gelände neues Leben einhauchen.

Denn lange war die Situation nicht einfach: Auf der Rampe der Abfertigungshalle saßen abends oft Jugendliche zusammen, hörten laut Musik, rauchten, tranken. Auch Drogendealer hätten sich in den dunklen Ecken des Geländes immer wieder mit ihren Abnehmern getroffen, erzählt Schlegl. Doch das habe sich geändert: Den Jugendlichen etwa bot er an, sie könnten sich dort weiterhin treffen – wenn sie aufräumen. „Ich habe ihnen einen Besen hingestellt und gesagt, sie können bleiben, wenn sie ihren Müll auch wieder beseitigen.“ Seitdem ist es auf dem Gelände deutlich ordentlicher – auch weil einige Jugendliche laut Schlegl mittlerweile freiwillig beim Saubermachen helfen. Drogen würden seines Wissens nach dort ebenfalls nicht mehr gehandelt.

Schlegl und Basedow packten natürlich ebenfalls an: Die verwucherten Holunderbüsche zwischen Hauptgebäude und Lagerhalle wurden ausgerissen, die Fläche darunter gepflastert, zudem schmücken einige Blumen nun den Absatz. „Die Wurzeln sprengten den Beton auf. Wir mussten was tun“, erklärt Schlegl. Jetzt können dort Pendler parken, wenn sie mögen.

Familien mit Kindern kommen vorbei

Doch das ist nicht alles. Eine Veränderung, die sich in Lauingen schnell herumgesprochen hat, steht in einem Gehege aus Bauzäunen neben der alten Abfertigungshalle: Vier Ziegenböcke grasen dort, klettern auf den Steinen herum und präsentieren sich in allen denkbaren Posen. Immer wieder kommen Familien mit ihren Kindern vorbei, um die Tiere zu besuchen. Waldemar, Josef, Henri und Ludwig kommen dann ganz nah an den Zaun, lassen sich streicheln und mit etwas Glück stauben sie auch die ein oder andere Karotte ab. Die Tiere sind ein Teil von Schlegls Großprojekt: Wenn alles fertig ist, soll an dieser Stelle eine Art Streichelzoo entstehen. „Die meisten Kinder bekommen solche Tiere ja heute nicht mehr zu sehen. Seitdem die Ziegen da sind, haben sie die größte Freude“, erzählt der 60-Jährige. Um den Lerneffekt zu erhöhen und noch mehr bieten zu können, will er irgendwann aus einem Wagen heraus Eis aus Ziegenmilch verkaufen. „So lernen die Kinder, wo das Produkt herkommt.“


Bild: Mayer


Die meiste Arbeit hatten Schlegl und Basedow aber wohl mit der Abfertigungshalle und dem Schrottplatz. Rund 30 Tonnen Schutt haben sie nach eigener Aussage aus dem Untergeschoss der Halle abgetragen – mit Schaufeln und Eimern. „Für einen Bagger hätten wir das Dach entfernen müssen. Das wollte ich nicht“, erzählt Schlegl. Auch den Schrottplatz, vorher vollgestellt mit Autowracks, alten Reifen und sonstigen Überbleibseln, haben sie auf Vordermann gebracht: Der Schrott ist weg, nachts schlafen dort jetzt die Ziegen von nebenan. So manche Schätze sind aus dem Gerümpel hervorgekommen: Schlegl zeigt etwa zwei antike Nähmaschinen der Marke Singer und ein Dampfmodellbauset, das er zwischen dem Gerümpel gefunden hat. Im Keller der ehemaligen Werkstatt hat eine Band aus Lauingen inzwischen ihren Proberaum eingerichtet. In den Räumen darüber will Schlegl in den kommenden Jahren eine Handwerkerkneipe einrichten. „So, dass der einfache Handwerker kommen, sich hinsetzen kann und eine gute Zeit hat“, erklärt er. Umsetzbar sei das recht schnell, sagt der hauptberufliche Polizist. Der Boden des ehemaligen Schrottplatzes sei nicht belastet. Das habe er prüfen lassen.

Der ehemalige Schrottplatz in Lauingen

Die Einrichtungsgegenstände für die Kneipe liegen schon bereit – wenn auch nur im Rohzustand. Duzende Baumstämme liegen fein aufgestapelt vor und hinter der Wand, die den ehemaligen Schrottplatz umgibt. In der Lagerhalle daneben wartet eine riesige mobile Sägemaschine auf ihren Einsatz: Aus dem Holz der Stämme will Schlegl die Möbel für die Kneipe machen lassen. „Mein Wunsch wäre, dass das ein junger Schreiner aus der Region macht“, erzählt Schlegl. Denn das ist ihm wichtig: Regionalität. Die Baumstämme stammen aus Lauingen und Wittislingen, die Ziegen aus Ziertheim. „Hier in der Region gibt es doch alles, was man braucht. Wieso sollte man sich da woanders bedienen.“


Bild: Mayer

Wenn Schlegl, der aus Wertingen stammt und schon seit vielen Jahren engen Kontakt nach Lauingen hat, von seinem Projekt spricht, gerät er ins Schwärmen. Er steht in der ehemaligen Verladehalle zwischen Kisten voller Zeug, das er und seine Frau beim Aufräumen gefunden haben. Früher seien von der Halle aus ein Großteil der Produkte, die in Lauingen hergestellt wurden, exportiert worden: Zuckerrüben, Mähdrescher und vieles mehr wurden auf Züge verladen und abtransportiert. „Da war mal richtig Leben da“, schwärmt er. Schlegl zeigt sogar ein Schild, auf dem „Robert Stein Schneckenexport“ steht. Als er es fand, habe er sich schwer gewundert. „Anscheinend wurden die hier früher gezüchtet und verkauft“, erzählt er. In der Verladehalle könne er sich vorstellen, irgendwann eine Art Viktualienmarkt einzurichten. Außerdem träumt er von einem Fuhrwagen, mit dem Besucher eine Rundtour durch die nähere Region machen können. Und dann soll natürlich auch der Kiosk am Bahnhof wieder aufmachen.

31. August 2021 ist das Ziel

Seine Vision nimmt er sehr ernst: Regelmäßig fahren Schlegl und Basedow den weiten Weg aus München, wo er als Polizist arbeitet und sie als Immobilienmaklerin tätig war, nach Lauingen, nur um weiterzuarbeiten. Ab nächstem Jahr will Schlegl aber seine ganze Aufmerksamkeit auf sein Projekt legen: „Am 31. August 2021 gehen in München die Rollläden für immer zu. Dann geht’s nach Lauingen“, sagt er voller Vorfreude. Wenn alles fertig ist, die Kneipe eröffnet und das Ziegeneis den Kindern schmeckt, will er vor allem eines: „Dass man hier eine menschliche Heimat findet.“

Lesen Sie auch:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren