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Dillingen

19.11.2019

Wenn das Gymnasium zum Gerichtssaal wird

Einiges abverlangt hat die Aufführung des Stücks „Strafsache Koch“ den Zuschauern am Sailer-Gymnasium. Auf dem Bild (von links) die Schauspieler Elisabeth Widergold, Sophia Öfele, Valentin Öfele (auch groß auf der Leinwand), Elena Simper, Erika Geiser, Anna Finster, Emilia Tremmel, Sophia Groll, Hannah Bauer.
Bild: Schmid-Grotz

Die Aufführung „Strafsache Koch“ am Dillinger Sailer-Gymnasium sorgt für viel Diskussionen. Um in ihre Rollen zu schlüpfen haben die Akteure selbst eine Verhandlung besucht.

Immer wieder verlangt uns das Leben Entscheidungen ab: Kaffee oder Tee, Auto oder Rad, Fisch oder Fleisch. Nicht immer sind Entscheidungen so marginal wie die vorstellten Beispiele. Doch was ist, wenn es nicht heißt, zwischen „gut“ und „böse“ zu unterscheiden, sondern zwischen „schlecht“ und „noch schlechter“? Die Philosophie spricht hier von einem Dilemma, also einer Situation, die zwar unterschiedliche Handlungsoptionen bietet, von denen aber keine eindeutig als „die beste“ zu erkennen ist. Die Besucher, die jetzt an drei Abenden die Theateraufführung „Strafsache Koch“ am Sailer-Gymnasium verfolgten, sahen sich genau mit einem solchen Problem konfrontiert.

Was es mit der Theateraufführung am Sailer-Gymnasium auf sich hat

Grundlage ist Ferdinand von Schirachs Justizdrama „Terror“, das 2015 zeitgleich in Berlin und Frankfurt uraufgeführt und ein Jahr später in einer TV-Version ausgestrahlt wurde. Der Inhalt: Ein Pilot der deutschen Luftwaffe hat ohne einen entsprechenden Befehl eine Zivilmaschine abgeschossen, um zu verhindern, dass ein Terrorist das Flugzeug, das er zuvor in seine Gewalt gebracht hat, über einer vollbesetzten Fußballarena zum Absturz bringt. Jetzt muss sich der Offizier vor Gericht für den Tod der 164 Passagiere verantworten, auch wenn seine Entscheidung den 70000 Menschen im Stadion das Leben gerettet hat.

Im Zentrum des Stückes stehen die Befragungen durch das Richterkollegium. Doch wie entscheiden? Muss der hochverdiente Pilot mit der eigentlich sicheren Karriere als Mörder ins Gefängnis? Kann man Leben gegen Leben aufwiegen? Soviel scheint sicher: „Der Prozess wird richtungsweisend sein für die Justiz in unserem Land. Es stehen sich die Ethik Kants und der Utilitarismus angelsächsischer Prägung gegenüber“, so die Justiziarin des Gerichts (Sophia Groll, 9c).

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Warum das Publikum eine besondere Aufgabe hat

In gewohnter Weise durfte das Publikum ein „Gesamtkunstwerk“ genießen, denn wie schon in den vergangenen Jahren hatten die beiden Regisseurinnen Ute von Egloffstein und Alexandra Wallenstein noch die kleinsten Details auf das Thema eines Gerichtsdramas abgestimmt: nicht Zuschauer saßen vor der Bühne, sondern Schöffen, die statt eines Programmheftes eine Prozessakte mit wichtigen Schriftstücken zur Strafsache Koch in Händen hielten. Über Videoeinspielungen gab es durch eine TV-Journalistin (Julia Finster, 9a) aktuelle Informationen über die Situation „vor dem Gerichtssaal“.

Und erst nach der „Hauptverhandlung“ gab es eine Pause, die dazu diente, das Schöffenkollegium über Schuld oder Unschuld abstimmen zu lassen, sodass im Anschluss das Urteil (bei allen drei Aufführungen ein, wenn auch nicht immer klares „Unschuldig“) verkündet werden konnte.

Es zahlte sich aus, dass noch vor Beginn der eigentlichen Proben die Mitglieder der Theatergruppe eine Gerichtsverhandlung besucht hatten. So konnten zum einen Anna Finster (Q 11), Erika Geiser (9c) und Emilia Tremmel (10b) als Richterinnen überzeugen, die, scheinbar unbeeindruckt vom menschlichen Leid, das formal korrekte Prozedere gewährleisteten. Nicht weniger einprägsam agierten Sophia Öfele (10a) und Hannah Bauer (10b) als Staatsanwältin beziehungsweise Verteidigerin, die in langen Plädoyers den jeweiligen juristischen Standpunkt darlegten: auf der einen Seite Recht und Gesetz als Richtschnur, die über Moral und Gewissen stehen und dadurch Sicherheit gewähren, auf der anderen Seite die Vorstellung vom „kleineren Übel“, das dem unbedingten Gesetz vorzuziehen ist, wenn es vernünftig erscheint.

Mimik und das gesprochene Wort stehen im Vordergrund der Aufführung

Als Zeugen wurden Johannes Döhnel („Christian Lauterbach“, Duty Controller und Vorgesetzter des Beklagten; 8a), Antonia Lutz („Karen Fischer“, Sicherheitsmanagerin der Fußballarena; 9a) und Elisabeth Widergold („Franziska Meiser“, Witwe eines Absturzopfers und Nebenklägerin; 10a) vernommen. Und selbst kleine Rollen (Tim Ullrich, Q 11, als Nachrichtensprecher; Lara-Sophie Brenner, 9c, als Ehefrau des Beklagten) oder solche ohne Sprechtext (Leonie Bawidamann, 9d, als polizeilicher Vorführdienst) waren mit viel Fingerspitzengefühl besetzt.

Im Mittelpunkt des Interesses stand aber sicherlich Valentin Öfele (Q 12), der in der Rolle Peter Kochs zum Abschluss seiner Schullaufbahn noch einmal sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellte. Während der Befragung seiner Figur durch das Richterkollegium trat er selbstbewusst als Eliteoffizier auf und machte deutlich, dass für ihn ein „übergesetzlicher Notstand“ vorgelegen habe, der nach einer entschiedenen Antwort verlangt habe. Gleichzeitig konnte er bei der Einvernahme der Zeugen glaubhaft einen Mann verkörpern, den das durch ihn verursachte Leid keineswegs kalt lässt.

Beeindruckend war sicherlich, dass die Schüler dieses Mal mit einem Stück überzeugen konnten, das dem Zuschauer einiges abverlangt, schließlich standen weder ein aktionsreiches Bühnengeschehen noch eine spektakuläre Kulisse im Vordergrund, sondern allein das gesprochene Wort und die Mimik der Figuren, die mittels Kamera auf Großbild übertragen wurde. Die Mitglieder der Technikcrew waren damit den ganzen Abend über im Einsatz, um alle Geräte zu koordinieren. Trotzdem verfolgten die Besucher atemlos die Handlung.

Eines zeigte sich klar: Das Gesehene löste im Publikum intensive Gespräche aus. Alle nahmen den Zweifel, wie sie selbst in diesem Fall entschieden hätte, mit nach Hause. Und manch einem dürfte es so gehen wie der Figur Peter Koch, der auf die Frage der Staatsanwältin, ob er die Zivilmaschine auch abgeschossen hätte, wenn seine Familie an Bord gewesen wäre, nach langem Überlegen antwortet: „Ich will mir diese Frage nicht stellen.“

Von Felicitas Schmid-Grotz

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