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Landkreis Dillingen

27.10.2018

Zeitumstellung: Segen oder Fluch?

In der Nacht zum Sonntag wird die Uhr von der Sommerzeit auf die Winterzeit, eigentlich bei uns die Normalzeit, umgestellt. Das bedeutet, dass wir eine Stunde länger schlafen – oder ausgehen können. Was Sie auch tun: Die Uhr an der Wertinger Grundschule jedenfalls empfiehlt, die Zeit zu nützen.
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In der Nacht zum Sonntag wird die Uhr von der Sommerzeit auf die Winterzeit, eigentlich bei uns die Normalzeit, umgestellt. Das bedeutet, dass wir eine Stunde länger schlafen – oder ausgehen können. Was Sie auch tun: Die Uhr an der Wertinger Grundschule jedenfalls empfiehlt, die Zeit zu nützen.

In der Europäischen Union wird gerade geprüft, ob der eher ungeliebte Wechsel geändert oder gleich ganz abgeschafft werden soll. Wie Menschen in der Region darüber denken

Dem Ersten Buch Mose und seinem Schöpfungsbericht zufolge hat Gott die Zeit erschaffen, genau wie alles andere. Rupert Ostermayer würde das ohne jeden Zweifel stehen lassen. Nicht jedoch das von Jean-Claude Juncker vor einigen Wochen präsentierte Papier von einer geplanten Änderung bei der Zeitumstellung. Beide – Wertingens Stadtpfarrer und der EU-Kommissionschef – sprechen vom selben heißumstrittenen Thema, das Deutschland zweimal im Jahr heftig bewegt. Macht es Sinn, so wie heute Nacht um drei Uhr alle Zeiger auch in unserer Region einfach eine Stunde zurückzudrehen und damit die Winterzeit einzuläuten?

Es gibt wichtigere Dinge

„Nein“, schallt es aus der Pfarrkirche St. Martin: „Wir haben eine christliche Ursprungszeit und da brauchen wir diese künstliche Manipulation nicht“, weiß sich Ostermayer mit vielen Gläubigen einig. Denn dem katholischen Geistlichen wird von seinen „Schäfchen“ jetzt immer wieder vorgetragen, wie sehr sie die Zäsur am Ziffernblatt ablehnen. „Sie wollen das einfach nicht.“ In bester ökumenischer Tradition blitzen die Brüsseler Pläne zur Schaffung einer dauerhaften Sommer- oder Winterzeit auch bei Pfarrerin Ingrid Rehner ab: „Anstatt hier immer wieder den zeitlichen Rhythmus durcheinanderzubringen, haben wir wichtigere Dinge vor uns“, heißt es aus der evangelischen Bethlehemgemeinde. Man solle sich, so die Pfarrerin, lieber seiner begrenzten Zeit bewusst werden oder sie als Geschenk reflektieren.

Dass Leben aus einem ständigen Geben und Nehmen besteht, erinnert zwar an einen Bibelvers, gehört allerdings zu den zahlreichen „Eselsbrücken“ seit Einführung der Zeitenwende vor vier Jahrzehnten, deren erste Versuche sogar in den Ersten Weltkrieg zurückreichen. So steckt hinter diesem Merkspruch, dass man die Stunde, die im Frühjahr abgegeben werden muss, sich im Herbst wieder zurückholt. Doch hat Markus Krahl weder Theologisches noch Überirdisches im Sinn, wenn er sich an diesem Wochenende über eine Stunde extra Schlaf freuen kann. Denn der neue Kommandeur des Informationstechnikbataillons 292 in Dillingen muss am Sonntagabend von seiner Wohnung in Nordrhein-Westfalen in Richtung Schwaben aufbrechen, um Montagfrüh fit seinen führenden Dienst in der Luitpoldkaserne antreten zu können. „Das Bataillon beginnt dann den Dienst unverändert wie jede Woche“, versichert der Oberstleutnant, ohne dabei die Wachsoldaten zu vergessen, die wegen des nächtlichen Zurückfahrens der Uhrwerke 60 Minuten länger als sonst durchstehen müssen.

Mensch fühlt sich unwohl

Solche militärische Robustheit gilt nicht als selbstverständlich. Die mehrheitliche Ablehnung des Zeigerumlegens wird in ganz Europa auch mit einem Unwohlsein bei den Menschen verbunden. Mehr als drei Viertel der Befragten in einer Forsa-Erhebung fühlten sich müde und schlapp. Über 60 Prozent hatten Einschlafprobleme und knapp 40 Prozent konnten sich schlechter konzentrieren. Ob die Entschuldigung eines Auszubildenden bei der Autofirma von Geschäftsführer Walter Ohnheiser glaubhaft war, wegen der Umstellung „verpennt“ zu haben, konnte nie vollständig geklärt werden. „Zumal es gleich dreimal hintereinander passierte.“ Zudem stellt die Betriebsdirektorin bei der Dillinger Kreisklinik, Sonja Greschner, beim Personal kaum Probleme fest. Der Sommerzeiten-Fan: „Da müssen halt ein paar wenige Uhren in den Zimmern verdreht werden.“ Dennoch erwähnt Ottmar Pfanz-Sponagel, Bewegungsfachkraft bei der AOK in Günzburg, die Auswirkungen auf den Biorhythmus des Menschen, der sich am Tageslicht orientiere. „Die sogenannte innere Uhr hat nicht nur Einfluss auf den Schlaf, sondern auch auf viele andere Vorgänge im Körper.“ Besonders empfindlich reagierten Ältere und Leute mit Schlafstörungen.

Beobachtet etwa Dermatologe Viktor Heimbuch, der sich die Beliebtheit der jetzt zu Ende gehenden Zeitperiode damit erklärt, dass sie etwa Menschen mit langen Arbeitstagen entgegenkommt. „Die Haut braucht Licht und Sonne.“ Und den Terminkalender, wie der Oberbürgermeister von Dillingen scherzhaft hinzufügt. Damit beschreibt Frank Kunz lediglich den Ablauf seines Arbeitstages und will damit zum Ausdruck bringen, dass er die „geschenkte“ Runde am Wochenende ohne Probleme überstehen wird. Und: „Es gibt in unserem Land und in der Europäischen Union dringendere Aufgaben.“ Dies würde Landrat Leo Schrell jederzeit unterschreiben, der für sich persönlich ein Rezept gegen den kleinen Jetlag bereithält: „Alles eine Frage der Einstellung und Organisation.“ Letzteres bietet sich jetzt auch bei der Umstellung des Autos auf die kalte Winterphase an, zum Beispiel mit dem Aufzug von geeigneten Reifen. „Probleme mit der eigenen Kfz-Versicherung sind nicht ausgeschlossen, wenn mit abgefahrenen Rädern durchs winterliche Hochgebirge getourt wird“, mahnt Karl Aumiller, Sprecher des Bezirksverbandes Augsburg der Versicherungskaufleute. Man solle beim Profil auf jeden Millimeter achten.

Es wird früher heller

Darauf legt großen Wert der stellvertretende Betriebshofleiter von Wertingen, Reinhard Gribl, der über einen Fuhrpark von 20 Lkw und Kleinfahrzeugen verfügt. Den großen Wechsel bekommt der Mann jedoch weniger an seiner Armbanduhr zu spüren, sondern wegen der nahenden kalten Jahreszeit mit Schnee, Eis sowie einem Haufen Arbeit für das Team: „Die Winterzeit ist gut für uns, weil es dann beim Arbeiten früher heller wird.“ Dagegen bevorzugt Garten- und Landschaftsgestalter Tobias Munz die langen lichten Abende des Sommers, die „ich für meinen Job als optimal empfinde.“ Völlige zeitliche Unabhängigkeit gilt für Polizeihauptmeister Gunther Hetz: „Unser Schichtbetrieb läuft heute Nacht ganz normal weiter“, versichert der Sprecher der Polizeiinspektion Dillingen. Grundsätzlich findet der Beamte „es schön, wenn es abends länger hell bleibt“.

Was der Kuh im Stall eher egal zu sein scheint, worauf Ottmar Hurler, Abteilungsleiter Beratung und Bildung beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Wertingen aufmerksam macht. Die Auswirkungen auf die eng getakteten Tierhaltungsbetriebe bleiben bis heute umstritten. Sicher bleibt nur: Umstellen muss sich auf jeden Fall der Bauer.

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