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Dillingen

09.11.2019

30 Jahre Mauerfall: Der Fußball als Brückenbauer

Bei der BSG Hermsdorf in Thüringen begann Thomas Korittke mit dem Fußballspielen. Unser Bild zeigt den jetzigen Sportlichen Leiter der SSV Höchstädt in der vorderen Reihe als Zweiten von links.

Plus Vor drei Jahrzehnten bewegte der Fall der Berliner Mauer die ganze Welt. Wie zwei ehemaligen DDR-Kickern im Landkreis nach dem Mauerfall schnell die Integration gelang.

Der eine erlebte den Mauerfall vor 30 Jahren im thüringischen Gera während seiner Zeit bei der Nationalen Volksarmee (NVA), der andere im sächsischen Hoyerswerda bei seiner Familie. Was Thomas Korittke und Matthias Buder am 9. November 1989 vor dem Fernseher miterlebten, konnten sie zunächst gar nicht glauben. Plötzlich war die innerdeutsche Grenze geöffnet. Für beide Fußballer war damals schnell klar, dass sie sich in den alten Bundesländern eine neue Heimat suchen würden. Der Sport hat ihnen dabei sehr geholfen.

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Warum es mit Thomas Korittkes Ausreiseantrag nicht klappte

Eigentlich wollte der damals 21-jährige Thomas Korittke schon 1988 in den Westen. Als er jedoch einen Ausreiseantrag stellen wollte, wurde er zur NVA zum Wehrdienst einberufen. „Da steckte System dahinter“, blickt er mehr als drei Jahrzehnte später auf die damalige Zeit zurück. Schnell stellte Korittke nach der Wende die Weichen für einen Umzug aus seiner Heimatstadt Jena nach Bayern.

Im Februar 1990 fand er schließlich in Dillingen eine Wohnung und einen Job bei der Firma Kain-Elektro. Als wohnungs- und arbeitstechnisch alles geregelt war, ging es für Korittke nochmals für einige Tage zurück nach Thüringen, wo er im März seine damalige Freundin geheiratet hat. Einen Tag nach der Hochzeit erfolgte der endgültige Umzug in die Kreisstadt an der Donau. Inzwischen wohnt er in Höchstädt, wo er als Selbstständiger im Versicherungsbereich arbeitet.

30 Jahre Mauerfall: Der Fußball als Brückenbauer
Als vor 30 Jahren in Berlin die Mauer geöffnet wurde und die DDR-Bürger in Massen in den Westen strömten (Bild Mitte), war für Thomas Korittke (Bild links) und Matthias Buder (Bild rechts) bald klar, dass sie sich in Bayern eine neue Existenz aufbauen würden. Der Sport hat ihnen dabei sehr geholfen. Korittke arbeitet als Selbstständiger in der Versicherungsbranche, Buder in einem Wertinger Baumarkt.

Seine Fußball-Zelte beim ehemaligen DDR-Zweitligisten Wismut Gera, wo Korittke spielte, hat er schnell abgebrochen. Doch die Fußballschuhe hing der talentierte Spieler, der seine sportliche Karriere bei der BSG Hermsdorf begann, in seiner neuen Heimat natürlich nicht an den Nagel. „Mein Arbeitskollege Karl Bäuerle hat mich damals schnell zum TSV Eppisburg gebracht“, erinnert er sich an diesen ganz speziellen Vereinswechsel.

Weitere Spielerstationen im Landkreis waren für Korittke in den Folgejahren die SSV Dillingen, mit der er in die damalige Bezirksoberliga aufgestiegen ist, die SSV Höchstädt, der BSC Unterglauheim und der TSV Pfaffenhofen. Aktuell spielt der inzwischen 51-Jährige noch gelegentlich bei den Alten Herren des TSV Wertingen. Wesentlich mehr Zeit als für das Training oder für Spiele mit den Wertinger Oldies investiert der Vater von zwei erwachsenen Söhnen seit einigen Jahren als Sportlicher Leiter bei den Kreisliga-Kickern der SSV Höchstädt. Thomas Korittke tut dies gerne.

Warum der Fußball bei der Integration geholfen hat

Er möchte mit seinem ehrenamtlichen Engagement etwas zurückgeben, was er durch den Sport einst erhalten hat. Durch den Fußball sei ihm und seiner Familie die Integration in einer neuen Umgebung wesentlich schneller und leichter gelungen. Vergleicht Korittke sein Vereinsleben in der einstigen DDR und hier im Landkreis Dillingen, dann liege der Unterschied darin, dass während seiner Zeit bei Wismut Gera fast alles von hauptamtlichen Mitarbeitern organisiert wurde, während hier im Westen nach wie vor ausschließlich Ehrenamtliche dafür sorgen würden, „dass der Laden läuft“. Was Korittke allerdings beklagt, ist das nachlassende Zusammengehörigkeitsgefühl bei den hiesigen Vereinen und die mangelnde Wertschätzung für den Sport in einigen Teilen der Gesellschaft. Und: „Die Leute, die sich engagieren, werden leider immer weniger.“

Bei der BSG Hermsdorf in Thüringen begann Thomas Korittke mit dem Fußballspielen. Unser Bild zeigt den jetzigen Sportlichen Leiter der SSV Höchstädt in der vorderen Reihe als Zweiten von links.

Mit dem Engagement des gebürtigen Thüringers bei der SSV Höchstädt ist deren Vorsitzender Jakob Kehrle hoch zufrieden. Er, Kehrle, habe allerdings etwas längere Zeit gebraucht, bis er mit dem Naturell von Korittke klargekommen ist. Doch als er ihn endlich näher kennengelernt hatte, weiß er dessen Zuverlässigkeit und den Elan, den der Zugereiste vor allem in die Fußball-Abteilung einbringe, sehr zu schätzen. Kehrle: „Thomas hat auch immer wieder neue Ideen, von denen wir profitieren.“

Seit 2001 profitiert auch der SV Wortelstetten von einem Menschen, der seit dieser Zeit als Fußball-Abteilungsleiter eine wichtige Institution im Verein geworden ist: Matthias Buder. Der inzwischen 58-Jährige kam einst gemeinsam mit seinem Schwager Jörg Hellpoldt nach Schwaben. Dies war am 2. Oktober 1990, genau einen Tag vor der Deutschen Einheit. „Die Nacht auf den 3. Oktober haben wir gemeinsam mit den Fußballern des TSV Buttenwiesen im Buttenwiesener Sportheim verbracht und die Zusammenführung der beiden deutschen Staaten gefeiert“, erinnert sich Buder an diese besondere Nacht.

Warum Matthias Buder der Mauerfall noch immer im Sinn bleibt

Dass er mit seiner Familie nach dem Mauerfall aus dem tristen Hoyerswerda in Sachsen zeitnah wegziehen würde, war dem gelernten Elektriker und Hobbyfußballer bei „BSG Schwarze Pumpe Hoyerswerda“ schnell klar. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern siedelte er im Frühjahr 1991 ins Zusamtal über. Seine erste Arbeitsstelle hatte er bei einer Elektro-Firma in Frauenstetten, gemeinsam mit seinem Schwager kickte er zunächst beim TSV Buttenwiesen.

Später fungierte er viereinhalb Jahre als Trainer beim SV Wortelstetten und für eine Saison beim FC Osterbuch. Als er dann als Abteilungsleiter beim SV Wortelstetten anfing, war für Buder, der inzwischen seit vielen Jahren als kaufmännischer Angestellter in einem Wertinger Baumarkt arbeitet, die Integration längst abgeschlossen. „Ohne den Sport wäre dies wohl so nicht möglich gewesen“, betont Matthias Buder und ist dankbar für alles, wie es nach der Wende für ihn und seine Familie im Zusamtal gelaufen ist.

Während sein Schwager Jörg Hellpoldt inzwischen wieder in seiner alten Heimat – genauer gesagt in Dresden – lebt, kann sich Matthias Buder nicht so richtig vorstellen, in die ehemalige DDR zurückzukehren. Wobei er sich aber gerne noch an seine Zeit als Fußballer in Hoyerswerda zurückerinnert. Kameradschaftsabende, Ausflugsfahrten nach Tschechien und andere gesellige Aktivitäten im Verein habe es genauso gegeben, wie sie hier bei den Vereinen im Landkreis Dillingen gepflegt werden.

Denkt Matthias Buder freilich speziell an das zurück, was er am 9. November 1989 im Fernsehen gesehen hatte, fangen noch heute seine Augen zu glänzen an: „Ich wollte dies damals alles nicht glauben“, gehen ihm die Bilder, als die Menschen in Berlin im Freudentaumel auf die Mauer kletterten oder im Trabbi mit großem Hupkonzert über die innerdeutsche Grenze fuhren, nicht aus dem Sinn.

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