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Unterglauheim/Augsburg

10.07.2020

Wer ist die Frau, die ihr Baby ausgesetzt hat?

Eine 32-Jährige aus dem Kreis Dillingen steht vor dem Augsburger Landgericht, weil sie ihr Baby ausgesetzt hat. Sie hatte die Schwangerschaft geheim gehalten und wollte „niemanden damit belasten“, wie sie sagt.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Plus Im Internet schlägt der Mutter, die ihr Baby ausgesetzt hat, der blanke Hass entgegen. Ihre Verteidigerin betont: Die Frau ist ein „überfordertes Kind“. Wie es zu der Tat kommen konnte.

Der digitale Pranger ist gnadenlos. Die Frau sei ein „Teufel“, ein „Monster“. In den Kommentarspalten des Internets schlägt der 32-Jährigen aus dem Kreis Dillingen der blanke Hass entgegen. Sie hat vor einem Jahr ihr neu geborenes Baby in einer Wiese in Unterglauheim ausgesetzt. Eine Tat, die die Menschen bewegt. Der Säugling lag mehr als 30 Stunden alleine im Gras, war völlig unterkühlt, sonnenverbrannt, vertrocknet, ausgehungert und von Tieren angenagt. Er überlebte nur mit viel Glück. Die Frage, die sich alle stellen: Welche Mutter tut ihrem eigenen Kind so etwas an?

Unterglauheim: Warum die Mutter ihr eigenes Baby ausgesetzt hat

Seit dieser Woche läuft vor dem Augsburger Landgericht der Prozess gegen Sabine H. (Name von der Redaktion geändert). Ihr wird versuchter Totschlag vorgeworfen. Die Tat muss man ihr nicht mehr nachweisen. Die Angeklagte ist geständig. Das Gericht muss nun klären, wie viel Schuld die Frau trägt. Wer die 32-Jährige an den ersten beiden Prozess-Terminen beobachtet, dem dürfte klar sein: So einfach ist diese Frage nicht zu beantworten.

H. ist 32 Jahre alt. So steht es in ihrem Pass. Die Muster in ihrem Kopf sind andere. Sie sei auf dem Stand einer Zwölf- bis 14-Jährigen, zitiert Verteidigerin Cornelia McCready ein Gutachten. Ihre Mandantin sei „schwer geistig behindert“, ein „überfordertes Kind im Körper einer erwachsenen Frau“, sagt die Rechtsanwältin. Dies zeigt sich vor Gericht. Dort agiert die Angeklagte mitunter hilflos. Regelmäßig, wenn ihr die Worte fehlen oder die Erinnerung versagt, schaut sie verzweifelt zu ihrer Verteidigerin. Die hakt nach: „Haben Sie die Frage verstanden?“ Immer wieder offenbar nicht.

Wer ist die Frau, die ihr Baby ausgesetzt hat?

Die größte Sorge war, dass die Eltern schimpfen

Begreift die Frau, was das Gericht wissen möchte, sind ihre Aussagen meist verwirrend und widersprüchlich. „Sie wird ihre Antworten immer wieder abändern“, erklärt McCready während der Verhandlung. So ist die 32-Jährige in ihren Aussagen kaum greifbar. Mal sagt sie, dass sie sich bei ihrem Vorgehen nichts gedacht habe. Mal sagt sie, dass sie gehofft habe, dass jemand ihr Baby findet. Und mal sagt sie: „Mir war klar, dass es sterben kann.“ Ihre Mandantin versuche immer, die richtige Antwort zu geben und zu gefallen, so McCready.

Dieses Gefallen-Wollen könnte die unerklärliche Tat erklärbarer machen. Als H. ihren Sohn nachts, im Badezimmer ihrer Eltern, zur Welt brachte, war sie bereits zweifache Mutter. Beide Kinder lebten bei den Eltern der 32-Jährigen, während diese selbst damit beschäftigt war, in einer Art Wohngemeinschaft der Dillinger Lebenshilfe den Alltag zu meistern. Weiterer Nachwuchs wäre unerwünscht gewesen. Noch ein Kind nehme sie nicht, soll die Mutter der 32-Jährigen gesagt haben. So schildert es die Betreuerin der Angeklagten als Zeugin vor Gericht. Die Ansage hatte offenbar Wirkung. Laut Betreuerin könne die Mutter durchaus „einschüchternd“ wirken – auch wenn das Verhältnis zur Tochter liebevoll gewesen sein soll. Um die Erwartungen ihrer Eltern nicht zu enttäuschen, hielt H. die dritte Schwangerschaft geheim. Eine Taktik, die aufgrund ihres kräftigen Körperbaus aufging.

Verteidigerin Cornelia McCready beantwortet Fragen zum Zustand der Mutter.
Video: Andreas Schopf

„Ihre größte Sorge war, dass die Eltern schimpfen könnten“, sagt Verteidigerin McCready, die darin einen weiteren Beleg für die Kindlichkeit der Frau sieht. Die Angeklagte bestätigt, dass sie niemanden mit dem Thema belasten wollte. Außerdem – eine aus heutiger Sicht groteske Ansicht – habe sie verhindern wollen, dass über sie geredet wird.

Offenbar ein reger Kontakt zu Männern

Die Frau sei immer bemüht, sich anzugleichen und möglichst nicht aufzufallen, erklärt die Betreuerin. In Wahrheit würde H. viele Dinge nicht verstehen. Ein Beispiel: Die 32-Jährige fuhr schwarz Bus, obwohl die Lebenshilfe die Kosten dafür übernehmen würde. Dies habe man ihr mehrfach erklären müssen, bis sie es begriff, erinnert sich die Betreuerin.

Dass es überhaupt zur dritten Schwangerschaft kam, lag offenbar an einem recht regen Kontakt, den H. zu Männern pflegte. Die Betreuerin übernahm die Frau im Jahr 2018. Als Erstes ging sie mit ihr zum Frauenarzt, um die Verhütung sicherzustellen, berichtet sie. Eine Drei-Monats-Spritze vertrug sich nicht mit einem Mittel, das die Frau einnimmt. Also wurde es die Pille. Laut Betreuerin führte H. einen Kalender, um ihre Einnahme des Verhütungsmittels zu dokumentieren. Doch in Wirklichkeit nahm sie es offenbar nicht ganz so genau damit. Überhaupt sei im Miteinander „sehr viel Unehrlichkeit“ dabei gewesen, so die Betreuerin. H. habe immer wieder Sachen verheimlicht, etwa Partys. Mit Männern verkehrte sie allem Anschein nach regelmäßig, was dazu führte, dass sie heute nicht mit Sicherheit sagen kann, wer der Vater des ausgesetzten Kindes ist. Laut Gericht seien drei Männer infrage gekommen. Bei zwei von ihnen sei ein Vaterschaftstest negativ ausgefallen, der dritte weigert sich bislang, einen solchen durchzuführen.

Prozess: Der Ernst der Lage ist der Frau offenbar nicht bewusst

Die 32-Jährige macht vor Gericht nicht den Eindruck, dass ihr der Ernst der Lage bewusst ist. Vor ihrer Aussage kommen ihr einige Tränen. Als sie spricht, wird der Ton sachlich, Emotionen sind meist nicht herauszuhören. Manches Detail erzählt sie sogar mit Freude. Etwa, als es darum geht, dass sie am Tag nach der Geburt nochmals zur Wiese zurückkam, sich jedoch nicht um den Säugling kümmerte. Stattdessen habe sie ihr Pony versorgt. „Ich habe ihm Gras und einen Apfel gegeben“, sagt sie, und klingt dabei, als ob sie von einem spannenden Tag auf dem Bauernhof erzählt.

Entscheidend für das Urteil werden zwei Gutachten sein, die am nächsten Prozesstag am Dienstag vorgestellt werden. Auch mit den Plädoyers ist an diesem Tag zu rechnen. Das Urteil fällt wohl am 21. Juli.

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