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Leichtathletik

30.11.2020

So hält sich ein Weltrekordler aus dem Zusamtal fit

Einfach sportlich, dieser Typ: Ausnahme-Athlet Roland Wegner kann es nicht lassen und spult sein Fitness-Programm ab: Dazu gehören Liegestütze, Klimmzüge und alle Formen von Lauftraining, zum Beispiel Treppensprünge.
Bild: Stauch

Plus Sportler-Porträt: Weil die normale Laufrichtung Schmerzen verursachte, machte Roland Wegner aus der Not eine Tugend. Der ungewöhnliche Blickwinkel eines und „Retro-Weltrekordlers“.

Er galt als der schnellste Mann der Welt – im Rückwärtsgang. Roland Wegner, der 45-jährige Sportler aus dem Zusamtal mit heutigem Wohnsitz am Lech, kennt die Laufbahnen der Stadien aus mindestens zwei Perspektiven: Zum einen als Sprinter solo oder in der Staffel über 400 Meter in die konventionelle Richtung. Zum anderen als Weltrekordhalter über 100 Meter mit dem Buckel voraus – als rückwärts.

Der immer noch drahtige wie durchtrainierte Mann aus Wertingen bezeichnet sich nach wie vor als „Retrorunner“. Also als Aktiven einer Sportart, die in den vergangenen beiden Jahrzehnten deutlich an Fahrt aufgenommen hat, dem Rückwärtslauf. Vorwärts laufen kann ja jeder, denken sich so manche Profiathleten wie Freizeitsportler – und kehren der herkömmlichen Leichtathletik den Rücken. Sie formieren sich dann etwa in einer Schar laufhungriger Menschen namens IRR. Die Abkürzung steht für International Retrorunner und wurde – wer hätte es gedacht – von Roland Wegner ins Leben gerufen.

Gewöhnungsbedürftiger Blickwinkel

Das Motiv des Schwaben mit Sprinterqualitäten und zahlreichen Erfolgen über 200 bzw. 400 Meter: „Normale Leichtathletik ist einfach nur langweilig“, rief der Läufer des renommierten Vereins LAC Quelle Fürth einst aus und wendete seinen Corpus fortan um 180 Grad. Eine neue Welt aus dem Blickwinkel eines Lauf-Junkies, gewöhnungsbedürftig für den Beobachter am Bahnrand. Dieser mag sich dann fragen: Warum rückwärts, wenn doch der größte Teil der Menschheit sich vorwärts bewegt? Retrorunner wie Wegner verweisen dann gerne auf andere Disziplinen wie Schwimmen, Tennis vor Beachvolleyball, bei denen sich keiner über die „falsche Richtung“ aufregen würde, wenn deren Akteure aus taktischen Gründen diese Haltung einnähmen. Selbst bei König Fußball gehört der stete Richtungswechsel zum Spielverlauf.

Die Wende im wörtlichen Sinne kam bei Roland Wegner auch wegen seiner Verletzungen am Knie: „Mir wurde vom Arzt geraten, mit der Leichtathletik, die ich so lange und erfolgreich betrieben hatte, abzuhören.“

Ein Leben ohne Laufen? Unvorstellbar, dachte sich Wegner. „Vorwärtslaufen tat unerträglich weh, nur rückwärts ging noch.“ Wegner hatte etwas gefunden, „bei dem man sich wieder auspowern kann und Ziele erreichen. Einfach wunderbar“. Sprach es und lief seinen ersten Weltrekord über 200 Meter – anders herum als sonst.

Eigentlich ein alter Hut

Vom Vorwärts-Sprinter zum Rückwärtsläufer ist dabei eigentlich ein alter Hut. Bereits 1826 wird diese Art der sportlichen Fortbewegung erwähnt. Als Pioniere gilt der Franzose Christian Grollé. Und jetzt natürlich auch Roland Wegner, der seit Anfang der 2000er-Jahre für diese Sparte kräftig die Werbetrommel rührt. Solche Vorbilder tragen auch dazu bei, dass Retrorunning in vielen Ländern der Welt sogar wettkampfmäßig stattfindet, selbst in Nord- und Südamerika, Indien und Südafrika.

Globale Übereinstimmung herrscht ebenfalls, was die Wirksamkeit des „verkehrten“ Laufschritts angeht: Wer sich umdreht und rückwärts läuft, muss seinen Körper anders ausbalancieren. Es schone die Gelenke – was jene gerne hören dürften, die es am Knie ständig zwickt. Sportmediziner halten Retrorunning für eine nahezu ideale therapeutische Maßnahme nach Verletzungen an einem der wichtigsten Läufer-Komponenten. Andere Muskeln werden beansprucht und gekräftigt, vor allem in Waden und Oberschenkeln.

Und: In einem gesunden Retro-Jünger steckt auch ein gesunder Geist. Koordination, Gleichgewichtsgefühl und Körperhaltung werden gefördert, sodass diese ungewohnte Disziplin gerne beim Kickertraining Anwendung findet. Ein Mitnahme-Effekt dieses Trainings entsteht daraus, dass wegen der nach hinten gerichteten Blickrichtung die Konzentration geschult werden kann.

Veganer und politisch engagiert

Nach vorne schaut der Diplom-Verwaltungswirt Wegner trotzdem. Etwa als Bundesvorsitzender der V-Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer. Sein politisches Talent hatte der Ausnahmesportler, der auch Treppenlauf-Rekord am Augsburger Perlachturm hält, schon sehr früh entwickelt. So forderte Wegner als 15-jähriger vom damaligen SPD-Mann und Bürgermeister Dietrich Riesebeck die Aufstellung eines Ortsschildes in seinem Wertinger Stadtteil. In seiner heutigen Funktion als Augsburger Stadtrat gestaltet der schnelle Mann von der Zusam die Zukunft der Schwaben-Metropole mit.

Apropos: Dort setzte der Nordschwabe einst die Renovierung des Rosenaustadions durch. Dabei fällt dem Ex-Wertinger der schlechte Zustand der ruppigen Laufbahn auf dem Wertinger Judenberg ein, aus der im Sommer Gräser und Wurzeln sprießen: „Ein schlimmer Zustand, obwohl eine richtige Anlage dort oben ein Juwel in der regionalen Leichtathletik darstellen könnte.“ Gute Figur macht der immer noch fleißig joggende 1,80-Meter-Mann auch im Showgeschäft. Vor zehn Jahren trat er bei der TV-Sendung „Wetten, dass…?“ mit der Wette auf, dass man sich in kürzester Zeit auf einem Laufband umkleiden kann. Natürlich im Rückwärtsgang.

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