1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. Lokalsport
  4. Rituale sind wichtig – auch im Sportlerleben

Landkreis Dillingen

16.11.2019

Rituale sind wichtig – auch im Sportlerleben

Die Raupe als Ritual der Meisterfeier – hier gebildet von den Fußballerinnen der SG Glött/Aislingen nach ihrem Bezirksliga-Titelgewinn 2014.
Bild: Karl Aumiller

Plus Sport-Reportage: Vom Biss in die Medaille bis zum „korrekten“ Anziehen der Schuhe oder einem „Warm-up-dance“ – die positiven Auswirkungen der teils doch sehr skurrilen Angewohnheiten und Marotten.

Wonach schmeckt Gold? „Irgendwie nach Schokolade“, soll der US-Amerikaner Michael Phelps, der erfolgreichste Schwimmer aller Zeiten, mal gesagt haben. Eine Antwort könnte, wenn er denn wollte, auch Fußballstar Franck Ribéry darauf geben. Verdrückte der Ex-Bayer doch ein 1200 Euro teures Gold-Steak, das ihm einen heftigen „Shitstorm“ einbrockte. Doch Gastronomen wie Edelmetall-Experten wissen: Das Material verfügt weder über Geschmack noch Aroma. Dass Athleten auf dem Siegertreppchen dennoch kräftig und bevorzugt in goldene Medaillen beißen, ist den fordernden Fotografen und Kameraleuten zu verdanken. Und weniger dem Umstand, dass der herzhafte Biss menschlicher Zähne eingesetzt wurde, um die Güte des Edelmetalls zu testen. Es ist halt ein höchst beliebtes Ritual. Und Rituale sind wichtig – im „richtigen“ Leben wie im Leben eines Sportlers.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

"Checkliste" in Schretzheim

Sie gehören zum Sport wie das Handtuch nach dem Duschen. Selbst die Textilien zum Abtrocknen geraten zum Objekt von Angewohnheiten. Etwa bei Thomas Zaschka, seines Zeichens Abteilungsleiter Kegeln beim BC Schretzheim. Seit zwei Jahrzehnten bringt er die Kunststoff-Kugeln erfolgreich ins Rollen und vor Wettkämpfen eine Art „Checkliste“ ins Spiel, die auch von den Kollegen im Verein gewissenhaft abgearbeitet wird. Zum Beispiel kommt zuerst der linke Sportschuh an den Fuß, dann der rechte. Nach dem Wettkampf wird sich selbstverständlich immer mit dem ganz persönlichen Frottee abgerieben, das den Sportler auch auf den Reisen stets begleitet. „Dumm nur, dass nach einigen Jahren das Tuch ziemlich verbraucht dahängt“, stellt der Kegler lachend fest, um dann sogleich wieder in den ernsten Modus umzuschalten: „Diese Abfolgen sind wichtig und im Kopf drin, eine falsche Reihenfolge kann Probleme im Wettkampf mit sich bringen.“ Das bedeutet in der Konsequenz, dass ein Bekleidungs-Prozedere schon mal wiederholt werden muss.

Wie bedeutend solche eingeübten Abläufe für einen Sportler sind und schon mal über Sieg oder Niederlage entscheiden können, weiß auch Martin Lodner, der die Tischtennis-Cracks beim TV Dillingen anführt. Der 42 Jahre alte Coach lehnt aber den Begriff Ritual ab, weil ihm das zu sehr nach Esoterik klingt: „So etwas hat im Leistungssport, auch im semiprofessionellen, nichts verloren.“ Vielmehr gehe es dabei um eingeübte Verfahren, die sich ein Athlet zurechtgelegt habe, um seine Konzentration im Wettkampf aufrechtzuerhalten oder zu stärken. Das kann neben der bereits erwähnten strikt eingehaltenen Reihenfolge beim Anziehen das von den Vollprofis im Tennis her bekannte Selbstgespräch oder das Reiben am Ohrläppchen sein.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Oder auch kuschelige Plüschtiere wie Einhorn oder Bär, die Barbara Kehl vom TSV Buttenwiesen ihren jungen Turnmädchen vor und nach dem Turnier an die Seite stellt: „Das Stofftier dient nicht nur als Glücksbringer, sondern fördert durch seine positiven Verknüpfungen die Motivation der Sportlerinnen.“ Derweil bringen sich die Bundesliga-Mannsbilder in der Riedblickhalle mit besonderen mentalen Ritualen in Wettkampfstimmung: Nach dem Aufwärmen erfolgt die Aufstellung im Kreis, die Arme in die Mitte gestreckt und dazu der Spruch „Weißbier“.

Der Haunsheimer Fußballer Rene Günzel wird nach dem Sieg gegen SSV Neumünster mit Sekt überschüttet.
Bild: Karl Aumiller (Archiv)

Als krönender Abschluss des gymnastischen Kräftemessens steht laut Abteilungsleiterin Barbara Kehl eine dreifache Salto-Welle. „Egal ob nach einem Erfolg oder einer Enttäuschung – Rituale sind dazu da, dass man sich daran hält.“ Kollege und Ehemann Dietmar Kehl versichert glaubhaft, dass man noch nie darauf verzichtet habe.

Theresia Schwenk aus Wittislingen ist Mountainbikerin und praktiziert ein fixes Prozedere: „Bei mir gibt es einen bestimmten Ablauf, wie ich in den Tag starte. Vom Frühstück, über Bike- und Wetter-Check bis hin zum Warmfahren ist an Renntagen alles durchgetaktet. An der Startlinie stehend gehe ich nochmals tief in mich, atme ruhig und fokussiere mich auf den Startschuss. Nach einem Sieg habe ich keine speziellen Rituale. Ich genieße es einfach sehr. Kann passieren, dass ich mir eine extra Portion Eis oder ein leckeres Essen mit Freunden und der Familie gönne.“

Vor „negativen Effekten im Kopf“ warnt denn auch Tischtennismann Lodner, der als ausgebildeter Mentaltrainer die Bedeutung von Emotionen im Sport kennt. „Abweichungen vom Eingeübten können sich negativ auswirken.“ Beispiele aus dem großen Sportgeschäft der Stars mit ihren leib- wie seelenorientierten Ritualen gibt es zuhauf. Etwa beim Sprintstar Florence Griffith-Joyner, die sich in den Achtzigerjahren vor allem an der Laufbahn gern divenhaft gab. Dazu gehört die Pflege ihrer bis zu 15 Zentimeter langen Fingernägel, die sie – fast wie ihre Erfolgsliste – wachsen ließ. Ein abgebrochener Nagel führt eines Tages zum Abbruch ihres Starts.

Auffällig im eher positiven Sinne gab sich bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2012 die australische Hürdenläuferin Michelle Jenneke, die ihr mentales Aufwärmen mit einem reizenden und vom Publikum viel beachteten „Warm-up-dance“ einleitete. Wer als Außenstehender da nur den Kopf schütteln kann, unterschätzt die positiven Wirkungen selbst skurriler Auftritte auf Körper und Psyche eines Athleten. Experten zufolge können sie Mut machen, Sicherheit verleihen und in Teamsportarten den Zusammenhalt fördern.

Golfer in Dillingen haben "schönes Spiel"

Für ablenkende Schönheitswettbewerbe am Rande kann sich Markus Grimminger weniger erwärmen, dagegen mehr für das „schöne Spiel“, das man sich vor dem ersten Abschlag unter Golfern wünscht. Laut Präsident des GC Dillingen können die beiden Worte „den Fokus der Beteiligten auf den Spaß und die Freude am Spiel in einer wunderbaren Landschaft“ richten. „Das kann sich positiv auswirken und beim Sportler Verkrampfungen lösen helfen“, ist sich der Mentalcoach sicher. Solch freundliche Rituale auch zum Abschluss würden bis in die höchsten Profi-Ebenen gelten und Golfen als den „wahren Gentleman-Sport“ hervorheben.

Hintanstehen will da keinesfalls Wolfgang Berchtenbreiter, der als stellvertretender Abteilungschef für seine Dillinger Badmintonspieler „höchst angemessene Formen des Wettkampf-Rituals“ beansprucht. „Wir motivieren uns im Team und mit dem Publikum, bei dem wir uns bedanken, gleich wie das Match ausging.“ Mit seinem Zusatz, dass er in 60 Jahren nie irgendwelche „Ausfälle“ erlebt habe, zielt Berchtenbreiter wohl in Richtung von Sportarten auf Rasen und Rennpisten hin, bei denen das wechselseitige Nassmachen mit Weißbier oder Champagner Usus sind.

Davon ist Alfons Strasser weniger begeistert. Der Kreisvorsitzende beim Bayerischen Landes-Sportverband sagt: „Wenn man als Verein große Pokale mit Sekt auffüllt und dann rumgehen lässt, ist das nicht im Sinne des Sports. Es kann schon mal sein, sollte aber nicht ausufern.“ „Spaßbremse“ oder nicht? Das mag jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht darf man ja – gerade in der heutigen oft politisch überkorrekten Zeit – bei großer Freude mal „alle Fünfe g‘rade“ sein lassen und auf das eine oder andere lieb gewonnene „Ritual“ zurückgreifen: vom „Gaucho-Gang“ bis zur Bierdusche …

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren