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Landkreis

28.10.2017

Wo sind all die Insekten hin?

Mücken werden wohl die wenigsten vermissen. Doch was, wenn es insgesamt weniger Insekten gibt? Eine neue Studie nährt diesen Verdacht. Und auch Experten im Landkreis haben den Eindruck, dass früher einmal deutlich mehr Getier über die Wiesen kroch und durch die Luft schwirrte. Das hat auch auf andere Bereiche der Natur große Auswirkungen.
Bild: Jochen Lübke/dpa

Falter, Käfer, Mücken, Bienen – immer wieder hört man, dass es früher einmal mehr gegeben hätte. Eine neue Studie untermauert den Verdacht. Wir haben Experten gefragt, ob das Auswirkungen auf die Region hat.

Bei einer Fahrt zu einer Insektenbörse in Frankreich, da ist es ihm aufgefallen. „Wir sind schon eine ziemliche Strecke gefahren“, sagt Armin Maier aus Bocksberg, Ortsteil von Laugna. „Die Windschutzscheibe war noch sauber.“

Früher, da klatschten Mücken, Fliegen, Falter dagegen, die Scheibe sei viel schneller verklebt gewesen. Gibt es tatsächlich weniger Insekten? „Bei bestimmten Arten, da hab ich schon den Eindruck“, sagt Maier. Seit seiner Kindheit interessiert sich der heute 61-Jährige für all die kleinen Tierchen, die durch die Luft schwirren und durch das Gras krabbeln. Seine Mutter habe immer gesagt, sein erstes Wort sei „Käfer“ gewesen. Zu Hause hat Maier eine Insektensammlung, züchtet selbst besondere Exemplare wie Gottesanbeterinnen. In der Natur ließen sich viele Insekten aber nicht mehr mehr so leicht beobachten. „Den Schwalbenschwanz, den sieht man weniger, vielleicht seit fünf Jahren.“ Ganz selten sei etwa der Goldschmied-Käfer geworden, mit seinem glitzernden Rückenpanzer.

Zu dem Ergebnis, dass es immer weniger Insekten gibt, kommt auch eine Studie, die vergangene Woche veröffentlicht wurde. Ein Team aus Forschern aus den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland hat beobachtet, dass es etwa 76 bis 81 Prozent weniger Insekten gibt als noch 1990. Sie haben über 27 Jahre die Insekten an 63 Standorten – vor allem in Schutzgebieten in Nordrhein-Westfahlen – gezählt. Professor Dave Goulson, einer der Autoren der Studie, erklärt: „Insekten machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus. Wie es scheint, machen wir große Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens.“

Denn Insekten sind nur das eine. Vögel fressen Insekten. Dass sie immer weniger Nahrung finden, sei einer der Faktoren, wegen denen der Bestand vieler Arten zurückgeht, sagt Harald Böck, Vogelkundler aus Lauingen. „Das Braunkehlchen. Da hatten wir noch 30 Brutpaare vor 30 Jahren. Jetzt ist das Braunkehlchen im Landkreis verschwunden.“ Vielen Vögeln mache aber auch der kleiner werdende Lebensraum zu schaffen. Doch beim Braunkehlchen, so schätzt Böck, liegt es an fehlender Nahrung. „Der Vogel wiegt 15 Gramm. Und muss bis nach Afrika fliegen.“ Das kann er nur gut genährt bewältigen.

Nahezu verschwunden ist auch das Rebhuhn. Als es 1991 Vogel des Jahres wurde, wollte der Naturschutzbund darauf aufmerksam machen, dass der Bestand massiv eingebrochen war. Es änderte sich nichts. 2016 war das Jahr des Rebhuhns, diesmal wollte der Deutsche Jagdverband dem Tier helfen. Das erwachsene Rebhuhn ernährt sich zwar pflanzlich, doch die Jungtiere fressen fast nur Spinnen und Insekten. „Wenn keine Insekten da sind, gibt es auch keine Jungtiere“, sagt Böck.

Anderen Arten geht es nicht so schlecht. Die Feldlerche, deren Bestand bayernweit eigentlich abnimmt, hält sich im Kreis stabil. Auch der Bienenfresser und der Neuntöter – Vögel, die größere Insekten fressen – entwickeln sich gut, der Bestand wächst sogar. Gleichzeitig verschwinden früher häufige Arten. Warum, ist im Einzelfall schwer zu sagen.

Doch eine Gruppe von Schuldigen ist regelmäßig schnell gefunden. Auch in der neuen Studie werden sie als mögliche Verursacher genannt. Es heißt immer wieder, die Landwirte seien schuld am Insektensterben, weil sie mit Insektenvernichtungsmitteln arbeiten und einen Kollateralschaden in Kauf nehmen. Eugen Bayer vom Bauernverband in Dillingen erklärt: „Es gibt Schadinsekten, die müssen wir bekämpfen. Aber nützliche wollen wir schützen.“ Besonders Obstbauern seien schließlich angewiesen auf Bienen und andere Insekten, die ihre Pflanzen bestäuben. Zudem gibt es strenge Zulassungsprüfungen für Pflanzenschutzmitteln. Und die Landwirte seien für das Thema sensibilisiert, sagt Bayer. Alle drei Jahre besuchen sie eine Schulung, ohne die dürfen sie keine Pflanzenschutzmittel einsetzen. „Dadurch sind immer alle sachkundig und auf dem neuesten Stand.“ Landwirte bringen ihre Mittel nicht auf ihre Felder, wenn ein starker Wind weht oder die Sonne besonders warm scheint, um nicht mehr Insekten als nötig zu treffen. „Das da so eine Hysterie entsteht ist Nonsens“, sagt Bayer zur aktuellen Studie. „Die Insekten, die uns schaden, von denen gibt es noch genügend. Sonst müssten wir sie auch nicht so bekämpfen. Ein weit verbreitetes Insektensterben können wir nicht feststellen.“

„Man schiebt immer alles auf die Landwirte, aber es gibt auch andere Faktoren.“ Sagt nicht Bayer, sondern Vogelkundler Harald Böck. Schließlich würden etwa auch die Gärten im Landkreis immer insektenunfreundlicher. Perfekt aufgeräumt, gemähter Rasen. „Wenn man ein bisschen Brachfläche lassen würde, ein bisschen Reisig in der Ecke hätte. Da wäre schon etwas geholfen“, sagt er. Lebensraum für Insekten, Nahrung für Vögel. Brachflächen brauche es auch in der Landschaft. „Eine Spitze von einem Acker, die sollte man einfach mal so lassen und gar nichts machen. Die Landwirte müsste man eben entschädigen.“ Ähnliche Projekte gebe es, aber deutlich zu wenige. Doch jeder einzelne könne damit anfangen, seinen Garten Insektenfit zu machen. „Das hilft mehr, als wenn ich für 50 Euro Vogelfutter kaufe.“

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