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Wittislingen

26.10.2017

So gelingt Integration, ein Beispiel aus Wittislingen

Nazanin Rahimi (Blockflöte), Hadise Rahimi (Violoncello) (von links) und ihr Lehrer und der Initiator der Konzertreihe Hans Eller.
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Nazanin Rahimi (Blockflöte), Hadise Rahimi (Violoncello) (von links) und ihr Lehrer und der Initiator der Konzertreihe Hans Eller.

Afghanen und Deutsche gaben in Wittislingen wieder ein Konzert. Obwohl es ein Erfolg war, könnte es das Letzte gewesen sein.

Wittislingen Der Krieg mag vielleicht ein Land zerstören können, aber er kann nicht die Erinnerung eines Volkes an seine Kultur, Musik oder Poesie auslöschen. „Deshalb ist es meiner Auffassung nach viel einfacher, auf der Ebene von Kunst, Dichtung oder Musik Asylbewerber zu integrieren. Und wir haben schon gute Ergebnisse erzielt“, sagte Hans Eller, der Initiator einer interkulturellen Konzertreihe.

Bereits im dritten Jahr in Folge kamen in der Aula der Grund- und Mittelschule Wittislingen deutsche Musiker sowie Erwachsene und Kinder aus Afghanistan für das Konzert „West-östlicher Divan“ zusammen, um gemeinsam zu musizieren und zuzuhören. Der Name des Konzerts geht auf die umfangreiche Gedichtsammlung desselben Namens von Johann Wolfgang von Goethe zurück, zu der er vom persischen Dichter Hafis inspiriert wurde.

Das Besondere in diesem Jahr waren Ausschnitte aus Gedichten von Hafis und Goethe, die von afghanischen Mitbürgern vorgetragen wurden. Eine Gruppe afghanischer Männer und Frauen – die Frauen alle ohne Kopftuch – rezitierten die Verse sowohl auf deutsch als auch auf afghanisch, teilweise auswendig. „Wir sind alle mit den Worten von Hafis aufgewachsen und es ist uns eine Ehre, sie auch auf persisch vortragen zu dürfen“, freut sich Heidar Rahimi. Lyrik war immer schon einer der Pfeiler der afghanischen Bildung, sie ist fester Bestandteil der afghanischen Kultur. Auch Goethe konnte sich deren Zauber nicht entziehen und so war für ihn das Land Hafis ein Sehnsuchtsland des „Reinen und Rechten“, wohin er gerne vor den politischen Unruhen des Europas des 18. und 19. Jahrhunderts geflohen wäre. Die Ironie der Geschichte, dass diese Situation heute genau umgekehrt ist, ist einer der Gedanken, die Hans Eller seinen Zuhörern mitgibt.

Vor dem Konzert empfangen Hadise und Nazanin Rahimi, die beiden afghanischen Schwestern, die an dem Konzert mitwirken, die Konzertbesucher herzlich: „Ich bin sehr glücklich über den heutigen Tag“, strahlt Hadise. Dabei ist deutlich zu spüren, dass die beiden voll integriert sind.

Neben der problemlosen Konversation mit den Besuchern fügen sich die Elfjährige und ihre neunjährige Schwester auch perfekt in die Musikergruppe ein. Stücke von verschiedenen europäischen Komponisten wie Bach, Bréval, Schumann, Schubert oder Corrette werden in verschiedenen Besetzungen vorgetragen.

Dabei spielen Nazanin Rahimi Blockflöte, Cornelia Schupp und Jordan Schreiber Violine, Benedikt Haggenmüller Viola sowie Hadise Rahimi, Hans Eller und Christian Oblinger Violoncello. Die Musiker bestreiten den Abend alle ehrenamtlich und waren teilweise weit angereist.

Einige während der Zwischenpausen vorgetragene Gedichte von Goethe wurden anschließend in der von Schumann und Schubert vertonten Version von Bariton Klaus Nürnberger eindrucksvoll vorgesungen – beispielsweise die „Schenkenlieder“, „Geheimes“ oder „Talismane“. Eine weitere Besonderheit des Abends ist die Uraufführung der „Toccatina und Fughetta“, ein von Hans Eller selbst komponiertes Stück, das den Zuhörer in originelle Klangwelten entführt.

In der Pause verkaufte Mahnigar Rahimi, die Mutter von Nazanin und Hadise, von den afghanischen Frauen selbst genähte Taschen des Projektes „Homeless“ des Netzwerks Asyl Wittislingen.

Nach dem Konzert war Hans Eller etwas wehmütig: „Das war vielleicht das letzte Konzert dieser Art“, bedauert er. Die Familien, die anfangs im Bayerischen Hof in Wittislingen wohnten, sind inzwischen weggezogen. „Ich müsste persönlich jedem hinterherfahren und dann Unterricht geben. Das ist auf die Dauer nicht zu leisten“, so Eller. Nazanin und Hadise erwiesen sich als besonders begabt: „Die Entwicklung der beiden ist erstaunlich. Sie sind hoch motiviert.“ Da die beiden jedoch mittlerweile fast die Einzigen seien, die mit dem Musikunterricht fortfahren möchten, sieht Eller die Zukunft des Projektes kritisch.

Trotz Zukunftssorgen ist das Projekt ein konkretes Beispiel dafür, dass Musik keine ethnischen, politischen oder religiösen Grenzen kennt. Und dass die Grenzen, die die Völker der Erde teilen, mit Musik überwunden werden können. (mit Katharina Hillenbrand (Übersetzung)

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