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01.10.2018

Was heißt eigentlich selbstständig?

Christian Bühler leitet das ambulant betreute Wohnen in Dillingen. Bis zu acht Jugendliche, die nicht bei den Eltern wohnen können, kommen dort unter. <b>Foto: Homann </b>
Bild: Homann

Christian Bühler leitet in Dillingen ein Projekt für ältere Jugendliche, die nicht bei den Eltern wohnen können

Die Kosten für die Jugendhilfe im Landkreis Dillingen steigen. Woran liegt das? Auf der Suche nach Gründen sind wir auf die Vielfalt von Hilfen für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern gestoßen. Diese stellen wir in einer losen Reihe vor.

Dillingen Unter dem Dach bewohnt die 17-Jährige ein großes Zimmer. Bett, Schreibtisch, Schrank, Kommode, Platz für Ipad, Schmuck und Stifte, an den Wänden viele Fotos und gemalte Bilder. Doch ihre Eltern leben ganz woanders. Die anderen Jugendlichen, die mit ihr in diesem Haus in Dillingen wohnen, hat sie alle erst beim Einzug kennengelernt. „Ambulant betreutes Wohnen für jugendliche und junge Erwachsene“ (ABW) heißt das Projekt, das es erst seit einem Jahr in Dillingen gibt. Christian Bühler leitet es. „Am 3. Juli war mein erster Arbeitstag. Drei Tage später zog die Erste ein“, erinnert er sich.

Als die vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge vor drei Jahren kamen, stellte sich die Frage zum ersten Mal: Wohin mit den Jugendlichen? Wohnheime wurden gegründet. Eines davon steht inzwischen wieder leer. Jetzt wohnen bis zu acht deutsche Jugendliche dort, die zwar Eltern haben, aber aus verschiedenen Gründen nicht mehr dort wohnen wollen oder können, erzählt Bühler. Das Konzept haben das Jugendamt und die Abenteuerschule4U gemeinsam entwickelt.

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Die Bewohner müssen mindestens 16 Jahre alt sein. Der Aufenthalt ist jugendhilfeabhängig. Jugendamt, ABW, die Eltern und ihr Kind schauen dann, ob die Einrichtung passt. Sind alle einverstanden – vor allem das Jugendamt –, wird umgezogen. Die Einrichtung ist sowohl für Jugendliche aus dem Landkreis Dillingen als auch aus dem Landkreis Donau-Ries.

Die Bewohner des großen Einfamilienhauses im Dillinger Osten gehen teils noch zur Schule, teils machen sie eine Lehre. Die Miete beträgt 180 Euro inklusive Nebenkosten. Miete und Lebensunterhalt müssen die Bewohner selbst bestreiten, teils durch Ausbildungsvergütung, BAföG, Unterhalt der Eltern, manche Miete zahlt das Jobcenter. Auch der Landkreis Dillingen unterstützt das Projekt, damit sich die Kosten decken, sagt Bühler. „Die Jugendlichen hier sind alle schon etwas selbstständig, aber für ein komplett eigenes Leben reicht es noch nicht.“ Das ABW gehört zur Abenteuerschule4U, ein Anbieter von Jugendhilfeleistungen, zu dem auch das Kinderheim in Holzheim gehört. In dem Haus in Dillingen gestalten die Älteren ihr Leben weitgehend selbst. In Absprache mit dem Jugendamt wird teils ein Hilfeplan erstellt. Darin werden ein Ziel formuliert und die Betreuung durch einen Fachmann wie Bühler samt Stundenanzahl für jeden Einzelnen vom Jugendamt festgelegt. Er vereinbart dann jeweils Termine mit den jungen Menschen, schaut nach dem Haus, dem Garten, appelliert auch mal an die Ordnung in den Zimmern oder der Sauberkeit im Bad. „Wenn es ‘Beef’, wie sie Ärger nennen, gibt, kommen sie schon zu mir. Aber das passiert selten“, lobt Bühler die Jugendlichen. Die Betreuungsstunden bezahlt das Jugendamt. Der Hilfeplan wird alle sechs Monate geprüft.

Vor allem das Thema Geld beschäftigt die jungen Leute. „Das ist echt immer ein Problem, ob es bis zum Monatsende reicht. Man denkt, so eine Hose für 20 Euro, das geht schon, und ein Oberteil für zehn Euro auch. Und plötzlich ist nichts mehr da“, sagt die 17-Jährige. Jeden Tag läuft sie von der WG aus zum Dillinger Bahnhof, fährt zur Fachoberschule in einen Nachbarlandkreis, wartet dort nach dem Unterricht täglich eine Stunde auf ihren Zug und kommt wieder heim. Während der Wartezeit sei die Versuchung immer groß, shoppen zu gehen. Andere Hobbys? „Ausschlafen“, sagt sie und lacht. Bühler auch. „Das tun sie hier alle gern.“ Die 17-Jährige genießt das besonders, jetzt, wo sie zum ersten Mal ein eigenes, großes Zimmer hat. Auf jeder Etage gibt es außerdem ein Bad. Mal wird gemeinsam gekocht und ferngesehen, dennoch lebe jeder auch sein eigenes Leben. „Wie viel wir gemeinsam machen, hängt von der Tagesform jedes Einzelnen ab“, sagt die Abiturientin. Ob ihr der Auszug eines Tages schwerfallen wird? Das hänge von den Leuten ab, die bis dahin mit im Haus wohnen. Und wann ist es so weit? Das hängt von vielen Faktoren ab.

„Wer auszieht, sollte bis dahin mit seinem Geld auskommen, sein Zimmer und das Bad in Ordnung halten, sich selbst verpflegen können und regelmäßig waschen“, versucht Bühler eine Definition. „Das Gesamtpaket ist es.“ Mancher käme mit seinem Geld zurecht, aber nicht mit den anderen Mitbewohnern – oder andersherum. Wenn es Streit gibt, erinnert Bühler die jungen Menschen daran, dass sie alle aufgrund ihrer Vergangenheit ein Päckchen zu tragen haben. „Sonst wären sie ja gar nicht hier.“

Kürzlich sind nach fast einem Jahr zwei Mädels ausgezogen. Eine in eine eigene Wohnung, eine zu ihrem Freund. Bühler selbst zieht nach dem Jahr eine positive Bilanz. „Es hat sich gelohnt.“ Für seine Jugendlichen wäre eine stationäre Unterbringung zu viel Betreuung gewesen, eine Pflegefamilie findet sich für Menschen in dem Alter auch nicht. Nach Auffassung von Jugendamtsleiter Michael Wagner ist das ambulant betreute Wohnen auch für Jugendliche, die zuvor in Einrichtungen der Jugendhilfe gewohnt haben, häufig eine gute Lösung auf dem Weg zum Erwachsenwerden. „Es ist nicht sinnvoll, wenn junge Menschen von einem Kinder- oder Jugendheim, in dem es eine 24-Stunden-Rundumbetreuung gibt, direkt in die Selbstständigkeit entlassen werden. Das ABW ist die Zwischenstation, die uns bisher gefehlt hat. Wir geben den Jugendlichen auch einen gewissen Vertrauensvorschuss, wir trauen ihnen den nächsten Schritt auf dem Weg in die Selbstständigkeit zu“, so Wagner. Das ambulante betreute Wohnen optimiert die bestehenden Angebote der Jugendhilfe im Landkreis, ergänzt Landrat Leo Schrell.

Keine Probleme in der Dillinger WG gab es bislang in der Schule oder am Ausbildungsplatz. „Ich glaube, die Jugendlichen wollen es besser machen als ihre Eltern, die zum Teil beruflich nichts auf die Reihe bekommen haben.“

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