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Dillingen

30.11.2019

Muskel-Mann mit Lebenserfahrung

Was für ein Körper, was für Muckis?! Walter Schmidt, der sich als „natural Bodybuilder“ sieht und Mitglied bei der deutschen Organisation GNBF für dopingfreien Kraftsport ist, hat schon bei zahlreichen Wettbewerben gute Platzierungen erreicht.
Bild: wasch

Sport-Reportage: Walter Schmidt hat sich dem natürlichen Bodybuilding verschrieben. Kekse oder Ente mit Knödel muss der 60-Jährige die meiste Zeit meiden, damit er seinen „glänzenden“ Körper präsentieren kann.

Einen süßen Keks oder den Würfelzucker in der Kaffeetasse meidet Walter Schmidt sonst wie der Teufel das Weihwasser. Doch an diesem trüben November-Vormittag am Bar-Tresen im Dillinger Sportstudio gibt sich der Sportler solchen leckeren Versuchungen auch mal gerne hin. Schließlich herrscht im derzeitigen Bodybuilding wettkampffreie Zeit vor. Keks hin oder her: Schmidt geht als löbliches Vorbild einer ansonsten oft mit Schlagworten wie „Doping“, „Anabolika“ oder „Medikamentenmissbrauch“ belasteten Bodybuilder-Szene durch. Immerhin ist er schon 60 Jahre alt und hat sich ganz dem natürlichen Muskelaufbau verschrieben – im Verband der „German Natural Bodybuilding and Fitness-Federation“.

Von Meitingen nach Dillingen

„Ich sage dir nicht, dass es leicht wird. Ich sage dir, dass es sich lohnen wird.“ Der Leitspruch von dem US-amerikanischen Football-Coach und Motivationstrainer Art Williams, elegant eingerahmt auf dem Tisch neben Schmidt, steht dort zwar rein zufällig. Passt aber irgendwie zur Grundeinstellung des gebürtigen Mertingers, der heute an der Donau in Dillingen lebt. Der Amateur in der Kraftsport-Szene, die viele eher als reine Körperkunst betrachten, hat durch zähen Fleiß innerhalb weniger Jahre so ziemlich alles herausgeholt, was ein erfolgreicher Bodybuilder in seinem Leben schaffen kann. Auslöser für sein sportliches Engagement waren Scheidung und Jobverlust vor einigen Jahren.

Sein von unzähligen Trainingsstunden gestählter Körper brachte dem Talent beste Platzierungen bei deutschen, europäischen, ja internationalen Wettkämpfen bis nach Griechenland ein. „Und einen Haufen Blech“, wie der lebenslustige Nordschwabe lachend seine vielen Ehrungsmedaillen bezeichnet.

Muskel-Mann mit Lebenserfahrung

Die etwas gebrochene Stimme weist nun jedoch auf eine gehörige Erkältung hin, die den bewegungshungrigen Mann seit ein paar Tagen ausbremst. Wie sagte der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer, dass Gesundheit nicht alles sei, aber ohne sie alles nichts. Könnte schon wieder auf den 1,76-Meter-Athleten zutreffen, der zu Meisterschaften mit 76 Kilogramm auf die Wettkampfbühne steigt.

Eine längere Schonzeit will sich der Senkrechtstarter in seiner Sportart dennoch keineswegs gönnen. Der unbändige Ehrgeiz und die klobigen Kraftmaschinen im Fitnessclub rufen. Dort ist man sehr stolz auf „unseren Walter“, sowohl was dessen Erfolge als auch das fortgeschrittene Alter angeht.

Der Stammgast, den das siebenköpfige Team mit der sympathischen Fitness- und Gesundheitsbetreuerin Theresa Mayer fünfmal die Woche begrüßt, zählt nämlich stolze 60 Lenze. „Und ist wahrscheinlich der letzte klassische Bodybuilder in der Region“, wie Mayer bedauernd hinzufügt. Dennoch wurde schon mal unter den Besuchern einer gesichtet, der in Schmidts Fußstapfen treten und dessen Tradition fortführen könnte. Einen Nachfolger in seiner Branche zu finden, wiegt – fällt, pardon – schwer. Denn die „Körperkulturistik“, wie sie früher in Deutschland genannt wurde, ist nicht jedermanns Sache. Schließlich geht es bei der bereits im 19. Jahrhundert entdeckten Sportart weniger um den Kraftzuwachs als vielmehr die Umformung des eigenen Körpers, seiner Modellierung.

Wenn bei Fitness-Studios eher abschätzig von einer „Muckibude“ gesprochen wird, dann trifft das in diesem Fall wortwörtlich zu: Das nachhaltige Training mit freien Hanteln oder speziellen Übungsmaschinen hilft nämlich, dass man später vor dem Kampfrichter einfach gut wie gestählt aussieht. Sprich: Irgendwie dem österreichischen Gladiator Arnold Schwarzenegger zu dessen Hochzeit als Modellathlet ähnelt. Der „Terminator“ hatte sich gleich siebenmal mit dem Titel „Mr. Olympia“ schmücken dürfen. Auch wenn es bei Arnis Bodyshaping wohl eher weniger „natürlich“ zuging.

Und das Gewichtheben hat in diesem Fall rein gar nichts mit den gleichnamigen internationalen Spielen zu tun. Mehr mit einem lichtdurchfluteten Laufsteg, auf dem etwa Muskulosität gefragt ist, die Masse und Dichte sowie die Härte und Teilung der Muskeln. In die Wertung gelangen zudem die gleichmäßige Entwicklung der beiden Körperhälften und die Proportionen bei den verschiedenen Muskelgruppen. Wer dann noch seinen derart gepflegten Body gut zu präsentieren weiß wie Walter Schmidt, hat schon fast gewonnen. Die Grundlagen für die Ästhetikbeurteilung können dabei nicht einmal vom weltbesten Übungsgerät geschaffen werden, sondern nur vom lieben Gott: Etwa die breiten Schultern in Kombination mit einer schmalen Hüfte oder Taille.

Das perfekte Zusammenspiel zählt

Doch Kraftmann Schmidt weiß zu gut, dass hartes Training mit Bankdrücken, Kniebeugen und Kreuzheben sowie Laufen wichtige Voraussetzungen sind. Am Ende soll ein perfektes Zusammenspiel von Training, Ernährung und der höchst bedeutsamen Regeneration stehen. Freilich gehört auch eine gute Portion Motivation dazu, die er sich nach Scheidung und Jobverlust durch „das Streben nach etwas Sinnvollem“ einst angeeignet hatte. Das brachte nicht zuletzt Disziplin in seinen Alltag.

So sind beim Streben nach geringerem Körperfett vor Wettkämpfen maximal 1100 Kalorien pro Tag erlaubt. „Und Träume von meinem Lieblingsessen Ente mit Knödel und Blaukraut absolut tabu“, lacht der erfolgreiche Bodybuilder Walter Schmidt. Doch bis zum kommenden Frühjahr darf schon mal zwischendurch zu den süßen Keksen gegriffen werden.

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