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Wertingen

12.10.2018

Wenn Menschen die Arbeit überfordert -  ein Austausch in Wertingen

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Verschiedene Werke, die im Kreativtraining der Caritas-Tagesstätte, der Maltherapie der Selbsthilfegruppe Depression und in der Malgruppe der Elisabethenstiftung entstanden sind, zeigt derzeit eine Ausstellung in der Sparkasse Wertingen.
Bild: Birgit Hassan

Die Psyche und das seelische Wohlbefinden am Arbeitsplatz standen dieses Jahr im Mittelpunkt der Tage zur seelischen Gesundheit im Landkreis Dillingen. Tanja Weil erzählte in Wertingen von ihrem Weg aus der Krise.

Rund sechs Prozent der Menschen im Landkreis Dillingen erleiden psychische Probleme in ihrer Arbeit. Hochgerechnet sind das knapp 6000 Menschen. Eine von ihnen ist Tanja Weil. 2008 war die Produktionsmitarbeiterin der Dillinger BSH Hausgeräte GmbH erstmals mit massiven Problemen am Arbeitsplatz konfrontiert – Panikattacken, Herzrasen, Schweißausbrüchen. Nach ärztlicher und psychologischer Begleitung referiert sie zehn Jahre später in Wertingen energievoll zu den diesjährigen „Tagen der seelischen Gesundheit“ im Landkreis Dillingen über ihren Weg aus der psychischen Krise zurück zu Lebensmut und Lebensfreude.

Als Genesungsbegleiterin in Dillinger Firma

Mittlerweile steht Tanja Weil wieder neben ihren Kollegen in der Endproduktion am Band, allerdings mit weniger Wochenarbeitsstunden als früher und nur noch in der Frühschicht. Mehr als ein Drittel ihrer Arbeitszeit wirkt sie als betriebliche Genesungsbegleiterin in der Firma. „Ex-In“ nennt sich das Konzept, nach dem ehemalige Betroffene aufbauend auf ihren persönlichen Erfahrungen und einer Zusatzausbildung quasi zu Dolmetschern zwischen Erkrankten und ihren Kollegen und Vorgesetzten werden.

Aktuell betreut Tanja Weil in der Dillinger Firma 42 Kollegen und Kolleginnen. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie wichtig offene Gespräche sind. Dumme Bemerkungen der Mitarbeiter wirkten ebenso kränkend wie das Unverständnis von Vorgesetzten. Und so vermittelt Tanja Weil, spricht offen über Symptome und Probleme, begleitet oftmals auch zu Ärzten. Was anfangs als Pilotprojekt angelegt war, habe sich in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt. „Neben Krisengesprächen machen wir auch Pläne, wie sich jemand wieder wohl fühlen kann am Arbeitsplatz“, erzählt Tanja Weil. Manchmal brauche es beispielsweise einen (vorübergehenden) Wechsel des Arbeitsplatzes. So wie bei ihr selbst, die heute neben den 21 Wochenstunden in der Montage und der betrieblichen Genesungsbegleitung auch jeweils fünfeinhalb Stunden im Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas und der Caritas-Tagesstätte für psychische Gesundheit in Dillingen arbeitet.

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Mit Betriebsangehörigen, Ärzten, Therapeuten und Betroffenen „auf Augenhöhe“ zu sprechen, ist Weil ein wichtiges Anliegen. Gemeinsam mit Gleichgesinnten hat sie daher eine Ausbildung für „Präventionsberatung und Genesungsbegleitung psychischer Erkrankungen im Betrieb“ (PGiB) entwickelt. Zudem wirkt Tanja Weil als Dozentin, wie am Mittwochabend in Wertingen.

Dort hatte der Gemeindepsychiatrische Steuerungsverbund Dillingen (GPSV) zunächst zur Eröffnung einer kleinen Ausstellung in die Wertinger Sparkasse eingeladen. Kulturtherapeutin Sandra Bönisch von der Caritas-Tagesstätte stellte kurz die Arbeiten von Menschen mit psychischen Erkrankungen vor. Sie sind im Rahmen kreativer Angebote entstanden, mit verschiedenen Materialien, teilweise nach Ausflügen in die Natur und gemeinsamen Gesprächen. „Alles darf hier sein, nichts ist falsch“, so Bönisch. „Auf der Entdeckungsreise zum eigenen Ich braucht es keine besondere Begabung.“

Dass unsere Gesellschaft vielfältig mit psychischer Erkrankung konfrontiert ist, weiß auch der Wertinger Dr. Johann Popp. Als Direktor des Dillinger Amtsgerichts und Bezirksrat gewinnt er immer wieder Einblicke in persönliche wie gesellschaftliche Problematiken. „Vieles im Leben kreist um das Thema Arbeit“, sagt Popp. Diese sichere nicht nur die Existenz, sondern bilde auch Fähigkeiten aus, entfalte Persönlichkeit und stärke das Selbstbewusstsein. Sowohl ein Zuwenig – durch Arbeitslosigkeit, Krankheit und Rente – als auch ein Zuviel könne Probleme hervorbringen. Leistungsdruck, Globalisierung und Beschleunigung wirkten sich laut Popp ebenso aus wie eine Reizüberflutung durch die Digitalisierung.

Alltäglicher Stress und und Hektik seien oft verantwortlich für das Ausscheiden aus der Arbeit, ist sich auch Wertingens Sparkassenchef Tobias Güntner klar. Er sieht es als wichtig an, dass das Thema präsent bleibe. Daher freute er sich, dass sein Unternehmen durch die Bereitstellung der Ausstellungsfläche einen Beitrag dazu leisten könne.

Wertinger zweiter Bürgermeister findet Thema wichtig

Wertingens stellvertretender Bürgermeister Johann Bröll plädierte ebenso dafür, auf die Belange psychisch erkrankter Menschen aufmerksam zu machen. Oft würden wir das Thema verdrängen. „Doch können wir sicher sein, dass wir selbst nie betroffen sein werden?“

Dass Menschen sich unvorhergesehen in psychischen Krisensituationen wiederfinden, zeigte der anschließende Erfahrungsaustausch im Gasthaus Hirsch. Ulrike Wenger führte durch den sogenannten Trialog – eine Teilhabe auf Augenhöhe von Betroffenen, Fachleuten und Angehörigen. Zwischendurch erzählte Wenger von eigenen Erfahrungen, ist sie doch gleichzeitig Ärztin, Angehörige und – mit einer bipolaren Störung – Betroffene.

„Eine psychische Erkrankung ist für viele Menschen nicht greifbar, ebenso wenig wie die Arbeit eines Psychiaters“, zeigen die Erfahrungen von Albert Pröller. Er ist seit vielen Jahren der einzige Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Landkeis Dillingen. Gemeinsam mit dem Allgemeinmediziner und Betriebsarzt Engelbert Kigele beleuchtete er an dem Abend die medizinische Seite. Letzterer erinnerte sich als ehemaliger Betriebsarzt bei Bosch an zahlreiche Panikattacken, insbesondere bei Frauen, die vor allem im Alter mit dem Tempo nicht mehr mithalten konnten. Bei Männern, erklärte Tanja Weil, äußere sich die Überforderung dagegen oftmals durch Schlaflosigkeit. Ihr selbst fehlte damals zudem der Appetit. Sie erinnerte sich außerdem an eine große Müdigkeit, Herzrasen und das Gefühl, dass es ihr den Boden unter den Füßen wegziehe. Sie habe zu vielem Ja gesagt, was ihr eigentlich zuviel war. Das Nein-Sagen hatte sie vergessen. So musste sie neben dem „Nein“ auch wieder lernen, leben zu wollen. Rückblickend sieht Tanja Weil, dass sie an ihrer Krise gewachsen sei und es immer noch tue. „Ich bin dabei, das Leben neu zu entdecken!“

Termine der Selbsthilfegruppen im Landkreis Dillingen veröffentlicht unsere Zeitung regelmäßig in ihrem Service-Teil.

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