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Dillingen

30.12.2019

Wer will noch die alten Klassiker lesen?

Das Internet, die neue E-Book- und Kindle-Kultur, vor allem aber die wachsende Leseunlust haben den ehemaligen Wert des Bücherregals mit kostbaren Klassikerausgaben infrage gestellt.
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Das Internet, die neue E-Book- und Kindle-Kultur, vor allem aber die wachsende Leseunlust haben den ehemaligen Wert des Bücherregals mit kostbaren Klassikerausgaben infrage gestellt.
Bild: Pawlu

Theodor Fontanes 200. Geburtstag wirft Fragen zur Stellung der Literatur im Gymnasium auf

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts galt die gymnasiale Bildung als Voraussetzung für die Erlangung edler Menschlichkeit. Deshalb dienten die Bücher großer Autoren beim Aufstieg zum Schönen, Wahren und Guten als Steigleitern. Heute äußern viele Beobachter der modernen Schulentwicklung die Überzeugung, dass das Prinzip, wahre Bildung sei ohne Kenntnis der Literatur nicht möglich, leichtfertig infrage gestellt wird.

Die Abkehr von den großen Dichtern macht nicht einmal vor Goethe halt. Ab dem Jahr 2021 gehört sein „Faust 1“ in Hessen nicht mehr zum Prüfungsstoff für das Deutsch-Abitur. In einem Internet-Feuilleton sucht NDR-Redakteurin Verena Gonsch nach den Gründen: „Die heutigen Schülerinnen und Schüler“, so argumentiert sie, „müssen sich dank des Internets nicht mehr durch die gesamte Lektüre quälen“. Schließlich lasse sich der Inhalt klassischer Romane und Dramen über Wikipedia und andere „nützliche Seiten“ leicht ermitteln, ohne sich „stundenlang einem 300-Seiten-Schmöker“ widmen zu müssen.

Wer will noch Goethe und Fontane lesen?

Am Ende des Jahres 2019 lässt sich leicht überprüfen, ob auch im Landkreis Dillingen der schulische Bruch mit dem literaturverknüpften Bildungsideal vollzogen wird. Heute, am 30. Dezember, wird in den Medien ausführlich an den Geburtstag Theodor Fontanes vor 200 Jahren erinnert. Auf einer Unmenge von Internetseiten wird dieser Dichter als „Meister des realistischen Romans“, als „Chronist Preußens“ und als „größter Romancier des 19. Jahrhunderts“ gefeiert. Im örtlichen Buchhandel hat das vorerst zu keiner verstärkten Nachfrage nach Fontane-Romanen geführt. Bernd Brenner, Inhaber der Dillinger Buchhandlung Bücher Brenner, erklärt: „In dieser Hinsicht mache ich mir keine Illusionen. Deutsche Klassiker sind, was Buchausgaben betrifft, immer weniger gefragt. Auf sehr viel stärkeres Interesse stoßen Kriminalromane moderner Autoren.“ Es sei höchst bedauerlich, dass der schulische Unterricht zunehmend darauf verzichtet, Jugendliche an die klassische Literatur heranzuführen.

Wer will noch die alten Klassiker lesen?

Brigitte Schöllhorn, Leiterin der Dillinger Stadtbücherei, will dieses Bedauern nicht uneingeschränkt teilen. Immerhin seien 2019 der Literaturgeschichtsband für Jugendliche „Von Grimmelshausen bis Fontane“ neunmal, die Biografie „Fontanes Welt“ sogar fünfzehnmal ausgeliehen worden. An der Spitze der Beliebtheit stehe bei jugendlichen Lesern allerdings das „Schimmelreiter“-Hörbuch. Brigitte Schöllhorns Resümee: „Immer weniger Jugendliche lesen, aber einige lesen immer mehr.“

Ein Lauinger Lehrer sieht eine "Scheu vor langen Texten"

Arnold Schromm, promovierter Fachleiter Deutsch am Lauinger Albertus-Gymnasium, registriert bei seinen Schülern vor allem eine zunehmende Scheu vor langen Texten: „Fontanes Roman ‘Effi Briest’ habe ich früher ab und an in der Oberstufe gelesen. Seit einigen Jahren nicht mehr. Der Text ist zu lang.“ Auch in Schulaufgaben und im schriftlichen Abitur werde immer öfter verlangt, literarisches Verständnis mit der Interpretation von kurzen Textauszügen aus Romanen nachzuweisen. Aber selbst diese Methode, so erklärt Schromm, stoße auf Probleme. Die Bedeutung von mehrfach verwendeten Wörtern wie „jovial“ oder „genant“ im „Effi-Briest“-Roman werde nicht mehr verstanden, sodass sie in der Textvorlage mit Fußnoten erläutert werden muss. Schromm, der seit 1992 am Albertus-Gymnasium Deutsch unterrichtet, sieht die Ursachen für diese Probleme in der zunehmenden „Zerstreuung“ seiner Schüler durch Internet- und Medienangebote, aber auch in den Belastungen, die durch den Wegfall der neunten Jahrgangsstufe am Gymnasium entstanden sind. Er engagiert sich dennoch weiterhin für das pädagogische Ziel, im Unterricht klare Vorstellungen vom Wert der Literatur zu vermitteln. „Effi Briest“ handle zwar in einer vergangenen Welt, verdeutliche aber beispielsweise mit dem Modell der „braven Tochter“ auch überzeitliche Gültigkeit. „Ich selbst liebe ‘Effi Briest’ sowohl vom Inhalt her als auch bezüglich der Sprache Fontanes! Beim Thema Poetischer Realismus bespreche ich als Beispielroman gerne ‘Effi Briest’ und gebe eine Inhaltsangabe, um daran die Literaturtheorie zu erläutern.“

Theodor Fontanes 200. Geburtstag ist ein guter Anlass, sich mit der grundsätzlich veränderten Stellung großer Literatur in Schule und Gesellschaft zu beschäftigen. In einer Zeit, in der „Fontanes sämtliche Werke“ als Kindle-Book-Ausgabe zum Preis von 3,09 Euro zu haben ist, gibt es vielleicht neue Leserschichten, die „Effi Briest“ am Handy lesen. Vorbei allerdings ist die Zeit, in der die private Bücherwand mit kostbar gebundenen Klassikerbänden bürgerliche Kultur signalisierte. So ganz neu ist die Scheu vor dicken literarischen Büchern allerdings nicht. Da ist es tröstlich, wie Studiendirektorin i. R. Anne Mayr, die von 1979 bis 2015 am Albertus-Gymnasium Deutsch und Englisch unterrichtete, die Klage über die zunehmende Leseunlust heutiger Gymnasiasten kommentiert: „Ich habe immer wieder erlebt, dass ausführliche Romantexte zu Problemen führen. Auch in vergangenen Jahrzehnten hatte ich den Eindruck: Die Schüler lesen an und hören wieder auf.“

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