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Dillingen

13.07.2020

Tönnies-Skandal: Gibt es Auswirkungen im Landkreis Dillingen?

183 Schweinemastbetriebe gibt es im Landkreis Dillingen (Stand 2018). All diese Schweine werden geschlachtet. Die Diskussion um die Haltung ist aufgrund des Tönnies-Skandals wieder ausgebrochen – auch im Landkreis Dillingen. „Nirgends ist Schlachten so billig wie in Deutschland.“
Bild: Bernhard Weizenegger (Symbol)

Plus Rheda-Wiedenbrück ist weit weg, doch die Schließung aufgrund Corona spüren die Betriebe auch hier. Was unsere Landwirte sagen.

183 Schweinemastbetriebe gibt es im Landkreis Dillingen (Stand 2018). Zehn Jahre zuvor waren es noch 306 Betriebe gewesen. Die verbliebenen Betriebe jedoch wachsen, die Anzahl der Tiere ist in all den Jahren gestiegen, von insgesamt 32882 Schweinen auf 36476. Die Zahlen stammen vom Landwirtschaftsamt in Wertingen.

Deutschlands marktführende Schweine-Schlacht-Firma Tönnies musste ihren Hauptproduktionsbetrieb in Rheda-Wiedenbrück herunterfahren. Wie berichtet, waren dort mehrere Mitarbeiter am Coronavirus erkrankt. 30000 Schweine wurden bis dahin in Rheda-Wiedenbrück täglich geschlachtet – und ein Großteil aller deutschen Altsauen. Tonnenweise Frischfleisch und Tiefkühlprodukte wurden dort produziert.

Noch keine Schlachttermine abgesagt

Stephan Neher, Vorstandsvorsitzender der Erzeugergemeinschaft Franken-Schwaben (EG), schätzt, dass derzeit in Deutschland ungefähr 20 Prozent weniger Schweine geschlachtet werden. Zwar werden Schweine aus dem Landkreis Dillingen in der Regel nicht bei Tönnies geschlachtet, doch kann die dortige Schließung auch für den Landkreis Folgen haben, denn es gebe Verschiebungen. Die EG fahre Tiere aus der Region zu Schlachthöfen nach Augsburg und Ulm. Bislang seien dort wegen des aktuellen Überangebots an Tieren noch keine Schlachttermine abgesagt worden, sagt Neher. Sollte einer der beiden Schlachthöfe nicht die ausgemachte Menge abarbeiten können, weil jetzt auch andere Landwirte ihre Schweine dorthin bringen, müsste die Erzeugergemeinschaft eine Lösung finden. „Wir können Tiere schieben – aber leicht ist das nicht“, erklärt Neher.

So würde es allein nach Weihnachten oft bis zu 14 Tage dauern, bis der Überhang, der sich über die Feiertage angesammelt hat, wieder abgebaut sei. „In diesem Komplex zwischen Zucht, Mast und Schlachtung ist alles getaktet. Wenn an einer Stelle Unruhe entsteht, zwickt es überall“, sagt Neher. Schweine, die nicht geschlachtet werden könnten, würden schwerer. Der Bauer bekomme dann für diese weniger Geld. Parallel dazu würden laufend neue Ferkel geboren, und die müssten auch irgendwohin. Aufgrund „strenger Haltungsverordnungen“ könne man die Tiere auch nicht irgendwohin stecken, wenn es zu viele seien. Und gefüttert werden müssten auch alle. Neher glaubt, dass diese Zusammenhänge nicht jedem bewusst seien. Gerade kleinbäuerliche Familienbetriebe gerieten in dieser Situation sehr unter Druck.

Preis für ein Schwein

Der EG-Vorstandsvorsitzende fürchtet, dass auch die Verbraucher auf den aktuellen Tönnies-Skandal reagieren und weniger Fleisch kaufen. Denn: Obwohl mindestens 15 Prozent weniger Schweinefleisch im Handel landet, gebe es laut Neher einen „gefühlten Überhang“ am Markt. Parallel dazu entstehe ein entsprechender Preisdruck: Der Preis für ein Schlachtschwein wurde laut Neher um über 20 Euro pro Tier zurückgenommen. Der Verbraucher solle wissen, dass sein Verzicht zusammen mit dem Tönnies-Skandal in erster Linie die kleinbäuerlichen Betriebe treffe. Stehe der Markt unter Druck, litten darunter in der Regel eher kleine als große Anbieter. „Das Problem in Rheda-Wiedenbrück trifft uns massiv. Man muss unheimlich aufpassen, dass man jetzt an dem Konzept, Fleisch aus der und für die Region, nichts kaputtmacht.“

In Marzelstetten betreibt Gustav Holand einen Mastbetrieb mit über 1000 Schweinen. Zwölf Wochen alte Ferkel aus Aalen mit einem Gewicht von 25 bis 30 Kilogramm werden bei ihm noch rund vier Monate gefüttert. Bei einem Lebendgewicht von maximal 120 Kilogramm geht es zum Schlachter. Kommen die Schweine nicht pünktlich weg, hat er ein Platz- und ein Preisproblem, wie er sagt. Denn die neuen Ferkel müssten irgendwo unterkommen und weiter gefüttert werden. Werden die Schweine aber zu schwer, werde weniger für sie bezahlt, da die Anforderungen des Handels sehr eng gefasst seien. Sind die entsprechenden Fleischstücke zu groß oder zu klein, seien sie entsprechend weniger wert, sagt Holand.

Beim Futter arbeitet der Landwirt nach eigenen Angaben mit regionalen Betrieben zusammen. Neben dem eigenen Getreide sind das Molke und Kartoffelreste von der Pommes-Frites-Produktion, dazu Sojaprodukte und Mineralstoffe, sagt er. Den Betrieb hat er 1992 von seinem Vater übernommen und damals von Milchvieh auf Schweinemast umgestellt.

Das Wichtigste sei ihm, dass es seinen Schweinen gut gehe. „Ich lebe ja davon und es macht mir Spaß.“ Früher, findet er, seien die Tiere insgesamt ruhiger gewesen. Inzwischen seien sie, wohl zuchtbedingt, „vitaler und lauffreudiger“ – und schlau. Haben sie ein Mal eine Tür aufgebracht, gelinge ihnen das immer wieder, sagt der Landwirt und lacht. „Die Schweine kennen einen auch. Wir tun alles, damit es ihnen gut geht. Meine Kollegen auch.“ Dazu gehören laut Holand auch gut isolierte Lastwagen mit Belüftung und Getränkeeinrichtung, kurze Strecken und Kontrollen.

Tiere werden auf dem Hof gezüchtet

Die Schweine sind bei Holand in verschieden großen Boxen untergebracht, Auslauf im Freien haben sie nicht. Eine typische Größe in seinem Betrieb ist eine drei mal vier Meter große Box für zwölf Schweine. Noch mehr Tiere will er nicht halten. „Das geht aus verschiedenen Gründen nicht, etwa wegen der Düngeverordnung. Viele Anforderungen ändern sich von heute auf morgen; und für alles muss Platz und Geld sein“, findet der 59-Jährige. Jetzt könne er alle Tiere mit seinem Futter füttern. Aufwand und Kosten passen. Aber langfristig könne sich der Betrieb auch Richtung Biobauernhof entwickeln, vielleicht, wenn der Sohn ihn übernommen habe.

Auch die Schweine von Familie Jungbauer-Urban in Reistingen werden in Ulm geschlachtet. Der Hof züchtet seine Schweine selbst. Dort merkt man ebenfalls, dass Deutschlands größter Schlachtbetrieb noch geschlossen ist. „Der Preis ist gefallen, es sind zu viele Schweine da“, sagt Marlies Jungbauer-Urban. Auch ihre Tiere werden über die Erzeugergemeinschaft Franken-Schwaben in Wertingen vermarktet. Die Landwirtin sagt, käme es dazu, dass die Schweine nicht wie bislang mit einem Gewicht von 100 bis 110 Kilo zum Schlachtbetrieb kommen können, weil dort jetzt viel mehr geschlachtet werden muss als vorher, könnte sie das eine Zeit lang überbrücken. „Aber es kommt der Nachwuchs nach, der braucht auch Platz.“ Zwar könnte Familie Jungbauer-Urban auch die Besamung der Sauen stoppen. „Aber der Bedarf an Schweinefleisch ist ja grundsätzlich da. Daher ist es nicht sinnvoll, jetzt etwas zu ändern.“ Knapp vier Monate trägt eine Sau, dann kommen im Durchschnitt zwölf bis 20 Ferkel zur Welt.

Die Ortsbäuerin würde im Supermarkt ihr eigenes Fleisch nicht wiedererkennen, sondern kann bei Abgepacktem nur sagen, ob es aus Bayern ist. Aber Wurst und Fleisch kaufe sie ohnehin nur bei Metzgereien ihres Vertrauens. „Und dann haben wir ja auch noch unser eigenes Fleisch“, ergänzt sie.

Tönnis und die Folgen für die Branche

Nach dem Tönnies-Skandal fordern die Freien Wähler mehr kommunale Schlachthöfe. Landtagsabgeordneter Johann Häusler fordert ein Schlachthof-Strukturprogramm. Aus seiner Zeit als Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft Franken-Schwaben kennt er Schlachthöfe wie den betroffenen in Nordrhein-Westfalen. Und er weiß: „Allein in dieser Woche sind die Schlachtpreise um acht Prozent gefallen. Die Schließung des Tönnies-Werks hat eklatante Auswirkungen auf den Landkreis.“ Häusler fordert unter anderem, dass Kommunen Schlachthöfe mitbetreiben können, will Metzgereien und den Mittelstand stärken. Das Ziel müsse es sein, dass die Mitarbeiter von Schlachthöfen auch direkt dort angestellt sind – und die Unternehmer dann auch die Verantwortung für Gehalt und Unterkunft ihrer Mitarbeiter haben. „Vor 20 Jahren sind viele Schweine aus Nordrhein-Westfalen in den Niederlanden und in Dänemark geschlachtet worden. Dort haben sich die Rahmenbedingungen so verändert, dass inzwischen von überallher Fleisch zu uns kommt. Denn nirgends ist Schlachten so billig wie in Deutschland.“ (mit br)

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