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Kriegsende im Landkreis Dillingen

21.04.2020

Vor 75 Jahren: Als Dillingen die weiße Fahne hisste

Am frühen Vormittag des 22. April erreichten Vorauskommandos amerikanischer Kampftruppen die Stadt Dillingen.

Plus Die Amerikaner nahmen vor 75 Jahren die letzte nicht gesprengte Donaubrücke zwischen Ulm und Passau ein. Eine glückliche Fügung - vor allem für die Deutschen.

Adolf Hitler hatte vor 75 Jahren den Befehl zur Sprengung aller Donaubrücken zwischen Ulm und Passau gegeben – um so den amerikanischen Vormarsch in den Süden Deutschlands aufzuhalten. Dabei war der Zweite Weltkrieg für Deutschland längst verloren. Dass die Dillinger Donaubrücke den US-Streitkräften am 22. April letztlich unzerstört in die Hände fiel, sollte sich als eine glückliche Fügung für die Kriegsverlierer herausstellen. Denn alle Städte an der Donau, von Ulm bis Passau, wären dem Erdboden gleichgemacht worden, hätten die Nazis ihren Plan von den gesprengten Flussübergängen vollständig umsetzen können. Das jedenfalls erklärte ein amerikanischer Offizier damals einigen Dillingern, denen er dazu gratulierte, dass sie mit einem blauen Auge davongekommen waren.

Denn nur wenige Stunden bevor die amerikanischen Truppen Dillingen erreicht hatten, war im Angesicht des anrückenden Feindes die Lauinger Donaubrücke gesprengt worden. Stoßtruppen der 12. US-Panzerdivision, die sogenannten „Teufelskatzen“, rückten über Donaualtheim nach Dillingen vor, fuhren sofort zur Donau und sicherten die so wichtige Brücke für ihren weiteren Vormarsch Richtung Süden.

Die Brücke in Dillingen war die einzig intakte zwischen Ulm und Passau

In dem Buch von Adolf Layer und Reinhold Schönwetter „300 Jahre Garnisonsstadt Dillingen an der Donau“ heißt es dazu: „Die Besetzung war so überraschend und schnell gegangen, dass die noch in der Ludwigskaserne anwesenden Soldaten von den Amerikanern mitten in der Essensausgabe überrascht und gefangen genommen wurden.“ Welche Bedeutung die Einnahme dieses intakten Donauübergangs für den weiteren Verlauf der Kampfhandlungen hatte, zeigt sich in der Bemerkung von Adolf Hitler. Erstmals bekundete er nach dem Eingang dieser Meldung am 22. April gegenüber den Offizieren des Oberkommandos des Heeres im Führerbunker von Berlin, dass der Krieg verloren sei und jeder, der will, den Bunker verlassen könne.

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Für den raschen Vorstoß der Amerikaner nach Süden mit dem Ziel der legendären „Alpenfestung“ war Ende April 1945 ganz wesentlich die Einnahme der damals noch einzigen intakten Donaubrücke zwischen Ulm und Passau gewesen. Doch bis heute ist nicht eindeutig geklärt, warum der Dillinger Donauübergang nicht, wie geplant, gesprengt worden war. In einem Bericht der Armeezeitung „Stars an Stripes“ heißt es dazu unter anderem: „Die Geschichte ähnelt in ihrem dramatischen Ablauf der Einnahme der Brücke Remagen über den Rhein. Der blitzartige Vorstoß der Kampftruppen von Generalmajor Roderick Allen nach Süden und über die Donau habe den Deutschen keine Zeit gelassen, irgendeine Verteidigung entlang der Donau aufzubauen.“

Dabei hätten die Verteidiger nichts unversucht gelassen, die Dillinger Brücke zu zerstören, um die Amerikaner aufzuhalten. So berichtet „Stars and Stripes“: „Deutsche Düsenjäger unternahmen große Anstrengungen, die Brücke zu zerstören, hatten aber keinen Erfolg. Und der Granatbeschuss mit einigen Acht-Achtern erwies sich als völlig wirkungslos und verfehlte meilenweit das Ziel.“ Die ersten auf der Brücke angekommenen US-Soldaten nahmen einige deutsche Soldaten gefangen und eilten dann zu den Zündschnüren. Sie fanden an jedem Brückenende sechs 500-Pfund-Bomben und zentnerweise italienisches Dynamit, das so nass und mit Wasser so vollgesogen war, „dass es nicht losgegangen wäre, selbst wenn man Feuer darunter angezündet hätte“, meinte Panzerfahrer Hauptmann William Riddel.

Bürgermeister Georg Hogen übergab die Weiße Fahne

Der damalige Volkssturmleiter und inzwischen verstorbene früherer Berufsschuldirektor Michael Häckel berichtete später gegenüber der Donau-Zeitung, dass er die Zündkapseln mit „Magermilch aus meiner Feldflasche“ benetzt habe.

Den weiteren Verlauf des 22. April 1945 schildert der damalige Dillinger Bürgermeister Georg Hogen in seinen Erinnerungen. „Ich bin der Bürgermeister der Stadt Dillingen seit 1922. Ich übergebe Ihnen hiermit die Stadt und bitte um deren Schonung und um den Schutz ihrer Bewohner und der 2500 Verwundeten in den Lazaretten.“ Mit diesen Worten sei er kurz vor 13 Uhr an diesem Tag den Befehlshabern der amerikanischen Truppen entgegengetreten, die Dillingen erreicht hatten. Hogen, nach eigenem Bekunden NSDAP-Mitglied und SA-Mann, bekleidete jedoch das Bürgermeisteramt nicht erst seit 1933. Er war also nicht von den Nazis eingesetzt worden, was bewirkte, dass die Amerikaner ihn beauftragten, weiter als Bürgermeister zu arbeiten, bevor er am 2. Mai entlassen wurde. Zur Übergabe der Stadt hatte Hogen einen amerikanischen Offizier vor das Dillinger Rathaus gebeten. Die Aufforderung von dessen Dolmetscher, dem US-Offizier mit einer weißen Fahne bis vor die Stadt entgegenzugehen, hatte der OB mit dem Hinweis abgelehnt, er wisse dann nicht, was hinter seinem Rücken in der Stadt geschehe.

Den Moment der Übergabe schildert Hogen in seinen 1954 aufgezeichneten Erinnerungen so: „Ich war ruhig, hatte aber starkes Herzklopfen, das sich nicht unterdrücken ließ. Handelte es sich doch um meine Stadt und deren Bewohner, die ich in den langen, sorgenvollen Jahren so sehr lieb gewonnen hatte.“

Ein amerikanischer Panzerwagen überquert die unbeschädigte Dillinger Donaubrücke in Richtung Süden.

Vor der Einnahme der Brücke und der kampflosen Übergabe der Stadt, mit der hier in Dillingen der Krieg endete, gab es laut Georg Hogen aber auch noch bange Stunden zu überstehen. So steht in seinen Erinnerungen zu lesen, dass die Amerikaner gegen 10 Uhr bei ihm nachgefragt hatten, ob die Stadt kampflos übergeben werde. „Ich ließ ihnen sagen, dass dazu eigentlich der Kampfkommandant zuständig ist“, dieser sei aber nicht zu erreichen. „Ich bitte ihn deshalb sofort, die Stadt zu besetzen, zumal auch die Brücke noch nicht zerstört ist.“

Danach sei er, so Hogen weiter, vor das Rathaus getreten und auf einen von Lauingen kommenden Motorradfahrer getroffen, der ihn nach dem Kampfkommandanten gefragt habe. Er habe den Auftrag, den Durchbruch der amerikanischen Truppen zu melden und die Sprengung der Donaubrücke in Dillingen zu veranlassen. Hogen sagte ihm zu, selbst den Kampfkommandanten, einen Major, zu verständigen. Georg Hogen: „Für mich gab es nur ein kurzes, aber folgenschweres Überlegen. Ich verständigte den Kampfkommandanten nicht.“

Drei Dillinger Bürger starben bei der Einnahme

Die Brücke durfte auf keinen Fall gesprengt werden, da er ja den Amerikanern hatte mitteilen lassen, die Brücke sei noch nicht zerstört. „Geht die Brücke verloren, ist auch die Stadt in großer Gefahr. Ich aber will die Stadt retten.“ Kurz darauf sei die Lauinger Brücke in die Luft gegangen. Der dumpfe Knall, so Hogen, lässt auch die Dillinger aufhorchen und das Schlimmste befürchten. Um 11.15 Uhr rollen die ersten US-Panzer zur Donaubrücke. Ihren nach beiden Seiten sichernden Geschossen fallen drei Dillinger Bürger zum Opfer.

„Auf meine Veranlassung wird eine weiße Fahne gehisst, ein Zeichen für die ganze Bevölkerung, das Gleiche zu tun“, so Hogen weiter in seinen Erinnerungen. Oberstleutnant Clayton Wells aus Abilene in Texas, der Kommandeur der Kampftruppen, die an einem Tag 80 Kilometer zurücklegt hatten, um die Brücke in Dillingen zu erobern, ehe der Feind erkannte, was passiert war, sagte laut einer Übersetzung von Stadtheimatpfleger Karl Baumann: „Alles, was ich jetzt tun muss, ist, den Mann zu finden, der die Remagener Brücke erobert hat, und ihm zu sagen: „Ihre Brücke ist vielleicht größer gewesen, aber meine stürzte nicht zusammen.“

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