Newsticker
RKI warnt vor Überschätzung von Selbsttests in der Pandemie-Bekämpfung
  1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. Stadtsaal Dillingen: Der weise Seher war eine Frau

Dillingen

24.01.2019

Stadtsaal Dillingen: Der weise Seher war eine Frau

Das Gastspiel des Landestheaters Tübingen mit der Tragödie „Die Antigone des Sophokles“ im Dillinger Stadtsaal charakterisierte sich vor allem durch pantomimische Gruppenbewegungen, mit denen die jeweilige Stimmung einen optischen Ausdruck erhielt.
Bild: Foto: LTT/Tobias Metz

Das Landestheater Tübingen bringt „Die Antigone des Sophokles“ in den Stadtsaal Dillingen. Und die Schauspieler haben gleich mehrere Rollen.

Leichte Kost war das nicht. Wer sich noch nie mit der „Antigone“ des Sophokles beschäftigt hatte, wird im Stadtsaal eine schwere Stunde erlebt haben. Denn das Stück, uraufgeführt im Jahre 442 vor Christus, kam zum Dillinger Kulturring in einer Fassung, die von Hölderlin, Brecht und schließlich vom Landestheater Tübingen LTT frisiert worden war.

Im Stadtsaal hieß es: Aufpassen!

Das Ergebnis war eine 75-Minuten-Show, die mit ihrer pantomimischen Akkuratesse mehr beeindruckte als mit dem Thema, das den Konflikt zwischen staatlicher Ordnung und persönlichem Gewissen behandelt. Thebens König Kreon deklariert seinen toten Sohn Polyneikes als Landesverräter und verweigert ihm das Begräbnis.

Antigone, Schwester des Polyneikes, widersetzt sich dieser Anordnung. Sie beruft sich auf Verpflichtungen durch göttliches Recht und Geschwisterliebe. Sie ist bei Sophokles die Heldin, schafft aber die Voraussetzungen für die Auslöschung ihrer Familie und damit für die tragische Katastrophe. Da musste man im Stadtsaal gut aufpassen, um bei der gekürzten Dramenversion nicht unter die Räder der Überforderung zu geraten. Denn selbst Hölderlins Übertragung ins Deutsche und Brechts Aktualisierungsakzente verdecken nicht völlig die großartige Sprache des Sophokles mit ihrem rhythmisierten Wohlklang, ihrem genitivverliebten Pathos und ihren gewaltigen Satzkonstruktionen.

Sprachverkümmerung der Gegenwart

Dass dieser Stil dem Theaterbesucher im 21. Jahrhundert Akzeptanzprobleme verschafft, lässt auch Rückschlüsse auf die allgemeine Sprachverkümmerung in einer Zeit zu, deren Ausdrucksweise sich nicht an stilistischen Idealen, sondern an der praktischen Vernunft der Alltäglichkeit orientiert. Erstaunlich ist die Bereitschaft Brechts, das hymnische Übersetzungsdeutsch Hölderlins weitgehend zu übernehmen. Nur selten verfällt er in seinen eigenen Jargon.

Als Antigone nach dem Motiv ihrer Hartnäckigkeit gefragt wird, sagt sie auf Augsburger Art „Halt für ein Beispiel“. Diese Beispielhaftigkeit einer konsequenten Handlungsweise hat die LTT-Regisseurin Juliane Kann nicht angetastet. Infrage gestellt wird aber der Titel des Stücks, weil Kreon in der Tübinger Fassung zur dominanten Figur wird. Und das sechsköpfige Ensemble wurde veranlasst, die jeweilige Stimmung der kontrastierenden Szenen in pantomimische Bilder zu übertragen.

Zu- und Abwendung, Angst und Hoffnung, Schmerz und Resignation sollten in synchronisierten Gruppenbewegungen der Darsteller einen interpretierenden optischen Ausdruck gewinnen.

Ein zwiespältiges Resümee

Die Darsteller gaben ihre Individualität immer wieder auf und verwandelten sich in Mitglieder des Chors. Ralf Kindermann stattete die Figur des Kreon mit großer Leidenschaft aus, Lisan Lantin verschaffte der Antigone das Profil einer leidensbereiten Leitfigur, Gilbert Mieroph steigerte seinen Auftritt als Bote bis zur Groteske und der Seher Tiresias war eine Frau.

Unklar blieb, ob Schauspielerin Sabine Weithöner in dieser Männerrolle zur Herstellung maskulin-femininer Parität auf der Bühne oder wegen der knappen LTT-Personaldecke eingesetzt wurde. Am Schluss wurde geklatscht. Aber fraglich ist, ob die zentrale Botschaft „Zum Hasse nicht, zur Liebe leb ich“ mit nach Hause genommen wurde. Mehrere Besucher erklärten im resümierenden Gespräch, dass sie in der Pause gegangen wären, wenn es eine Pause gegeben hätte.

Mehr zu Kunst und Kultur im Landkreis können Sie hier lesen:

Zum Henker mit diesem Jammermeier! Oder ist Höchstädt gnädig?

Vor 750 Jahren: Mit Oberliezheimer Gütern die Schulden bezahlt

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren