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Dillingen

21.10.2019

Suizid: „Wie hätte ich das denn erkennen können?“

Wenn ein Mensch sich umgebracht hat, führt das nicht nur bei Ermittlungsbeamten zu Fragen. Vor allem die Angehörigen bleiben mit vielen Fragen zurück. In Dillingen sprach jetzt Professor Thomas Becker, der am Günzburger Bezirkskrankenhaus arbeitet, zu diesem Thema.

Plus Betroffene Angehörige suchen bei einem Professor des Günzburger Bezirkskrankenhaus in Dillingen Rat.

Wie kommt es zu einem Selbstmord? Kann man das verhindern? Und wie können Angehörige damit umgehen? „Die Erforschung der Ursachen beginnt immer auch mit dem Nachdenken über die Gesellschaft“ – darauf hat jetzt der Chefarzt des Bezirkskrankenhauses Günzburg, Thomas Becker, hingewiesen.

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Der erfahrene Psychiatrie-Professor sprach anlässlich des Tages der seelischen Gesundheit vor Betroffenen, Fachkräften und Angehörigen über mögliche Präventionsmaßnahmen. Dazu ließen sich rund zwei Dutzend diskussionsfreudige Besucher in der Dillinger „Osteria zur goldenen Traube“ fast zwei Stunden lang zu einem ungewöhnlichen „Trialog“ ein.

Moderatorin und Ärztin im Ruhestand Ulrike Wenger von der Dillinger Selbsthilfegruppe Transmitter wählte die in der Fachbranche geläufige Diskursform bewusst wie geschickt aus, damit „die übliche Sitzordnung im Saal aufgesprengt wird und man sich gegenseitig in die Augen sehen“ könne.

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Was die Finanzkrise 2007 damit zu tun hat

Der Gastreferent aus dem Nachbarlandkreis blickte denn auch zurück wie nach vorne in die Zukunft. So sei die heutige Theorie des Suizids aus den Veränderungen in der Gesellschaft der Vergangenheit entstanden. „Der Verlust einer Ordnung stellte auch ein Risiko für Depressionen dar“, betonte Becker und wehrte sich gegen landläufige „Fehlbegriffe“ wie etwa Freitod oder Selbstmord. Als Beispiele für Zäsuren in den Staaten mit Folgen für die menschliche Gesundheit nannte er zum Beispiel die Finanzkrise im Jahr 2007, bei der eine deutliche Zunahme der Suizide besonders in südeuropäischen Ländern zu verzeichnen gewesen sei.

Erschreckende Zahlen, große Unterschiede

Mit erschreckenden Zahlen allein wie etwa dem Tod von jährlich fast 10.000 Menschen in Deutschland mochte sich der Praktiker kaum allzu lange abgeben, sondern an die Hilfsbereitschaft aller im Raum appellieren. Auch beschränkte er sich zum Beispiel mit dem Hinweis, wonach Suizide häufiger in Staaten wie Finnland aufträten, im Osten mehr als im Westen Europas oder in Sachsen mehr als in Nordrhein-Westfalen.

Wichtig erschien dem Experten, die Aufmerksamkeit auf besondere Risikogruppen hierzulande wie ganz junge Erwachsene und ältere Männer hinzuweisen. Welche „Signale“ von diesen zu erwarten seien, wenn man als Angehöriger sich Sorgen machen würde, diese Frage rückte an diesem Abend mehr und mehr in den Mittelpunkt des angeregten Trialogs. Auslöser war etwa der Hilferuf eines anwesenden Mannes, dessen Bruder sich das Leben genommen hatte: „Wie hätte ich denn erkennen können, dass er in allergrößter Not war?“

Was kann eine Erzieherin tun, die Angst um eine Jugendliche hat?

Eindeutige Antworten wollten auch die anwesenden Ärzte und Spezialisten nicht geben. Obwohl sie sich wie der Dillinger Arzt Albert Pröller engagiert den zahlreichen Anfragen stellten.

Ulrike Wenger (links) und Günzburgs Bezirkskrankenhauschef Thomas Becker diskutierten in Dillingen über das Thema Suizid.

Etwa jener der jungen Erzieherin, die sich große Sorgen um eine von ihr betreute Jugendliche machte. Thomas Becker: „An dem betroffenen Menschen hängt kein Schild oder eine technische Anzeige wie einem Tempomesser im Auto – wir können es nicht ablesen, wie es ihm geht.“

Ein dramatisches Beispiel mit tragischem Ausgang

Ulrike Wenger, die in fachlicher wie launiger Weise den Spannungszustand der ungewöhnlichen Veranstaltung bis zum Schluss aufrechterhielt, trug ein eigenes dramatisches Beispiel mit tragischem Ausgang bei. So hatte sie als junge Ärztin eine Patientin beinahe verloren, die sich mit zusammengeknüpften Strümpfen das Leben beenden wollte. „Wir müssen unsere Sinne schärfen, und vor allem reden.“

Wie schwierig das Erkennen von gewissen Vorzeichen bei Fremden wie Angehörigen ausfällt, machte eine Frau deutlich, die ihren behinderten und psychisch erkrankten Ehemann verloren hatte. Auf die Frage eines anderen Gastes, weshalb sie denn trotz des Schicksalsschlages so einen heiteren Eindruck vermittele, gab es die Antwort: „Das Lachen ist nur wie eine Maske, ich blicke selbst dann noch so lustig drein, wenn es mir furchtbar schlecht geht.“

Trotz des traurigen Themas wurde auch gelacht

Dass bei der Versammlung sehr unterschiedlich stark betroffener Leute bisweilen auch viel gelacht wurde, lag an der schnörkellosen Offenheit aller Beteiligter. Und wohl auch an manchen positiven Aussichten. So freute sich Professor Thomas Becker über die zunehmende Bereitschaft von Erkrankten, sich helfen lassen zu wollen. Zudem lobte der Mediziner das verbesserte Angebot an Vorsorge wie Behandlung. Dabei nannte er die wichtige Dezentralisierung der Hilfsmöglichkeiten und Kooperationen etwa mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst beim Caritasverband für den Landkreis. Letzteren stelle Maria Neureiter-Suske vor und versprach „umgehende Hilfe“.

Von wegen "freier Wille"

Die Diplom-Sozialpädagogin wollte zudem mit ein paar Mythen Außenstehender aufräumen: „Nichts zu tun nach dem Motto: ‚Hunde, die bellen, beißen nicht’ stimmt keineswegs – wir müssen diese belasteten Menschen ernst nehmen.“ Beseitigen mochte außerdem Ärztin Ulrike Wenger mit dem sogenannten „freien Willen“ eines Bürgers. „Wenn sich jemand aus einer psychischen Erkrankung heraus umbringen möchte, herrscht da kein freier Wille mehr vor.“

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