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Wertingen

12.01.2020

Weniger Flüchtlinge in Wertingen

Wolfgang Plarre engagiert sich seit Jahrzehnten in der Flüchtlingsarbeit. Hier sitzt er mit Isabella Nater von der Diakonie Neu-Ulm vor dem ehemaligen Augsburger Hof. Das Gebäude war zunächst Erstaufnahmeeinrichtung. Jetzt ist es eine Gemeinschaftsunterkunft.
Bild: Bärbel Schoen

Plus Aktuell leben in der Zusamstadt 124 Menschen aus elf Ländern. Friedliches Miteinander mit der heimischen Bevölkerung in Wertingen.

Im Augsburger Hof ist es an diesem Vormittag sehr ruhig. Die Sonne scheint, die Zusam plätschert leise, der Spielplatz vor dem Gebäude ist verwaist. Im einstigen Bahnhofshotel leben derzeit rund 50 Menschen, davon zehn Kinder. Wolfgang Plarre sagt: „Die Situation hat sich zwar beruhigt, aber die Probleme sind geblieben.“ Seit Monaten sucht der Asyl-Helferkreis beispielsweise für eine sechsköpfige Familie aus Syrien dringend eine Wohnung. Doch der Wohnungsmarkt ist leer gefegt, gleichzeitig sind die Mietpreise in die Höhe geschnellt und für Flüchtlinge nicht bezahlbar – trotz Zuschüssen vom Jobcenter.

Wöchentlich trafen mehrere Busse ein

Viereinhalb Jahre ist es her, dass Wertingen das Flüchtlingsthema richtig zu spüren bekam. Damals trafen wöchentlich mehrere Busse ein mit Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan und aus afrikanischen Ländern. Der Augsburger Hof war fast ein Jahr lang eine Erstaufnahmeeinrichtung der Regierung von Schwaben. Hier wurden die Personalien und Fingerabdrücke von Hunderten von Flüchtlingen erfasst. Im Wertinger Kreiskrankenhaus durchliefen sie eine Gesundheitsüberprüfung, bevor sie dann an andere Bundesländer weiterverteilt wurden. Security-Leute bewachten in dieser Zeit das Gebäude an der Augsburger Straße rund um die Uhr, und nachts wurden Kontrollgänge durchgeführt.

Seit sich der Flüchtlingsansturm ein Jahr später wieder gelegt hatte, wurde der Augsburger Hof in eine Gemeinschaftsunterkunft umgewandelt und die Lage beruhigte sich zunehmend. Während die Zahl der Flüchtlinge rapide zurückging, schrumpfte auch der Helferkreis um die Hälfte. Heute zählt er nur noch rund 30 Personen. Der Begrüßungsimbiss für jeden ankommenden Flüchtling wurde eingestellt. Die letzten Flüchtlinge, zwei junge Männer aus Gambia, kamen am Ende des vergangenen Jahres in Wertingen an. Sie mussten die Erstaufnahmeeinrichtung in Donauwörth verlassen, weil sie geschlossen wurde.

Weniger Flüchtlinge in Wertingen

2019 kaum zwei Dutzend Neuankömmlinge

Im vergangenen Jahr zählte Wolfgang Plarre kaum zwei Dutzend Neuankömmlinge: „Die Lage hat sich entspannt.“ Das sei im Helferkreis ebenfalls zu spüren. Erste Alphabetisierungskurse finden zwar weiterhin im Familienbüro und beim Arbeiter-Samariterbund statt, das Interesse an Kursen für Fortgeschrittene sei dagegen fast auf Null gesunken.

Die Zusammenarbeit mit den Behörden habe sich verbessert: „Mit dem Jobcenter klappt es jetzt ganz gut“, sagt Plarre. Musste er anfangs noch drei Mal nach Dillingen fahren, um Formulare auszufüllen, reiche heute ein einziger Termin aus.

Das Begegnungscafé, das während der Flüchtlingskrise beim ASB ins Leben gerufen wurde, besteht weiterhin und wird unterschiedlich frequentiert. Jeden zweiten Donnerstag im Monat steht es für Wertinger und Flüchtlinge offen.

„Für mich zählt der Mensch. Ich frage nie nach, warum jemand hierher geflohen ist“, erzählt Wolfgang Plarre. Seit fast drei Jahrzehnten engagiert er sich für Flüchtlinge. Am Anfang waren es Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Noch heute spürt der 68-Jährige ein Unbehagen bei dem Gedanken an Abschiebungen. Vor sechs Wochen wurde ein 21-jähriger Afghane aus Wertingen abgeschoben. „Er hatte eine Lehrstelle als Maurer in Aussicht.“ Keiner wisse, wie es dem jungen Mann jetzt geht. „Er wurde im Iran geboren und hat keine Verwandten oder Freunde in Afghanistan.“ Ihn könnte dasselbe Schicksal ereilen wie einst dem Kosovaren Ragip Jashari. Plarre hatte ihm vor 25 Jahren geholfen, hier Fuß zu fassen. Letztendlich wurde er nach fünf Jahren zur Rückkehr in dessen Heimat gedrängt und dort erschossen.

„Keiner flieht freiwillig“, weiß Plarre aus seiner Flüchtlingsarbeit. Isabella Nater, die Migrationsberaterin der Diakonie Neu-Ulm, bestätigt das. Sie arbeitet seit kurzem in Wertingen. Zweimal wöchentlich ist sie im Augsburger Hof die Ansprechpartnerin für anerkannte Flüchtlinge. An weiteren zwei Tagen berät sie in Lauingen im Quartiersbüro. In Wertingen habe sie weniger Arbeit als in Lauingen. „Das liegt am aktiven Helferkreis“, sagt sie. Mit den Bewohnern im Augsburger Hof habe sie bisher nur positive Erfahrungen gemacht. „Sie laden mich öfter zu einem Kaffee ein oder bringen Häppchen mit, um ihre Dankbarkeit zu zeigen.“

Anton Stegmair, einer der ersten Aktiven im Helferkreis, spricht von einem „gelungenen Beispiel eines friedlichen Miteinanders“. Er freue sich jeden Tag, wenn er Flüchtlingskinder auf ihrem Schulweg sehe und an der Bushaltestelle dieselben Menschen treffe, die zu Integrationskursen oder zur Berufsschule fahren. Der Helferkreis habe in den vergangenen Jahren sehr viel geleistet, um hier gestrandeten Menschen bei der Integration zu helfen.

124 Flüchtlinge und Spätaussiedler in Wertingen

Insgesamt leben in Wertingen 124 Flüchtlinge und Spätaussiedler. Diese kommen aus folgenden Ländern:

Afghanistan: 20

Aserbeidschan: 5

Äthiopien: 14

Gambia: 5

Iran: 1

Kurden – Türkei: 7

Nigeria: 1

Pakistan: 7

Sierra Leone: 2

Somalia: 3

Syrien: 37

Ehemalige Sowjetunion: 23

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