1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. So kam die Psychiatriereform 1975 zustande

Veröffentlichung

05.12.2019

So kam die Psychiatriereform 1975 zustande

Felicitas Söhner
2 Bilder
Felicitas Söhner

Felicitas Söhner hat Zeitzeugen über die Enquete von 1975 befragt. Jetzt ist das Buch erschienen

Der „Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland“, den eine Sachverständigenkommission 1975 veröffentlichte, hat die Arbeit von Psychiatern nachhaltig beeinflusst. Der Rückblick auf die Verfolgung psychisch Kranker in der NS-Zeit veranlasste 1975 die „Psychiatrie-Enquete“, die „Befriedung humaner Grundbedürfnisse“ als Hauptziel psychiatrischer Arbeit in stationären Einrichtungen zu deklarieren und umfassende Reformen vorzuschlagen.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Die Dillingerin Felicitas Söhner hat sich die Aufgabe gestellt, im Gespräch mit Zeitzeugen die Wirkung und Problematik der Enquete-Empfehlungen zu untersuchen. Ihr Buch „Psychiatrie-Enquete: mit Zeitzeugen verstehen“ ist soeben im Psychiatrie-Verlag Köln erschienen. Felicitas Söhner, seit 2017 Leiterin des Dillinger Stadtarchivs, studierte Kulturwissenschaften, Geschichte und Literatur an der Fern-Universität Hagen. Zu den thematischen Schwerpunkten ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit gehört seitdem das Gebiet der „Oral History“. Diese Geschichtsbetrachtung, die sich auf die Befragung lebender Zeugen stützt, hat auch Söhners weitere Veröffentlichungen entscheidend mitbestimmt. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universität Düsseldorf hat sie sich nun mit der Psychiatriereform in der BRD beschäftigt. Im Gespräch mit 28 kompetenten Zeitzeugen, deren Namen im Anhang aufgelistet sind, offenbart sich die oftmals polarisierende Wirkung des Enquete-Dokuments, das der damaligen Psychiatrie „beträchtliche Lücken in der Versorgung“ vorwarf. Felicitas Söhner untersucht in ihrer Analyse aber auch den Einfluss von gesellschaftspolitischen Debatten und der medialen Öffentlichkeit.

Professor Heiner Fangerau, Universität Düsseldorf, und Professor Thomas Becker, Universität Ulm, sehen als Herausgeber in diesem Ansatz den besonderen Wert der Arbeit von Felicitas Söhner. „Weitere „Projekte … können nun auf dieser richtungsweisenden Oral-History-Arbeit von Felicitas Söhner aufbauen.“ Die Autorin verdeutlicht den Einfluss, den die „Denkkollektive“ unter den Befürwortern einer Psychiatrie-Reform im Vorfeld der Enquete-Publikation ausübte. So wird verständlich, auf welchem Hintergrund Forderungen nach der Intensivierung von Beratungsdiensten, nach Umstrukturierung psychiatrischer Großkrankenhäuser oder auch nach Gleichstellung somatisch und psychisch Kranker entstanden sind. Die Zeitzeugenaussagen belegen darüber hinaus, „dass es bei Akteuren in Administration und Psychiatrie den Willen gab, die soziologische Perspektive in die Arbeit der Sachverständigenkommission einzubeziehen.“

„Psychiatrie-Enquete: mit Zeitzeugen verstehen – Eine Oral History der Psychiatriereform in der BRD“, Psychiatrie-Verlag Köln, Paperback 207 Seiten, 25 Euro. Das Buch ist im örtlichen Buchhandel vorrätig.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren