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Festrede

07.01.2015

Wenn das Smartphone den Kunden im Geschäft ankündigt

„Wenn man den Prognosen glauben darf, so können schon bald sehr viele Händler ein echtes Klagelied anstimmen.“Bernd Brenner

Vizepräsident Bernd Brenner über „mörderischen Wettbewerb“ und Zukunftsaussichten im Einzelhandel. Ohne Breitband geht nichts

Ein passionierter Zigarrenraucher geht durch die Stadt und nähert sich seinem Tabakladen. Das Geofencing-System ortet sein Smartphone, erkennt ihn und seine Vorlieben und „ping“ kommt ein Sonderangebot seiner Lieblingszigarren auf das Display: „Nur für Sie und nur heute, Zigarren im Sonderangebot“. So könnte schon in wenigen Jahren der Einzelhandel aussehen, sagte Bernd Brenner, Buchhändler und Vizepräsident des Handelsverbands Bayern. Er zeichnete beim Neujahrsempfang in Dillingen ein teilweise düsteres, aber auch gleichzeitig schillerndes Bild des Einzelhandels im Jahr 2020. Ausgehend von dem Spruch eines amerikanischen Publizisten, wonach Jammern in Deutschland ein nationales Hobby sei, sagte Brenner, wenn man den Prognosen glauben dürfe, so könnten schon bald sehr viele Händler ein echtes Klagelied anstimmen.

Die Handelswelt von heute werde es laut dem Forschungs- und Beratungsunternehmen ECC in Köln so nicht mehr geben. 70 Prozent der Händler müssten sich völlig neu erfinden, um nicht zu verschwinden. Das Institut für Handelsforschung prognostiziere außerdem, dass rund ein Drittel aller stationären Geschäfte bis zum Jahr 2020 aus dem Markt ausscheiden wird, und weitere 40 Prozent nur mit grundlegender Veränderung ihrer Geschäftsmodelle überleben können. Gleichzeitig könnten auch nahezu 90 Prozent der heute bestehenden reinen Online-Händler nicht überleben. Zunehmen werde der Direktvertrieb der Hersteller, wobei die „Giganten aus Amerika und China“ absahnen würden. „Ist das Panikmache?“, fragte Bernd Brenner und gab auch gleich die Antwort: „Nein, denn die Preistransparenz im Netz sorgt für einen gnadenlosen Wettbewerb, die Marketingkosten sind immens, die Retouren drücken die Margen und so schreiben viele kleine Shops große Verluste.“ Sein Fazit aller Untersuchungen: „Der traditionelle Kunde stirbt aus und damit auch der traditionelle Handel!“ Zwar scheine es im Moment noch relativ gut zu laufen, doch es gebe keine korrekten Vergleiche, sodass die wahre Wucht der Entwicklung kaschiert werde. Großer Gewinner mit sagenhaften Umsatzzuwächsen sei der Internet- und Versandhandel. Der Kaufkraftabfluss sowie ein „mörderischer Verdrängungswettbewerb“ führten zu einer existenziellen Bedrohung. Brenner Sorge gilt den vielen kleinen, bestens geführten Fachgeschäften, „die durch ihre Beratungsqualität, ihren persönlichen Service, ihre fairen Konditionen und ihre Zuverlässigkeit für uns in Stadt und Land so praktisch und so selbstverständlich sind“. Dies sei als „Art des Einkaufens ein Stück Kultur“.

Immer mehr breite sich hier jedoch der „Beratungsklau“ aus, indem Kunden sich ausführlich alles zeigen lassen, um dann im Netz beim billigsten Anbieter zu bestellen. In diesem Zusammenhang lobte der Redner die Initiative unserer Zeitung und des Lokalradios rt1 „Kauf regional“ bzw. „Lass den Klick in deiner Stadt“.

Schließlich seien es die örtlichen Händler, die Gewerbesteuer bezahlten, Arbeits- und Ausbildungsplätze zur Verfügung stellten sich in Ehrenämtern engagierten und als Sponsoren und Spender auftreten. Brenner widersprach Frank Plasbergs Aussage „Die Einzelhändler kommen ins Museum“.

Der Handel sei kein Auslaufmodell, er werde aber ganz anders aussehen als in der Vergangenheit. Brenner: „Wer im Netz nicht vorkommt, wer über keine aussagekräftige Internetpräsenz verfügt, der existiert nicht.“ Aus traditionellen stationären Händlern würden immer mehr flexible Onlinehändler und aus etablierten Versendern stationäre Händler mit Showrooms und Filialgeschäften.

Allerdings, so Brenner, werde der Handel ohne den unverzüglichen Breitbandausbau nicht konkurrenzfähig sein. Flächendeckendes WLAN gehöre in den Städten der Zukunft zum Standard. Neue Marketinginstrumente seien Facebook, Youtube oder Twitter. Das Mobiltelefon werde zum Ansprechpartner der Geschäfte.

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