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Buttenwiesen

24.01.2020

Querfeldein mit Riedblick

Üben für das große Rennen: 1986, als der Winter noch ein Winter war, probten Mitglieder der LG Zusam den ungewohnten Massen-Zieleinlauf für die deutsche Crossmeisterschaft. Mitte Februar 2020 ist „Bayerische“ in Buttenwiesen.
Bild: Werner Friedel

Leichtathletik: In Buttenwiesen hat sich der Crosslauf zum Markenzeichen entwickelt – wenn auch nicht ganz freiwillig. Mitte Februar ist „Bayerische“.

Hinter der mächtigen Riedblickhalle öffnet sich ein kilometerlanges, weites Feld mit leicht ansteigendem Gelände. Darüber streicht ein gnadenloser Ostwind. Der ruppige Boden fühlt sich steinhart an, lange schmutzige Furchen durchziehen die wellige Fläche. „Wir stehen hier nicht beim Tennis in Wimbledon, das ist eben Cross“, dämpft Werner Friedel von der Leichtathletikgemeinschaft Zusam jeglichen Zweifel an der Qualität der Rennstrecke für die kommenden bayerischen Crosslaufmeisterschaften. In knapp drei Wochen wird die Lauf-Elite des Freistaats in der Nähe von Buttenwiesen im unteren Zusamtal beweisen, was der raue Untergrund so hergeben kann.

Richtung Lauterbach

Friedel, Coach und Förderer von unzähligen Lauftalenten aus der Region, läuft sich warm für das Event am 16. Februar – im wahrsten Sinne des Wortes: Der durch zahllose Wettkämpfe gestählte Sportler und Trainer testet höchstpersönlich die rund einen Kilometer lange Runde Richtung Ortsteil Lauterbach, die von den Langstreckencracks des Wettbewerbs gleich achtmal zurückgelegt werden muss. Und kümmert sich dann wieder um „Papierkram“ wie Posterverteilung und Siegerpreise sowie vor allem die Organisation der Veranstaltung mit mehreren hundert Athleten und schier ebenso vielen Helfern.

Normale Fußgänger mögen sich beim Anblick der dann über Stock und Stein hetzenden Läufer über den Sinn der ländlich-idyllischen Tortur so ihre Gedanken bilden, Spikes-Träger wie Werner Friedel dagegen schwören auf die Wirkung der dabei verabreichten Medizin: „Crosslaufen im Winter stärkt den Körper und die Leistungsfähigkeit, es schärft beim Dahingleiten über unebenes Terrain die Konzentration“, weiß sich Friedel einig mit vielen Trainern auf der ganzen Welt. Etwa mit dem legendären Neuseeländer Arthur L. Lydiard, der zahlreichen Weltklasseläufern neben vielen Trainingskilometern auch ein umfangreiches Crosstrainings-Programm verabreicht hatte.

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So wichtig wie die „Long jog“-Einheiten auf den Straßen waren dem Betreuer, dessen Lehrbücher bei den Klassikern der Laufliteratur landeten, ausgiebige Ausflüge querfeldein – ergo: cross. „Dadurch können sich Bahnläufer eine lockere und ökonomische Laufweise zulegen“, heißt es etwa in dem Lydiard-Bestseller über systematisches Mittel- und Langstreckentraining, das in Vorbereitung auf das spezielle Bahntraining unter anderem flotte Hügelläufe vorsieht.

Kleine, aber feine Anstiege werden auch zwischen den Äckern im Zusamtal geboten. Doch weil das wechselnde Terrain mit anspruchsvollen Bodenverhältnissen die Beinmuskeln viel mehr beansprucht als im Flachland, wird die Kapillarisierung in den Muskeln verbessert. So können sich viele neue Blutgefäße bilden, den Sauerstofftransport optimieren und die Ermüdung hinauszögern – ein gewichtiges Thema etwa vor dem ersten Marathon im nächsten Frühling. Aber nicht nur die Beine, auch der Rumpf und die Arme werden durch das Laufen im Gelände gestärkt, da sie im Gegensatz zum Straßenwettkampf aktiv arbeiten müssen, um das Gleichgewicht zu halten oder einen Anstieg zu nehmen. Neben der Effizienzsteigerung des Körpers verhilft das Naturerlebnis im Freien auch dem Geist des Sportlers zu frischem Wind. „Das Durchhaltevermögen wird durch den Lauf durch Wind und Wetter verbessert“, betont Sportlehrer Werner Friedel und verweist auf die Stärkung von Willenskraft und mentaler Ausdauer.

Erfolgsläufer der LG Zusam

Kein Wunder, dass die Spitzenläufer rund um den Globus zur Abhärtung ihre dynamischen Bewegungsapparate für kurze Abstecher ins „Grüne“ umleiten. Den leibhaftigen Beweis für die Gültigkeit des Trainingskonzeptes stellt in den Reihen der LG Zusam der Erfolgs-Läufer Tobias Gröbl dar. Als Sieger bei den Deutschen Crossmeisterschaften 2012 lief er auch in den Stadien die Konkurrenz in Grund und Boden. Die Geländeeinheit erfanden übrigens die Engländer, im Kernland des Schmuddelwetters, schon Mitte des 18. Jahrhunderts. Als Volkslauf zwischen zwei Dorfkirchen musste über gepflügte Felder gelaufen werden, über Bäche und durch die Wälder. Noch heute stellt er eine Teildisziplin des modernen Fünfkampfs dar.

Dass das „Querbeet“-Laufen nicht jedermanns und -fraus Sache ist, bekommen auch die Organisatoren um Werner Friedel durch einen leichten Rückgang bei den Teilnehmerzahlen zu spüren. „Es liegt aber mehr an den vollen Terminkalendern der jungen Leute“, erklärt Friedel. Dass man bei solchen Leichtathleten-Festen immer wieder auf die Zusamtaler zurückgreift, hat einen eher ärgerlichen Grund: „Wir sind bayernweit nach wie vor die einzige LG, die in ihrem Verbreitungsgebiet über keine Kunststoff-Rundbahn verfügt“, heißt es auf der Homepage. So habe man aus dieser Misere, deshalb keine attraktiven Bahnveranstaltungen durchführen zu können, mit der Zeit ein wahres Markenzeichen entwickelt: die Crossläufe.

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