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Musik

03.07.2013

Stimmakrobatik und Klangzauber

Bild: Walter

Kammerchor aus Melbourne mit phänomenaler Qualität in der Dillinger Basilika

Dillingen Warschau, Berlin, Hamburg, Dillingen: Stationen der Europatournee des australischen Kammerchores aus Melbourne, der am Sonntagnachmittag in der Basilika mit einem sensationellen Debüt aufwartete. Douglas Lawrence, der 2008 als Gast des Dillinger Orgelsommers auf der Sandtner-Orgel spielte, hatte ein Jahr zuvor den Australian Chamber Choir gegründet und ihn zu einem Ensemble in der Championklasse geformt. Hoch zu rühmen die Vielseitigkeit der acht männlichen und zehn weiblichen Mitglieder, deren Können sich in einem bewundernswerten Programm offenbarte.

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Brücke zwischen der Alten und Neuen Welt

Es schuf eine Brücke zwischen dem archaischen Australien und dem Westen, zwischen der Alten und der Neuen Welt und zwischen der Musik aus drei Kontinenten und fünf Jahrhunderten. Darin waren beheimatet die Renaissancesätze „Sing joyfully“ (von William Byrd), das Magnificat und „Nunc dimittis“ (von Orlando Gibbons), Robert Schumanns doppelchöriger Gesang „An die Sterne“, das „Vaterunser“ (Anton Arensky) und J. S. Bachs Motette für achtstimmigen Doppelchor „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir“. Dank seines Studiums in Europa ist Douglas Lawrence mit dem harmonisch-kontrapunktischen A-cappella-Stil der Renaissance und des Barock vertraut. Er kennt die Differenzierung und den Ausdruck der Empfindung, wie sie sich in der Romantik spiegelt, und kann sich in die slawische Frömmigkeit hineinversenken.

Stimmakrobatik und Klangzauber

Der Chor nahm mit Exaktheit, Klarheit und tiefem Verstehen die Intentionen des Dirigenten auf. Er gestaltete mit beispielhafter Intonation und bestechender rhythmischer Sicherheit; der Kammerchor strukturierte transparent, klangschön, stimmig. In der prächtigen Akustik der Basilika wurde die Meisterschaft des Chorsingens zum Lobpreis des Göttlichen.

Noch nie solch ekstatische Klangwucht erlebt

Wie sich das Ensemble dann zu diametral anders geprägten Chorsätzen aufschwang, war frappierend. Noch nie hatte man in der Basilika solch eine radikale, ekstatische Klangwucht erlebt. In „As I crossed a bridge of dreams“ (von Anne Boyd, 1975) musste der Chor ein japanisches Gedicht aus dem 11. Jahrhundert umsetzen, in dem die australische Komponistin die irrealen Sphären um die rigiden Einschränkungen durch den fernöstlichen Kulturkreis beschreibt. Boyd wählt dabei als Tonmaterial eine Ganztonskala mit Ergänzungen, die einer japanischen Skala ähnelt. In „Awit ni Solomon“ (1990) benützt der 20-jährige Philippine Robin Estrada die weitreichenden Gesangstechniken, die den Sound des Dschungels heraufbeschwören.

In diesem kühnen wie innovativen Werk mischt Estrada westliche Formen mit südostasiatischen Musikstilen. Schließlich reflektiert Christine McCombe in ihrem „Lexicon of dreams“ (2013) Traumreisen, in denen man von oben auf besondere Pfade der Landschaft schaut. Der Wald, weite Ströme, der Ozean, eine grenzenloser blauer Himmel widerspiegeln eine typische australische Gefühlswelt. Unter der inspirierenden Leitung von Douglas Lawrence entwickelte sich ein befremdlicher, zeitweise irritierender Kosmos, der alle sängerischen Möglichkeiten ausleuchtete. Dazu gehörte mystisches Versenken genauso wie umwerfende Eruptionen.

Stimme als Ausdruck innerer Befindlichkeit

Die Stimme wird eingesetzt als Ausdruck innerer Befindlichkeit, zusammengefügt von Chorpersönlichkeiten zu hinreißenden Interpretationen. Axel Flierl, dem das Engagement des Chores zu danken ist, leitete auf der Orgel das denkwürdige Konzert meisterhaft mit dem Präludium und der Fuge BWV 541 von J. S. Bach ein und umrahmte die Robert-Schumann-Chöre mit zwei Stücken in kanonischer Form des gleichen Komponisten.

Zu Recht überwältigender Beifall im gut besuchten Kirchenraum und zwei tief empfundene Spirituals als Zugabe.

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