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Landkreis Dillingen

15.11.2019

Urlaub, Krankheit, Schein-Job: Trickst die Arbeitsagentur bei der Statistik?

Die Arbeitslosenzahlen im Landkreis Dillingen haben sich in den vergangenen Jahren außergewöhnlich gut entwickelt. Kunden der Dillinger Arbeitsagentur kritisieren jedoch, dass die Behörde so manchen Kniff anwendet, um die Statistiken aufzuhübschen.
Bild: Peter Steffen, dpa (Symbol)

Plus Die Quoten im Kreis Dillingen entwickeln sich seit Jahren außergewöhnlich gut. Doch Betroffene kritisieren, dass die Zahlen mit einigen Kniffen aufgehübscht werden.

Es ist eine Statistik, wie man sie sich nur wünschen kann. Von 2009 bis 2018 ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Landkreis Dillingen um 47 Prozent zurückgegangen. So teilte es die Agentur für Arbeit Donauwörth mit, die auch für Dillingen zuständig ist. Kein Wunder, dass angesichts dieser Zahl die Behörde von einer „sensationellen“ Entwicklung spricht. Doch es gibt Betroffene, die misstrauisch sind, wie diese Angaben zustandekommen. Ein Kunde der Agentur in Dillingen berichtet unserer Redaktion, was er als Arbeitsloser erlebt. Er kritisiert, dass die Behörde diverse Kniffe anwendet, um die Zahl der Langzeitarbeitslosen zu drücken – zumindest auf dem Papier.

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Mindestens sechs Wochen krankschreiben lassen

Der Mann aus dem Landkreis Dillingen, der anonym bleiben möchte, ist seit Jahren arbeitslos. Früher war er einmal als Fachkraft tätig. Jetzt schickt er jeden Monat Bewerbungen ab. Bisher ohne Erfolg. Oft erhält er nicht einmal eine Antwort der entsprechenden Firma. Der Mann, der fast 60 Jahre alt ist, führt dies vor allem auf sein Alter zurück. „Sobald man 50 Jahre und älter ist, wollen einen viele Firmen nicht mehr haben“, bedauert er.

Sein Fall wäre das klassische Beispiel eines Langzeitarbeitslosen. Jemand also, der mehr als ein Jahr lang ohne Arbeit ist. Nur: Der Mann wird nach eigenen Aussagen nicht in dieser Statistik geführt. Stattdessen hätte er mehrfach einen Termin bei einem Agentur-Mitarbeiter wahrnehmen müssen, der speziell darauf ausgerichtet sei, Langzeitarbeitslosigkeit zu verhindern. Der Termin stehe immer dann an, wenn die Frist von einem Jahr – statistisch also die Langzeitarbeitslosigkeit – droht.

Urlaub, Krankheit, Schein-Job: Trickst die Arbeitsagentur bei der Statistik?

„Wir müssen etwas tun“, bekomme der Mann dann immer zu hören. Aber nicht etwa, dass er seine Anstrengungen, einen neuen Job zu bekommen, intensivieren soll. Stattdessen seien ihm jedes Mal vier Möglichkeiten aufgezeigt worden, um, zumindest in der Theorie, nicht in die Langzeitarbeitslosigkeit „abzurutschen“. Er solle sich zum Beispiel mindestens sechs Wochen am Stück krankschreiben lassen. Zumindest, wenn er einen Arzt kennt, der dazu bereit sei. Hintergrund: Nach Ablauf dieser Frist ist der Betroffene nicht mehr arbeitslos im Sinne der Statistik. Meldet er sich anschließend erneut bei der Agentur, fängt die Zählung wieder bei Null an. So ist ein Langzeitarbeitsloser auf dem Papier keiner mehr.

„Das ist Verschwendung von Beitragsgeldern, um die Öffentlichkeit zu belügen“

Eine andere Möglichkeit: Der Arbeitslose solle sich, sofern er einen Unternehmer als Bekannten hat, vorübergehend beschäftigen lassen – und wenn es nur für einen Tag wäre. „Wir prüfen das nicht nach“, soll der Mann laut eigenen Angaben vom Agenturmitarbeiter gesagt bekommen haben. Die dritte Variante würde demnach vorsehen, dass sich der Betroffene selbst für eine bestimmte Zeit abmeldet und damit freiwillig auf Geld verzichtet. „Ich wurde gefragt, ob ich nicht einen längeren Urlaub machen will“, berichtet der Arbeitslose.

Da er keine der ersten drei Vorschläge annahm, wurde ihm Variante vier ans Herz gelegt: eine Fortbildung. Auch diese unterbricht in der Statistik die Arbeitslosigkeit. Grundsätzlich seien Weiterbildungen eine gute Sache, sieht der Mann ein. „Aber nur, wenn ich 20 Jahre jünger wäre.“ In seinem Alter spiele dies keine Rolle mehr – Unternehmen würden ihn ohnehin nicht mehr haben wollen. Die Finanzierung der Fortbildungen, um – so seine Kritik – die Statistik zu verbessern, sieht er kritisch. „Das ist Verschwendung von Beitragsgeldern, um die Öffentlichkeit zu belügen.“ Den Vorwurf der Geldverschwendung durch Fortbildungen äußerte im vergangenen Jahr auch der Bundesrechnungshof (BRH). Durch die „planlose“ Vergabe von Förderkursplätzen durch Arbeitsagenturen entsteht dem Steuerzahler demnach ein jährlicher Schaden von rund 190 Millionen Euro, hieß es im BRH-Bericht.

Ein anderer Arbeitsloser bestätigt die Vorwürfe

Was ist also dran an den Vorwürfen des Mannes aus der Region? Ein anderer langjähriger Arbeitsloser aus dem Landkreis Dillingen, ebenfalls Ende 50, bestätigt auf Nachfrage unserer Redaktion die Kritikpunkte. Die beschriebene Vorgehensweise, wonach kurz vor Ablauf des einen Jahres eine Fortbildung, Urlaub oder eine Krankschreibung empfohlen wird, um auf dem Papier eine Langzeitarbeitslosigkeit zu verhindern, sei nach seiner Erfahrung in Dillingen gängige Praxis. „Es geht rein um die Statistik“, bemängelt auch er.

Die Arbeitsagentur in Donauwörth, zu der die Geschäftsstelle in Dillingen gehört, weist die Kritik an einem strukturellen Problem zurück. Sprecherin Christine Jung teilt mit: „Es entspricht nicht dem gesetzlichen Auftrag und es ist auch keine Intention der Arbeitsagenturen und Jobcenter, statistische Unterbrechungstatbestände herbeizuführen.“ Dies helfe den Menschen nicht weiter. Außerdem seien Tatbestände wie zum Beispiel eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens sechs Wochen oder eine Arbeitsaufnahme nicht von der Arbeitsagentur gestaltbar. Dazu bedarf es vielmehr ärztlicher Feststellung oder eines einstellungsbereiten Arbeitgebers, so Jung. Den Anschuldigungen, die sie durch unsere Zeitung erfahren hat, und einem möglichen Fehlverhalten eines einzelnen Mitarbeiters werde man nach ihren Angaben nachgehen. „Ich möchte dies aber nicht vorab bewerten, da in der Regel in einem Beratungsgespräch nur der zuständige Arbeitsvermittler und der Kunde anwesend sind.“ Gegebenenfalls stehe dann Aussage gegen Aussage.

Woher kommt die "sensationelle" Entwicklung in Dillingen?

Die „sensationelle“ Entwicklung, wonach die Zahl der Langzeitarbeitslosen seit 2009 um 47 Prozent gesenkt wurde, geht laut Agentur auf die gute Konjunktur zurück. „Die allgemeine Arbeitslosigkeit ist seit 2009 um 45,9 Prozent zurückgegangen. Das hat vor allem konjunkturelle Gründe und geht mit einem deutlichen Beschäftigungszuwachs einher“, teilt Jung mit. In zehn Jahren sei die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Landkreis Dillingen um 24,8 Prozent gestiegen. „Von der guten Konjunktur und der großen Arbeitskräftenachfrage haben alle Personengruppen profitiert.“ Die Senkung der Zahl der Langzeitarbeitslosen seit dem Jahr 2009 um 47 Prozent sei „gesellschaftspolitisch besonders erfreulich“.

Lesen Sie hier einen Kommentar zu diesem Thema: Kritik an Arbeitsagentur: Es sollte um Menschen, nicht um Zahlen gehen

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