1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. Theater: Hape Kerkeling pilgert mit dem Radetzky-Marsch

Dillingen

14.04.2019

Theater: Hape Kerkeling pilgert mit dem Radetzky-Marsch

Das Landestheater Hessen setzte Harpe Kerkelings Erfahrungen auf dem Jakobsweg auf der Bühne um.
Bild: Jörg Carstensen, dpa

Das Landestheater Hessen gastiert mit „Ich bin dann mal weg“ in Dillingen. Wie zwischen Radetzky-Marsch und seichtem Geplapper der Jakobsweg verloren geht.

Der Weg nach Santiago de Compostela ist lang. Das verdeutlichte auch die dramatisierte Fassung des Kerkeling-Berichts „Ich bin dann mal weg“ im Dillinger Stadtsaal. Beim zweieinhalbstündigen Gastspiel des Hessischen Landestheaters hatten die 200 Besucher im Stadtsaal allerhand auszuhalten.

Wie "Ich bin dann mal weg" auf der Theaterbühne aussieht

Damit teilten sie die Leiden und Erfahrungen, die der Entertainer Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg gesammelt und in einem Bestseller verarbeitet hat. Das Hessische Landestheater Marburg (HSLM) hat das dort enthaltene Material in szenische Episoden umgeformt und 2018 in Marburg uraufgeführt. Jetzt durften auch die Dillinger Kulturring-Freunde erfahren, dass eine Pilgerschaft in heutiger Zeit nicht immer zur inneren Einkehr, aber gewiss zu kuriosen Begegnungen führt.

Dem Sparzwang, der den deutschen Theaterunternehmen auferlegt ist, beugte sich das HLTM nicht mit Kürzung der Aufführungsdauer, sondern mit der beschränkten Zahl der Akteure. Sven Brormann bewältigt in der Rolle des Hans Peter Kerkeling eine Riesenaufgabe, weil er mit vitaler Stimme und bewundernswerter Rhetorik die Stimmungsschwankungen des modernen Fernwallfahrers verdeutlicht.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Ihm zur Seite stehen zwei Darstellerinnen, die verschiedenste Figuren zu verkörpern haben. Eine dieser Blumen am Rand des Jakobswegs wird schlicht als „Anne“ bezeichnet, verwandelt sich aber mit Temperament und Schwung in die merkwürdigsten Existenzen. Viktoria Schmid erfüllt den gleichen Auftrag und zeigt vor allem mit der Psychologisierung der Britin Sheelagh, dass sich auf dem Jakobsweg sehr bequem Menschenkunde betreiben lässt.

Warum der Grundgedanke verloren geht

Als hilfreich für das notwendige Spektakel jeder Bühneninzenierung erweist sich ein großflächiger Vorhang im Zentrum des Schauplatzes. Er wird immer wieder zur Projektionsfläche, auf der die Stationen des Pilgermarsches und gelegentlich auch die Statements von Marschgefährten gezeigt werden.

Das quasi-religiöse Generalthema erzwingt selbstverständlich auch philosophische Ansätze. Die Forderung „Erkenne dich selbst“, erstmals fixiert im Apollo-Tempel zu Delphi, wird ebenso als Gesprächsimpuls genutzt wie die buddhistische Erleuchtungssehnsucht. Aber immer wieder ertrinken diese Bemühungen um Geist und Tiefe in seichtem Geplapper und in hübsch vorgetragenen Song-Fragmenten, begleitet von Flöte und Gitarre. So werden im zweiten Teil der Aufführung die Pilger auf ihrem Weg nach Compostela sogar vom Radetzky-Marsch begleitet, dem ein spaßiger Text unterlegt wird. Aber vom ursprünglichen Sinn der Jakobswallfahrt bleibt nicht viel mehr übrig als Sheelaghs säkularisierter Ausruf „Oh my God!“.

Lesen Sie dazu auch:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren