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Wertingen

16.07.2020

Zwei rassistische Begegnungen prägen das Leben einer Wertingerin

„Keiner hat mich gezwungen, hier in Deutschland zu bleiben. Doch ich wollte hierbleiben, und so habe ich mich angepasst.“Die 60-jährige Wertingerin Cora Grünthaler ist gerne mit ihrem Hund in der Natur unterwegs. Seit einem Vorfall vor einigen Monaten fühlt sich die gebürtige Philippinin manchmal unsicher.
Bild: Birgit Hassan

Plus Vor über 30 Jahren brachte eine alte Frau in einem Wertinger Supermarkt die gebürtige Philippinin Corazon Grünthaler dazu, ganz schnell Deutsch zu lernen. In diesem Winter schockierte ein Junge die 60-Jährige auf andere Weise.

Sie war damals eine Frau Mitte zwanzig, schiebt ihre wenige Monate alte Tochter im Kinderwagen durch einen Supermarkt am Wertinger Marktplatz. Beim Gemüse fragt eine ältere Frau sie etwas zu den Tomaten. Schnell, undeutlich und mit starkem Dialekt. Corazon Grünthaler kann ihr in dem Moment nur mit einem Achselzucken antworten.

Ein Erlebnis in Wertingen hat die gebürtige Philippinin geprägt

Mit welchen Worten die Frau sie daraufhin beschimpft, erfährt sie erst viel später durch eine zufällige Zeugin. Sie solle zurückgehen, woher sie komme, wenn sie eh nichts verstehe. Das Erlebnis hat die gebürtige Philippinin geprägt. Innerhalb kürzester Zeit lernt sie die deutsche Sprache, fühlt sich schnell heimisch und als echte Wertingerin. Bis ein Erlebnis in diesem Winter sie erneut tief schockiert.

„Man muss die Sprache nicht verstehen, um zu verstehen.“ Gesten und Mimik vermitteln laut Corazon Grünthaler sehr schnell, was einem ein Gegenüber sagen will. Damals, vor 36 Jahren, gab die sozial denkende Philippinin der älteren Frau auch ein Stück weit recht. „Sie brauchte meine Hilfe und ich konnte ihr nicht helfen – ich war enttäuscht von mir selbst.“

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Die Wahl-Wertingerin fühlt sich in der Zusamstadt daheim

Mittlerweile kann sie gelassen darauf zurückblicken, spricht fließend Deutsch und versteht alles. „Heute kann mich keiner mehr verkaufen“, sagt die Wahl-Wertingerin. Hier in der Zusamstadt fühlt sie sich daheim, kennt „fast alle Ur-Wertinger“ und hat das Gefühl, akzeptiert zu sein.

Sie hat sich angepasst – „in jeder Beziehung, vielleicht manchmal zu viel“, sagt sie nachdenklich. „Cora“, als die sie allgemein bekannt ist, kocht Schweine- und Rollbraten, Spätzle und Kartoffelsalat. Gleichzeitig liebt sie nach wie vor sehr die asiatische Küche und hat vielen deutschen Frauen bei den Volkshochschulen Wertingen und Dillingen das asiatische Kochen beigebracht. „Die machen jetzt ihre Frühlingsrollen selbst“, freut sich die 60-jährige Altenpflegerin. „Das hab ich in die deutsche Gesellschaft mit eingebracht.“

Ihr Geburtsland hat Corazon Grünthaler in den vergangenen 36 Jahren noch einige wenige Male besucht. Dort fühlt sie sich mittlerweile fremd. „Du bist zu deutsch geworden, so ganz anders als wir“, werfen ihr die eigenen Geschwister vor. „Vielleicht habe ich mich zu arg an Deutschland angepasst, meine eigene Kultur und Heimat verraten.“ In solchen Momenten fragt sie sich, ob sie wirklich richtig gehandelt hat. „Keiner hat mich gezwungen, hier in Deutschland zu bleiben. Doch ich wollte hierbleiben, und so habe ich mich angepasst.“

Bei aller deutschen Anpassung blitzte ihr Temperament in all den Jahren immer wieder durch. „Sehr sozial, viel unterwegs und draußen, singend und tanzend“, charakterisiert sie sich selbst. In letzter Zeit sei sie jedoch ruhiger geworden, schiebt es vor allem auf das Alter. Zudem hat ihr ein Ereignis in diesem Winter zugesetzt.

Auf dem Nachhauseweg von ihrer Arbeit passiert sie regelmäßig die Wertinger Mittelschule. Gewohnheitsmäßig benutzt sie die gegenüberliegende Straßenseite. So auch an diesem Wintertag. Müde von der Arbeit, an nichts denkend, stehen plötzlich fünf Kerle im Alter von etwa 14 Jahren vor ihr. Einer schlägt die Beine zusammen, hebt die Hand wie zum Hitlergruß.

Corazon Grünthaler sagt: "Ich war entsetzt, so etwas habe ich von den Kindern nie erwartet."

Zunächst läuft Corazon Grünthaler weiter, versucht, die Gestik zu ignorieren. Als sie sich nach einigen Metern umdreht und fragt, was das soll, wiederholt der junge Kerl den „Hitlergruß“. Schockiert läuft sie weiter. „Ich war entsetzt, so etwas habe ich von den Kindern nie erwartet“, sagt die 60-jährige Wertingerin, die zwei erwachsene Töchter hat. Am nächsten Tag beschließt sie, zur Polizei und Schule zu gehen. Ihr liegt daran, dass Eltern und Lehrer davon erfahren. Als Antwort bekommt sie Sätze zu hören wie: „Das ist halt so, so sind Kinder“ oder „Die Kinder machen sich nur vor ihren Kameraden wichtig.“

Corazon Grünthaler sieht das anders: „Das darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen.“ Unterschwellige Fremdenfeindlichkeit, versteckt in rassistischen Witzen und Scherzen, hatte sie in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder erlebt. Damit hat sie gelernt umzugehen, es nicht zu persönlich zu nehmen und möglichst schnell wieder zu vergessen.

Seit besagtem Vorfall schwingt in ihr eine Angst mit, wenn sie alleine oder mit ihrem Hund unterwegs ist. „Mein Aussehen und meine Herkunft werden immer erkennbar sein“, weiß sie. Corona hat es nicht einfacher gemacht. Ausländer, vor allem Asiaten, hätten es momentan noch schwerer als sonst. „Ich habe das Gefühl, die Menschheit ist sehr aggressiv geworden.“ Dabei müsse man doch zwischen den einzelnen Menschen unterscheiden. „Ich habe mich wirklich bemüht, seit dem Vorfall mit der alten Frau.“

Die Anzeige gegen den Jugendlichen hat sie mittlerweile fallen lassen. Ihr großer Traum bleibt dagegen bestehen: „Ich wünsche mir eine ruhige Umgebung, in der sich die Menschen gegenseitig akzeptieren.“

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