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Kulturdolmetscher im Landkreis Dillingen geben Einblicke

Landkreis Dillingen

Kulturdolmetscher geben Einblicke: „Im Arabischen sprechen die Menschen oft sehr laut“

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    Vier Kulturdolmetschende aus dem Landkreis Dillingen erzählen: Brunilda Baroka, Oksana Shynkar, Eiad Raslan und Roya Naimi Mehraban (von oben links).
    Vier Kulturdolmetschende aus dem Landkreis Dillingen erzählen: Brunilda Baroka, Oksana Shynkar, Eiad Raslan und Roya Naimi Mehraban (von oben links). Foto: Laura Gastl

    Wer in zwei oder mehreren Kulturen zu Hause ist, kann Brücken schlagen. Kann Sprache übersetzen, aber auch Gepflogenheiten und Traditionen. So bieten die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) im Landkreis Dillingen und das Landratsamt regelmäßig einen Kurs für Kulturdolmetschende an. Dieser richtet sich an Menschen mit Migrationshintergrund, die ihre Landsleute zu Einrichtungen oder Behörden begleiten und bei kulturell bedingten Herausforderungen im Alltag unterstützen möchten. Vier Menschen aus Afghanistan, Syrien, Albanien und der Ukraine geben einen Einblick. Sie sind als Kulturdolmetscherinnen und -dolmetscher im Einsatz.

    Afghanin Roya Naimi Mehraban, 18, aus Wittislingen: „Ich möchte Hilfe zurückgeben“

    Roya Naimi Mehraban spricht Dari-Persisch und lebt in Wittislingen.
    Roya Naimi Mehraban spricht Dari-Persisch und lebt in Wittislingen. Foto: Laura Gastl

    Ich bin durch meine Schwester auf das Kulturdolmetschen aufmerksam geworden. Sie hat den Kurs schon vor mir belegt. Ende 2015 bin ich mit meiner Familie nach Deutschland gekommen, damals war ich acht und sprach nur Dari-Persisch. Als Kind merkt man das Lernen einer neuen Sprache kaum. Innerhalb von ein paar Monaten konnte ich Deutsch. Da konnte ich meinen Eltern viel helfen, das kennen sicher viele Kinder mit Migrationshintergrund. Ich war beim Elternsprechtag dabei, bei Arztterminen, habe Briefe und Formulare übersetzt. Heute bin ich stolz, dass meine Eltern das selbst machen.

    Als wir aus Afghanistan geflohen sind, hatten wir viel Hilfe. Das möchte ich jetzt zurückgeben. Meine Mutter möchte den Kulturdolmetscher-Kurs auch noch machen. Ich bin noch Schülerin und kann daher nur nachmittags Einsätze übernehmen. Ich war zum Beispiel schon im Jobcenter, im Standesamt, beim Hausarzt und im Krankenhaus dabei. Manchmal kommen Fachbegriffe vor, die das Übersetzen schwierig machen. Doch dann frage ich nach, und es klappt schon. Bestimmte Sachen, die es in Afghanistan nicht gibt, muss ich ausführlicher erklären. Zum Beispiel, was das Landratsamt oder die Agentur für Arbeit sind. Wenn ich dann mehrere Sätze brauche, um ein Wort zu erklären, kommuniziere ich das auch an die deutsche Seite. Sonst fragen sich die Leute, wieso ich so lange rede.

    Das deutsche Schulsystem sorgt in anderen Kulturen für Verwirrungen

    Typische Schwierigkeiten entstehen, wenn es um das deutsche Schulsystem geht. Viele afghanische Eltern verstehen die Unterschiede nicht. Sie glauben, ihre Kinder haben auf der Mittelschule wenige Chancen. Ich selbst war zuerst auf der Hauptschule, dann auf der Realschule und dem Gymnasium. Deshalb kann ich ihnen gut erklären, dass es Aufstiegsmöglichkeiten gibt. Das habe ich selbst durchgemacht und kann ihnen Mut zusprechen.

    Am schönsten an den Kulturdolmetscher-Einsätzen ist für mich die Wertschätzung. Einmal habe ich einen Klienten wiedergesehen. Er hat mich angesprochen und sich noch einmal bedankt. Andere Klienten haben sich bei mir mit Getränken und einem Döner bedankt. Das hat mir gezeigt, dass sie meine Unterstützung nicht für selbstverständlich nehmen.

    Syrer Eiad Raslan, 35, aus Holzheim: „Im Arabischen sprechen die Menschen oft sehr laut“

    Eiad Raslan spricht Arabisch und wohnt in Holzheim.
    Eiad Raslan spricht Arabisch und wohnt in Holzheim. Foto: Laura Gastl

    Ich habe Syrien im Dezember 2011 wegen des Kriegs verlassen, habe danach in Saudi-Arabien, im Libanon und in der Türkei gelebt. Meine Frau wollte dann nach Deutschland. Seit Januar 2018 sind wir hier. Ich habe seitdem drei Ausbildungen abgeschlossen. Heute arbeite ich unter anderem selbstständig als Versicherungsvermittler. Ich musste mich umorientieren, weil mein syrisches Informatik-Studium nie anerkannt wurde.

    Sprache ist ein Teil von Kultur. In jedem Bundesland haben die Leute unterschiedliche Traditionen, in Bayern andere als in Berlin. In anderen Ländern ist das genauso. Das habe ich durch meine Umzüge gelernt. Als ich dann in Deutschland war und die Sprache beherrschte, habe ich gerade angekommene Familien aus Syrien begleitet. So bin ich später auch auf den Kurs zum Kulturdolmetscher gestoßen.

    Eine Frau forderte beim Einkaufen, Raslan müsse mit seiner Tochter Deutsch sprechen

    Ich hatte schon Einsätze in verschiedenen Ämtern, bei der Polizei und im Krankenhaus. Manchmal ist es schwer, neutral zu bleiben, wenn Emotionen im Spiel sind. Einmal ging es darum, dass ein Schüler aus sprachlichen Gründen die erste Klasse wiederholen sollte. Der Vater nahm das sehr persönlich, dachte, die Mitarbeiterin hält sein Kind für dumm. Er verwendete Schimpfwörter, die ich natürlich nicht eins zu eins übersetzt habe. In einem anderen Fall ging es um die Sicherheitsbefragung in der Ausländerbehörde. Mein Klient hat angekreuzt, bei 40, 50 verschiedenen Terrororganisationen Mitglied zu sein. Das war er natürlich nicht, es war ein sprachliches Missverständnis. Im Nachhinein ist das lustig, aber es hätte für ihn auch katastrophal ausgehen können.

    Beim Kulturdolmetschen geht es nicht nur um die Sprache allein, sondern auch um Mimik und Gestik. Im Arabischen sprechen die Menschen oft sehr laut. Das kann auf Deutsche respektlos, unhöflich oder gar aggressiv wirken, ist aber gar nicht so gemeint. Das hat schon einmal zu einem Missverständnis geführt, als ich einen Klienten zur Polizei begleitete.

    Im Kulturdolmetscher-Kurs geht es darum, Vorurteile abzubauen und offener zu sein. Zum Beispiel habe ich es einmal erlebt, dass ich beim Einkaufen mit meiner Tochter Arabisch gesprochen habe. Das tue ich, damit sie auch meine Muttersprache lernt. Da hat mich eine Frau angesprochen und mir gesagt, das dürfe ich nicht. Wir seien in Deutschland, hier müsse ich Deutsch sprechen. Ich habe sie gefragt, wie sie das mache, wenn sie in den Urlaub fahre. Lernt sie dann zwei, drei Jahre lang Spanisch, bevor sie nach Spanien fliegt? Nein, natürlich nicht, sie verstehe überhaupt kein Spanisch, sagte die Frau, und ging weiter. Sie hat gar nicht darüber nachgedacht, was meine Hintergründe sein könnten, und dass meine Tochter beide Sprachen spricht.

    Albanerin Brunilda Baroka, 29, aus Dillingen: „Die kulturelle Kluft überwinden“

    Brunilda Baroka spricht Albanisch und Italienisch und lebt in Dillingen.
    Brunilda Baroka spricht Albanisch und Italienisch und lebt in Dillingen. Foto: Laura Gastl

    Vor fast zwei Jahren bin ich mit meinem Mann aus Albanien hierhergekommen. Wir haben in Deutschland bessere Möglichkeiten auf ein gutes Leben gesehen. Das Gesundheits- und das Sozialsystem sind in Albanien einfach noch nicht so weit. Beides ist uns in Hinblick auf die Zukunft und mögliche Kinder wichtig. Außerdem wollten wir etwas Neues ausprobieren.

    Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal nach Deutschland komme. Doch mein Mann hat schon viel mit Deutschen gearbeitet und hatte eine Liebe für das Land. Als er dann als Holzingenieur hier eine Stelle bekommen hat, sind wird ausgewandert. Heute leben wir in Dillingen. Am Anfang konnte ich nur zwei Worte auf Deutsch: „Mein Herz“. Doch mir war es sehr wichtig, die Sprache gleich zu lernen, also habe ich einen Intensivkurs gemacht. Man muss einfach die richtigen Worte wählen können, um einen guten Eindruck zu machen.

    Im Vergleich zu anderen Ländern: Mehr Bürokratie in Deutschland

    Zur Übung habe ich die Zeitung gelesen. Dort habe ich dann auch einen Artikel über den Kulturdolmetscher-Kurs entdeckt. Ich dachte mir: Das mache ich! Denn noch konnte ich nicht gut genug Deutsch, um meinen Beruf als Sozialarbeiterin auszuüben.

    Der Kurs hat zum Beispiel die Rolle von Frauen in unterschiedlichen Kulturen behandelt. Es geht darum, Menschen aus dem Ausland zu helfen, die sich in Deutschland noch nicht zugehörig fühlen, und Brücken zu bauen. Es geht um mehr als nur ums Übersetzen. Meine beiden Muttersprachen sind Albanisch und Italienisch. Hier gibt es nicht allzu viele Fälle, bei denen ich helfen kann. Außerdem arbeite ich inzwischen Vollzeit in der Jugendhilfe, da habe ich nicht so viel Zeit für Einsätze als Kulturdolmetscherin.

    Doch zweimal konnte ich schon unterstützen. Einmal ging es um die Vaterschaftsanerkennung eines Italieners. In Italien gibt es nicht so viel Bürokratie. Da musste ich erklären, warum so viele Unterlagen nötig sind. Einer albanischen Mutter habe ich mal in der Schule geholfen, als es um ihr autistisches Kind ging. Kulturdolmetschen bedeutet, die kulturelle Kluft zu überwinden. Ich versuche stets, vorsichtig zu sein und die Balance zu halten. Die Menschen, denen ich helfe, sind oft sehr neugierig und freuen sich, dass jemand ihre Sprache spricht.

    Ukrainerin Oksana Shynkar, 49, aus Höchstädt: „Ich habe meine Hände benutzt, um zu sagen: ‚Bitte helfen Sie mir!‘“

    Oksana Shynkar spricht Ukrainisch und Russisch und ist inzwischen in Höchstädt zu Hause.
    Oksana Shynkar spricht Ukrainisch und Russisch und ist inzwischen in Höchstädt zu Hause. Foto: Laura Gastl

    Wegen des russischen Angriffskriegs lebe ich schon seit drei Jahren in Deutschland. In der Ukraine war ich Unternehmerin, hier arbeite ich als Verkäuferin. Es gefällt mir, andere Menschen zu unterstützen.

    Anfangs konnte ich selbst nur wenig Deutsch. „Danke“ oder „Auf Wiedersehen“ – diese Worte habe ich zum Beispiel schon gekannt. Eine Geschichte, die ich nie vergessen werde, war, als ich starke Zahnschmerzen bekommen habe. Ich bin schnell zum Hausarzt und habe nur meine Hände benutzt, um zu sagen: „Bitte helfen Sie mir! Ich kann nicht schlafen und so nicht leben.“

    Daraufhin habe ich einen Haufen Formulare zum Ausfüllen bekommen, aber nicht verstanden, worum es geht. Eine Mitarbeiterin meinte zu mir, ich solle nach Hause gehen und die Unterlagen dort in Ruhe ausfüllen. Doch ich wollte das wegen meiner Schmerzen schnell erledigen und habe es gleich vor Ort mithilfe meines Handys geschafft. Daraufhin habe ich einen Termin beim Zahnarzt und Antibiotikum verschrieben bekommen. Das war schon eine komplizierte Sache. Da habe ich entschieden, möglichst schnell Deutsch zu lernen.

    „Manchmal bin ich danach fix und fertig“, sagt Oksana Shynkar

    Als Kulturdolmetscherin bin ich viel im Einsatz. Ich habe in drei Monaten 50 Termine übernommen, war zum Beispiel bei Ärzten, in der Schule oder im Landratsamt. Außerdem unterstütze ich ukrainische Soldaten, die nach Deutschland kommen, um sich operieren und behandeln zu lassen. Täglich bin ich erreichbar für sie. Fast jeder Termin mit Menschen, die geflohen sind, ist kompliziert. Jede Geschichte erlebe ich mit ihnen. Manchmal bin ich danach fix und fertig. Trotzdem habe ich auch immer ein gutes Gefühl, weil ich geholfen habe.

    Abgesehen von der Sprache sehe ich zwischen Deutschland und der Ukraine nicht so viele kulturelle Unterschiede. Beide Länder sind in Europa und von der Entwicklung her ähnlich weit. Nur in Deutschland dauert alles etwas länger, es gibt viel Bürokratie.

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