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Ellerbach

17.09.2019

Wenn Erinnerungen nach Rauch schmecken

Knapp ein Jahr nach dem Brand seiner Pächterwohnung findet Gerd Bechtel aus Ellerbach noch immer lobende Worte für die Feuerwehren, die damals den Brand gelöscht hatten.
Bild: Tanja Ferrari

Plus Vor knapp einem Jahr hat Gerd Bechtel aus Ellerbach das Unfassbare erlebt – seine Pächterwohnung hat gebrannt. Den Feuerwehren aus dem Umkreis ist er noch heute dankbar.

Die Freiwillige Feuerwehr ist eine besondere Einrichtung. Ehrenamtliche sperren Straßen, schneiden Autos auf, löschen Brände, retten Verletzte. Wie vielen Vereinen fehlt auch der Feuerwehr der Nachwuchs. Am 21. und 22. September findet zum ersten Mal ein schwabenweiter Feuerwehrtag statt. Auch die Feuerwehren im Kreis Dillingen beteiligen sich daran. In einer Serie stellen wir Menschen vor, die dankbar sind, dass es die Ehrenamtlichen gibt.

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Es ist kurz vor neun Uhr an einem Werktag im September vergangenen Jahres, als ein Nachbar Gerd Bechtel aus seinem Haus klingelt. Mit den Worten: „… bei dir brennt es“ scheucht er ihn die knapp 80 Meter zum Standort des Dillinger Bogensportzentrums „Bow Targets“. Dort angekommen, kann der Ellerbacher Unternehmer kaum glauben, was sich da vor seinen Augen abspielt: Dicke Rauchschwaden steigen aus einem Fenster der Pächterwohnung im Obergeschoss in Richtung Himmel empor.

„So etwas wünscht man wirklich keinem“, erinnert er sich knapp ein Jahr nach dem Brand. Mit einem Feuerlöscher in der Hand war er ohne zu zögern in die Wohnung gerannt. Dort habe sich ihm ein ungewöhnlicher Anblick geboten, erzählt Bechtel und muss schlucken. Völlig desorientiert sei sein Mieter mitten in der Wohnung gestanden und habe nicht mehr gewusst, wie ihm geschehe. Das wirklich Verstörende an der Situation seien allerdings die Flammen gewesen, die direkt aus dem Boden im Flur wuchsen.

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Nach nur fünf Minuten war die erste Feuerwehr am Einsatzort

„Ich habe den Mieter in Sicherheit gebracht und bin anschließend wieder mit dem Feuerlöscher zurück“, berichtet er. Erst im Nachhinein erfuhr Bechtel, dass er in der Situation komplett falsch gehandelt hatte. Heute weiß er, dass er die Wohnung niemals hätte betreten dürfen – weder zum Nachschauen noch zum Löschen. Kurz hält er inne und sagt dann: „Ich stand unter Schock und habe nur noch instinktiv gehandelt – da ich nicht sicher war, ob ein Mensch in Gefahr ist, musste ich da rein.“ Dass er durch den starken Qualm eine Rauchvergiftung hätte bekommen können, wurde ihm erst im Nachgang von den Feuerwehrleuten erklärt.

Sein Geschäft hat der zertifizierte Bogensportleiter in einem alten Landhaus-Gebäude in Ellerbach, das bereits um 1850 erbaut wurde. Das trockene Holz der Dielen, Treppen und Fenster und die vielen Deckenbalken boten dem Feuer vor knapp einem Jahr eine besonders dankbare Angriffsfläche. „Wie viel Glut und Brandnester noch im Boden waren, hatte ich auf den ersten Blick gar nicht sehen können“, sagt Bechtel. Als er mit dem oberflächlichen Löschen fertig gewesen sei und auf den Hof lief, um durchzuatmen, war die Feuerwehr bereits vorgefahren. „Das hat keine fünf Minuten gedauert – gerade auf dem Land ist das eine unglaubliche Leistung“, betont er.

Warum Gert Bechtel nur lobende Worte für die Feuerwehren findet

Bei einer Wehr war es allerdings nicht geblieben. Nacheinander strömten die Feuerwehrmänner aus Ellerbach, Eppisburg, Zusamzell, Altenmünster und Dillingen an den Einsatzort. „Bei der Einsatzstelle waren sie zum Zeitpunkt des Anrufs nicht sicher, ob viele der freiwilligen Helfer bereits auf dem Weg zur Arbeit waren, und hatten deshalb gleich alle Wehren im Umkreis informiert“, sagt Bechtel. Die Sorge war allerdings unbegründet: Die Feuerwehren erschienen so zahlreich, dass die Männer aus Zusamzell und Altenmünster nur kurz nach ihrem Eintreffen wieder nach Hause geschickt wurden.

Dann ging alles ganz schnell. Bechtel beschreibt es rückblickend als perfekt organisiertes Arbeiten. Er sagt: „Wie die Ameisen haben sich die Helfer ans Werk gemacht – jeder hatte eine Aufgabe und alle haben zusammengearbeitet.“ Einige hatten die Straße abgesperrt, andere die Wasserschläuche verlegt und wieder andere hatten sich mit einer Motorsäge darangemacht, die Brandnester auszusägen.

Bechtel beobachtete das alles unter Schock. Am Rand sitzend wurde er von einem der Feuerwehrleute auf dem Laufenden gehalten und über die Maßnahmen informiert. Für das präzise und sehr strukturierte Vorgehen der Einsatzkräfte findet er auch ein Jahr nach dem Horrorszenario nur lobende Worte. „In einer Stresssituation wie dieser zu erkennen, dass Wasser nicht das geeignete Mittel zum Löschen ist, war wirklich eine große Leistung“, betont er anerkennend. Die Feuerwehrmänner hatten auf den Einsatz von Löschwasser verzichtet und waren stattdessen mit Atemmasken ausgestattet in das Gebäude gegangen, um die Glut- und Brandnester mit einer Motorsäge aus dem Holzboden zu schneiden.

Bechtel fährt sich mit der Hand durch die kurzen Haare und sagt dann: „Diese Routine hat mich daran erinnert, wie ich bei der Arbeit den Computer anschalte.“ Als alle Brandherde gelöscht waren, fuhr die Feuerwehr ab. Bechtel blieb mit seinen Gedanken zurück. Der Albtraum war für ihn damit noch nicht zu Ende. Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei trafen wenig später in Ellerbach ein. „Bis heute ist die Brandursache nicht geklärt“, informiert er resigniert.

Wie sich ein Brand im eigenen Ort für die freiwillige Feuerwehr anfühlt

Auch die Renovierungsarbeiten waren für ihn ein weiterer Rückschlag. Durch die starke Rußentwicklung musste vieles gereinigt werden, und auch das angrenzende verpachtete Restaurant musste für einige Tage schließen. Die ersten Wochen nach dem Zwischenfall beschreibt Bechtel als traumaähnliches Erlebnis. „Jedes Mal, wenn ich an dem Gebäude vorbeigegangen war, hatte ich den Geschmack von Rauch im Mund“, erzählt er und wischt sich über die Lippen. Inzwischen konnte er dieses Gefühl hinter sich lassen. Allen Feuerwehrleuten ist Bechtel für ihren Einsatz noch immer unendlich dankbar.

Kommandant Matthias Brenner von der Freiwilligen Feuerwehr Ellerbach, der die Löscharbeiten damals leitete, weiß, wie aufwühlend ein Brand sein kann. „Wir müssen zum Glück nicht häufiger als dreimal im Jahr ausrücken, schließlich sind wir ein kleiner Ort“, sagt er. Dass man sich allerdings untereinander kenne und meist einen persönlichen Bezug zueinander habe, sei nicht immer einfach. Der Kommandant betont: „Man ist da irgendwie mitbetroffen.“ Gerade deshalb sei die Betreuung vor Ort wichtig. Sobald es die Zeit im Einsatz zulasse, sollte man erklären, was konkret gemacht werde. Das wüssten die Betroffenen immer sehr zu schätzen.

Aktion Alles rund um den Feuerwehrtag, die Veranstaltungen der Wehren im Landkreis, finden Sie unter www.kfv-dillingen.de/schwabischer-feuerwehrtag-2019. Auch im Ortsteil Weisingen gibt es Vorführungen und Übungen.

Noch mehr Geschichten unseren Feuerwehr-Serie finden Sie unter:

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