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Gundelfingen/Bachhagel

02.12.2017

Zwei Frauen, die führen

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Als erste Frau trat Ingrid Krämmel 1996 in den Bachhagler Gemeinderat ein. Zwölf Jahre später wurde sie Bürgermeisterin.
Bild: Roderfeld

Ingrid Krämmel undMiriam Gruß behaupten sich in einer Männerdomäne.

Am Sonntag wird die Frau, die seit Jahren gegen die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts kämpft, 75 Jahre alt: Alice Schwarzer. Sie gilt als die bekannteste Vertreterin der deutschen Frauenbewegung. Nach wie vor ist die Gleichberechtigung kein festes Gebilde der deutschen Kultur. Führungsebenen werden überwiegend von Männern dominiert. Doch nicht überall: Ingrid Krämmel ist Bürgermeisterin von Bachhagel.

Die 64-Jährige ging einen langen Weg, um sich als Frau zu behaupten. 1990 startete sie ihren ersten Versuch, in den Bachhagler Gemeinderat einzutreten. Sie wäre die erste Frau gewesen, die es an den Tisch schaffte. Doch der Versuch scheiterte. Erst sechs Jahre später als beabsichtigt wurde sie neues Ratsmitglied. Ihre beiden Töchter Tina und Sophia waren zu dem Zeitpunkt schon erwachsen. Die gebürtige Bachhaglerin erinnert sich noch gut an die Zeit, an die Sitzungen mit den älteren Männern, die schon länger dabei waren, mehr Erfahrung hatten als sie. „Ich musste mich ein Stück weit behaupten.“ 2008 kandidierte Krämmel dann für das Bürgermeisteramt. Sie setzte sich durch – gegen einen Mann. Bei der nächsten Wahl, sechs Jahre später, wurde sie wieder Rathauschefin – trotz eines männlichen Konkurrenten. In der Gemeinde habe es viel positive Resonanz gegeben. „Ich bin hier groß geworden, in einer Gaststätte aufgewachsen.“ Dieser Umstand habe die Akzeptanz im Ort erleichtert. Ob sie sich politisch engagiert hätte, wenn ihre Töchter noch nicht erwachsen gewesen wären? „Ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht.“ Bevor vor 20 Jahren ihr Mann starb, übernahm sie zehn Jahre lang seine Pflege. Eine harte Zeit, wie sie heute sagt. „Aber sie hat mich stark gemacht.“ Sie habe lernen müssen, ohne einen Mann auszukommen, musste sich mit der Technik einer Waschmaschine ebenso auseinandersetzen wie mit dem Anbringen einer Lampe.

Bis die Gleichberechtigung von Mann und Frau erreicht ist, dauert es noch. „Es ist schon noch ein Weg, bis es so weit ist.“ Es fange mit den ungerechten Löhnen an. Dabei profitiere die Führungsebene von weiblichen Geschlechtern. „Ich habe das Gefühl, Frauen hören und sehen vieles anders.“

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Bei ihren Eltern waren die Rollen noch klar getrennt. Die Frau legte dem Mann jeden Morgen die Kleidung zurecht und kümmerte sich um den Haushalt. Durch ihre beiden Töchter und ihren Ehemann, der nicht von ihr erwartet hat, dass sie sich dem klassischen Modell anschließt, sei sie die Frau geworden, die sie heute ist. Stark, selbstbewusst und vor allem: offen für einen Wandel in den Strukturen. Für sie war lange klar, dass die Mama in den ersten Jahren bei ihrem Kind bleibt, nicht der Mann. „Als mein Schwiegersohn in Elternzeit ging, wurde mir bewusst, wie wichtig die Zeit für den Vater und das Kind ist.“ Auch ihr Job als Bürgermeisterin hat sie positiv beeinflusst. „Das ist mein Leben“, sagt sie. Dass Krämmel nach dem Schicksalsschlag mit ihrem Mann so auftreten kann, verdankt sie dem Rückhalt ihrer Familie. „Irgendwann wendet sich das Blatt, und das Negative wird zum Positiven.“ Sie hält kurz inne und sagt: „Man muss nur warten können.“ Krämmel lächelt, wie oft an diesem Tag. Gleich hat sie den nächsten Termin. Im Moment ist viel los, sagt sie.

Der Terminkalender von Miriam Gruß ist ebenfalls prall gefüllt. Seit Mai dieses Jahres ist sie die Bürgermeisterin von Gundelfingen. Täglich versucht sie den Spagat zwischen Job und Familienleben zu meistern. Ihre Kinder sind zwei und 13 Jahre alt. Als Mama bekommt sie nicht immer das Verständnis, das sie sich wünschen würde. „Zum Beispiel wenn ich Termine nicht wahrnehmen kann oder Sitzungen früher verlassen muss.“ Damit gehe es ihr aber nicht anders als einer Mutter, die Grundschullehrerin ist oder im Supermarkt an der Kasse sitzt. Dass sie in der Führungsebene tätig sein kann, verdankt sie wie Krämmel ihrem familiären Umkreis. „Wäre ich alleinerziehend, ginge das nicht.“

Morgens ist Gruß im Büro, und am Nachmittag arbeitet sie von zu Hause. Durch die Digitalisierung sei das möglich, sagt sie. „Ich lebe es vor.“ Dafür halte sie den Gegenwind, der ihr wegen dieser Entscheidung entgegenkommt, aus. „Bürgermeisterin bin ich trotzdem, sieben Tage die Woche, 24 Stunden lang.“ Ob zu Hause oder im Büro. „Dafür nehme ich es mir auch heraus, am Nachmittag mal auf dem Spielplatz zu sein.“

Eine gesetzliche Frauenquote in der Führungsebene lehnt Gruß ab. „Das Denken in den Köpfen würde sich damit nicht verändern.“ Im Gegenteil: „Das Polarisieren würde sogar noch zunehmen.“ Ein Miteinander der Geschlechter ist ihrer Ansicht nach wichtiger. „Das ist immer der bessere Weg.“ In ihrer politischen Laufbahn, gerade in der Zeit im Bundestag, hat sie gelernt, dass sie sich als Frau mehr beweisen muss. „Und mehr durchsetzen, damit man ernst genommen wird.“ Männer würden ihre Gleichgesinnten intuitiv mehr unterstützen. Gruß selbst ist emanzipiert aufgewachsen. „Emanzipation heißt aber nicht, dass man als Frau die große Karriere machen muss.“ Genauso könnten Frauen emanzipiert sein, die sich dafür entscheiden, zu Hause bei den Kindern zu bleiben, sich um die Familienarbeit zu kümmern. Es geht um die freie Wahl. „Das ist die wahre Emanzipation.“

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