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Bissingen

25.08.2020

Wenn's in der Bissinger Kläranlage nach Orangen riecht...

Die ersten zwei Becken sind unbelüftet. Damit wird der Phosphor größtenteils eliminiert. Zum Vergleich: Auf dem Foto sieht man hinten eines der unbelüfteten Becken.
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Die ersten zwei Becken sind unbelüftet. Damit wird der Phosphor größtenteils eliminiert. Zum Vergleich: Auf dem Foto sieht man hinten eines der unbelüfteten Becken.

Plus Wissen Sie, was mit Toilettenpapier, Feuchttüchern und Co. beim Hinunterspülen passiert? Silke Otterbein ist die einzige weibliche Abwassermeisterin im Landkreis und betreut unter anderem die Kläranlage Bissingen

Abwassermeisterin Silke Otterbein braucht eigentlich nur ihren Geruchssinn, um zu wissen, was los ist. Die 49-Jährige betreut 28 Kläranlagen und das seit fast zwei Jahrzehnten. Ihre erste Anlage war jene in Bissingen. Dort sind wir mit ihr und Bissingens Bürgermeister, Stephan Herreiner, verabredet.

„Gute Kläranlagen riechen nicht. Wenn schon, stimmt etwas nicht“, sagt Otterbein selbstbewusst und man muss ihr recht geben. Es sind über 30 Grad an diesem Tag im August und der Geruch aus den Klärbecken hält sich in Grenzen. Warum es in der Anlage auch gerne mal „wie in einem Orangengarten“ riechen kann, wird sie später erklären.

Während des Lockdowns wurde Toilettenpapier gehamstert

Am 26. August ist der Tag des Toilettenpapiers. Das Konsumprodukt erhielt im Zuge des Lockdowns eine wohl nie da gewesene Aufmerksamkeit. Viele Menschen hamsterten Klopapier. Die Regale waren leer und der Einzelhandel musste den Verkauf beschränken. Spätestens mit dem Betätigen der Toilettenspülung gerät das Papier jedoch wieder in Vergessenheit.

Silke Otterbein ist Geschäftsführerin von BSB5, einer in Neusäß ansässigen Firma für Abwassertechnik mit 18 Mitarbeitern. Sie weiß, was mit Klopapier und anderen Verunreinigungen im Abwasser passiert. Otterbein ist die einzige weibliche Betreiberin einer Kläranlage im Landkreis Dillingen. Die Anlage, in der sie jede verlegte Leitung kenne, sei eine besondere, erklärt die 49-jährige Abwassermeisterin. Denn für eine Gemeinde mit 3500 Einwohnern sei sie recht groß. Ihre Leistung entspricht einem Einwohnerwert (EW) von 35 000. Ein EW entspricht der täglich von einem Einwohner in das Abwasser abgegebenen Menge an Schmutzfracht.

Das meiste Abwasser kommt von der Bissinger Molkerei Gropper

Die hohe Leistung der Kläranlage, erklärt Otterbein beim Gespräch in der Kaffeeküche der Anlage, liege daran, dass das industrielle Abwasser der Molkerei Gropper 70 Prozent der Gesamtleistung ausmache. Die Kläranlage, Baujahr 2000, liegt hierfür praktisch gelegen zwischen der Molkerei und der Kessel, in welche das gereinigte Wasser wieder eingeleitet wird.

Doch von vorne: Wenn ein Bissinger die Spülung betätigt, leiten Kanäle das Abwasser zu zwei rotierenden Schnecken in der Kläranlage. Der Vorteil gegenüber Pumpwerken: Die Schnecken kommen besser mit den reißfesten Feuchttüchern im Abwasser zurecht. Diese sollten laut Abwassermeisterin Otterbein aber erst gar nicht ihren Weg in die Kloschüssel finden. Im Anschluss wird in der Rechenanlage alles was größer, als drei Millimeter ist vom Rechen zurückgehalten.

Ein Hoch auf die Bissinger Bakterien

Die restlichen Verschmutzungen übernehmen acht Klärbecken. In der Biologie fressen sich Bakterien durch die organischen Verunreinigungen. Eine weitere Besonderheit: Im Gegensatz zu rund 70 Prozent aller Kläranlagen in Deutschland braucht es in Bissingen kein chemisches Verfahren zur notwendigen Phosphorelimination. Die ersten zwei Klärbecken sind unbelüftet. Die Bakterien geraten deswegen unter Stress, das Phosphat wird zu 85 Prozent eliminiert. Der erforderliche Phosphor-Grenzwert für Gewässer wird laut der Abwassermeisterin ohne Zugabe von Metallsalzen somit leicht eingehalten. Im Kontrollraum der Kläranlage behalten die Schichtleiter ganz leicht den Überblick über die gesamte Anlage. Drei Mitarbeiter kümmern sich sowohl um die Anlage in Bissingen, als auch zwei weitere in Holzheim und Buttenwiesen. Die Münchnerin ist sichtlich stolz auf das Bissinger Werk: „Unsere Bakterienkultur ist sehr robust und hat gelernt mit der stark schwankenden Belastung umzugehen.“ Andere Anlagen hätten bereits eine Impfkur aus Bissingen erhalten, so Otterbein.

Als die Bissinger Bakterien plötzlich einen Schlag weg hatten

Aber selbst die fleißigsten Mikroorganismen trifft manchmal der Schlag. So zum Beispiel als die Molkerei aus Versehen unzählige, gefrorene Würfel mit Kaffeekonzentrat ins Abwasser leitete. „Die Bakterien hatten einen Schlag weg und waren für ein paar Stunden inaktiv.“ Bei der Produktion von Smoothies im benachbarten Unternehmen wird die Kläranlage auch schon mal zum Orangengarten – zumindest geruchstechnisch. Die größte Herausforderung für die robusten Bakterien seien die Fette, weiß die Abwassermeisterin. Im Faulturm stellen sie hingehen einen „wahnsinnigen Energieträger“ dar. Trotz eines Stromverbrauchs von 5000 Kilowatt am Tag ist die Kläranlage an 280 Tagen im Jahre autark.

Hierfür dient der Faulturm, der täglich 2800 Kubikmeter Gas erzeugt. Bei 40 Grad wird aus der Biomasse zur Stromerzeugung Methan gewonnen. In zwei Blockheizkraftwerken erzeugen wir den Eigenstrom und nutzen den Abgasstrom zur Klärschlammtrocknung, sagt Otterbein, die den getrockneten Schlamm in Form von kleinen Pellets in der Hand hält. Bisher landen diese in der Monoverbrennungsanlage. Das soll sich aber ändern. Das Team arbeite bereits daran, die nährstoffreichen Pellets zu veredeln, damit diese verkauft werden können. Im kommenden Jahr soll zudem für zwei Millionen Euro ein weiterer Faulturm auf dem Gelände entstehen.

Doch die Welt der Kläranlagen sieht nicht nur rosig aus. Die allgemeine Trockenheit der vergangenen Jahre macht sich auch hier bemerkbar. 60 Liter gereinigtes Wasser pro Sekunde dürfen in die Kessel geleitet werden. Das Wasser darf zudem nicht wärmer als 32 Grad sein, um der Natur nicht zu schaden. Ein niedriger Wasserstand der Kessel erschwert somit die Einhaltung dieser Vorgaben. Auch die rechtlichen Anforderungen an Kläranlagen sei gestiegen. Die Dokumentation wird digitalisiert. Die Abwassermeisterin sieht diesen Trends jedoch positiv entgegen: „Ich will immer modern sein – das gilt auch für meine Firma.“

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