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Glött

21.03.2019

Eine bewegte Geschichte, die nicht nur die Glötter berührt

Ines Guersch, Leiterin der Regens-Wagner Einrichtungen in Glött (rechts) dankt Sr. Michaela Speckner für den eindrucksvollen Vortrag.
Bild: von Weitershausen

Seit 150 Jahren gibt es die Einrichtung in der kleinen Gemeinde. Eine Franziskanerin blickt zurück und rührt dabei die Gäste.

„Die bewegte Geschichte von 150 Jahren Regens-Wagner Glött“ hatte der Vortrag von Schwester Michaela Speckner zum Thema im gut besuchten Saal der Förderstätte.

Doch diese Überschrift erfasst nicht, mit welch großartigem Engagement sich die Provinzvikarin des Provinzialats der Franziskanerinnen in Dillingen der Geschichte der Regens-Wagner Einrichtungen gewidmet hat. Durch ihr großes historisches Interesse hatte die studierte Volksschullehrerin und Sonderpädagogin mit dem Archivar der RW-Einrichtungen Originaldokumente und Chroniken der Einrichtungen gesichtet, darunter auch Glött, deren sehr bewegter Geschichte sie mit großem Eifer nachging. So war es für Ines Guersch als Leiterin der Glötter Regens-Wagner Einrichtungen auch eine große Freude, die seit 56 Jahren im Dienst der Dillinger Franziskanerinnen stehende Ordensschwester zu bewegen, zum 150-jährigen Bestehen der Einrichtung einen Vortrag zu halten.

Hochs und Tiefs seit der Gründung in Glött

Neben Ordensschwestern, die über viele Jahre die Geschichte der Einrichtung mitgestaltet hatten, waren Bürgermeister Friedrich Käßmeyer mit Hildegard Wanner als Vertreterin im Stiftungsrat zahlreiche Interessierte aus Glött und darüber hinaus gekommen, um sich über die bewegte Geschichte von Regens-Wagner Glött zu informieren. Mit einer kurzen Rückschau auf die Geschichte der Dillinger Franziskanerin, mit alle ihren Hochs und Tiefs seit ihrer Gründung im Jahr 1241 widmete sich Sr. Michaela Theresia Haselmayr, die allgemein als Mitbegründerin der Regens-Wagner Stiftungen gilt. Nach ihrem Eintritt im Jahr 1829 in das fast ausgestorbene Kloster der Dillinger Franziskanerinnen sei sie bereits nach sechs Jahren zu Meisterin gewählt worden.

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Mit ihrer Leitung sei der Orden nach der harten Zeit der Säkularisation zu neuem Leben erblüht und der endgültige Ausbau zu einem Schulorden erfolgt. Parallel zum Wirken von Theresia Haselmayr sei Johann Evangelist Wagner zum Priester geweiht worden, wurde Professor für Dogmatik in Dillingen, ein Jahr später geistlicher Direktor des Frauenklosters und Beichtvater der Dillinger Franziskanerinnen und im Jahr 1863 zum Regens des Priesterseminars in Dillingen berufen. In Zusammenarbeit mit den Franziskanerinnen eröffnete im Jahr 1854 die Taubstummenanstalt in Dillingen.

Der Fugger-Graf hatte finanzielle Probleme

Durch finanzielle Schwierigkeiten habe Graf Fidel Ferdinant Fugger sein Schloss in Glött veräußern müssen. Auf verschlungenen Pfaden sei es Johann Evangelist Wagner unter Mithilfe von Theresia Haselmayr im Jahr 1869 gelungen, die notwendigen Gelder für den Kauf mit dem Slogan aufzubringen. „Helft mir das Denkmal christlicher uns seelsorglicher Liebe gründen.“

Es folgte im Fuggerschloss die Einrichtung einer Mädchenschule unter der Leitung der Dillinger Franziskanerinnen. Alsbald sei jedoch eine differenzierte Konzeption entwickel worden und so kam nach den Worten der Referentin eine Kretinen-Heil- und Pflegeanstalt für Kinder und erwachsenen Frauen hinzu. Erwähnt werden muss nach den Worten von Sr. Michaela in diesem Zusammenhang: „Das religiöse Bekenntnis spielte keine Rolle, es gab keinen Unterschied zwischen arm und reich.“ Als Tagesordnung sei eingeführt worden, was hilfreich ist. An Sonn- und Feiertagen nehmen die Fähigen teil am Pfarrgottesdienst, für Kranke gibt es ein Krankenzimmer. Als Ziel gelte es, die Tätigkeit des Geistes anzuregen, und die Behinderten in eine Gemeinschaft einzufügen. „Das Mögliche wird angestrebt, das Unmögliche nicht versprochen.“

Nach dem Tod von Johann Evangelist Wagner hatte Magnus Niedermair als dessen Nachfolger in Lautrach das Schutzengelheim gegründet und war mit 15 Franziskanerinnen und 97 Pfleglingen von Glött nach dorthin umgezogen.

Es gibt auch einen Kindergarten

In Glött seien weiterhin bis zum Jahr 1930 vor allem taubstumme Kretine und Frauen mit Behinderung beschäftigt worden. Mit der NS-Zeit seien dunkle Wolken über Glött aufgezogen und mit Wirkung des Erbgesundheitsgesetztes im Jahr 1935 sei Glött zur geschlossenen Anstalt geworden. „Niemand wusste, was hinter den Mauern geschah, sagt Sr. Michaela Speckner, doch geahnt hätten schon damals viele, was sich nach 1945 bestätigt hatte.

Von 1942 bis 1945 sei die Einrichtung, in der noch 48 Bewohnerinnen verblieben waren zum Lazarett umfunktioniert worden. „Mit der Ankunft der Amerikaner habe das große Aufräumen und Putzen in Glött begonnen, berichtet die Referentin und es sei bereits im Juni zur Wiederaufnahme des Anstaltbetriebs mit zehn alten Frauen und der Eröffnung des Kindergartens gekommen. „Im September folgte die Gehörlosenschule von Dillingen nach Glött“, so Sr. Michaela und es sei damit begonnen worden nach und nach längst fällige Reparaturen am Schlossgebäude durchzuführen. Seither hieße es in der Regens-Wagner Einrichtung Glött bis heute: „Für Menschen mit Behinderung da zu sein.“ Im März 1993 verließen die Franziskanerinnen Regens-Wagner Glött und übergaben die Einrichtung nach 123 Jahren in weltliche Hände.

Wohnen im Schloss

Unter dem Motto „Ich bin wer - ich kann was“ sei nach und nach eine Förderstätte für Menschen mit Mehrfachbehinderung aufgebaut worden, in deren Folge im Jahr 2007 ein Wohnheim für Menschen mit mehrfacher Schwerbehinderung und therapeutischen Hilfebedarf bezogen werden konnte. Im Jahr 2010 sei das Große Modernisierungsprojekt „Wohnen im Schloss“ fertig gestellt worden und mit dem Platz der Begegnung und der konsequenten Öffnung nach außen sowie das selbstverständliche Zusammenleben mit der Gemeinde und Pfarrgemeinde bestünden zahlreiche Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung. „So wird Inklusion konkret gelebt.“

Der Applaus für diesen beeindruckenden Vortrag war groß und Leiterin Ines Guersch dankte Sr. Michaela Speckner mit ebenso anerkennende Worten wie Bürgermeister Friedrich Käßmeyer. Dieser fügte seinen Dankesworten noch hinzu, dass die Gemeinde und Bevölkerung von Glött sich ein Leben ohne die Regens-Wagner Einrichtung nicht vorstellen könne. „Deshalb werden wir auch mit aller Kraft zu verhindern wissen, dass es jemals wieder zu einer geschlossenen Anstalt in Glött kommen wird.“

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