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Sport-Reportage

10.11.2018

Zwei Tage sportliche Schwerstarbeit

Mit ihrem „Werkzeug“: Tobias Steige (links) und Werner Friedel kennen den großen Aufwand und die körperliche Arbeit beim Zehnkampf. Dessen Einzeldisziplinen sind im Zusamtal nur begrenzt trainierbar.
Bild: G. Stauch

Während der Zehnkampf in Schwaben ums Überleben kämpft, halten einige Zusamtaler die leichtathletische Königsdisziplin hoch

„Sie sind der wahre König der Athleten!“, soll der schwedische König den Zehnkampfsieger Jim Thorpe (USA) bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm geehrt haben. Auch für den großen Sportförderer und Stadtheimatpfleger von Dillingen, Karl Baumann, gilt diese Disziplin als „die Krone der Leichtathletik“. Beide haben auf ihre Weise recht. Denn wer sich diesen körperlichen wie psychischen Tort antut, verdient es wohl, in seiner Branche einen majestätischen Rang einzunehmen. Obwohl die zweitägige Schinderei im Stadion mit Laufen, Werfen, Stoßen, Springen und Hüpfen auch über hundert Jahre nach Einführung nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat und im August der Ulmer Arthur Abele in Berlin den EM-Titel gewann, gibt es bundes- und schwabenweit nicht allzu viele Zehnkämpfer. In der Region traute sich nur ein Häuflein mutiger Aufrechter an den Start – oder mag die Herausforderung Zehnkampf wieder annehmen.

„Der Zehnkampf wird auch noch in zehn Jahren Bestand haben“, gibt sich der Dillinger Gerald Bayer ziemlich sicher. So wie der heute 48-Jährige einst als Mehrkämpfer für die LG Altmühl-Jura souverän den Speer auf 67 Meter wuchtete und bei der Punktewertung an der 8000er-Marke kratzte, glaubt er an die sichere Zukunft des Nischensports. Dieser gilt zumindest für Außenstehende eher als unmöglich zu schaffende Kombination von Einzelaktivitäten, die jede für sich schon kaum zu schaffende menschliche Willenskraft und Durchhaltevermögen verlangt.

„Alles machbar“, beruhigt Gerald Bayer, der „diese tolle Abwechslung“ stets genoss. Der Mann mit seinen Idolen Guido Kratschmer und Jürgen Hingsen sieht nach wie vor „genügend Freaks, die sich dafür begeistern – als Akteure oder Zuschauer“. Also Spikes anlegen - und los geht’s: Etwa am Tag eins mit dem 100-Meter-Lauf, gefolgt von Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung und 400-Meter-Lauf.

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Darf es etwas mehr sein? Sicher, der zweite Tag startet mit dem 110-Meter-Hürdenlauf, dem sich Diskuswerfen, Stabhochsprung und Speerwurf anschließen. Zum krönenden Abschluss bleibt für die Sport-Könige ein Lauf über 1500 Meter. Wer kennt sie nicht, die Bilder von torkelnden und müden Athleten, die sich ins Ziel werfen und danach gegenseitig in die Arme fallen? Es ist ein Kampf um Punkte, Zentimeter und Hundertstelsekunden - gegen Hitze, Kälte, Regen und vor allem gegen sich selbst. In diesen Tagen gehen die Sportler durch Höhen und Tiefen, wechseln sich Hoffnung, Wut, Kampfkraft und Entschlossenheit in kürzester Zeit ab. Schwerstarbeit über zwei mal acht Stunden. „Diese zwei Tage waren mir sehr viel wert“, betont Bayer dennoch im Rückblick auf seine Aktivenzeit als Leistungssportler zwischen 1989 und 1999. Mit 1,83 Meter Größe und 80 Kilogramm Lebendgewicht legte sich der begeisterte Akteur beinahe mit olympischen Idealmaßen in die Schlacht zwischen Laufbahn und Sprunggrube. Ein Blick in die Statistiken zeigt, dass der heutige Gymnasial-Lehrer mit den Fächern Mathematik und Sport ruhig noch etwas größer und schwerer hätte ausfallen dürfen.

Was soll da erst der ehemalige Gymnasial-Sportlehrer Karl Baumann sagen, der schon immer ein großes Herz für die Leichtathletik und vor allem die Königs-Disziplin zeigte? „Mir hat leider die notwendige Statur dazu gefehlt und vor allem die erforderlichen Kilos“, bedauert der Mann mit Jahrgang 1935, der durch sein Vorbild fast vier Jahrzehnte lang ganze Sportlergenerationen in Bewegung halten konnte. „Man tut sich leichter dabei, wenn man groß wie kräftig ist und außerdem gut sprinten kann“, entwirft der langjährige Lehrer am Sailer-Gymnasium eine Art Steckbrief für den künftigen Zehnkämpfer. Und – ganz der geprägte Pädagoge und Trainer – erklärt er dann auch, wie man dafür Talente beim Schulsport sichten kann: „Man sieht das bei den hundert Metern, beim Verhalten in Hoch- und Weitsprung.“ Bei der Förderung komme es schließlich auf die durchführende Lehrkraft an: „Das ist der Motor in dieser Sache.“

Gibt es einen besseren Werbe-Botschafter für den Disziplin-Marathon als den 7763-Zähler-Athlet Gerald Bayer? Der in Schwaben ganz vorne stand und früher „neun mal die Woche nur so aus Spaß an der Freude“ trainierte? Zwar sieht der Speerwurf-Fan kaum Chancen, die Zehner-Sache irgendwie in den schulischen Sportunterricht zu integrieren: „Da haben Sie gerade mal 90 Minuten Zeit, abzüglich zehn Minuten fürs Umziehen.“ Dennoch beobachtet Bayer, der den Familienfest-Charakter dieses Kräftemessens hervorhebt, immer wieder das Interesse von Buben und Mädchen an Diskurswerfen oder Stabhochsprung. „An diesen regelmäßigen Projekttagen machen andere Origami oder Musik, ich biete Leichtathletik an.“

Dagegen fühlen sich Werner Friedel, Tobias Steige und Florian Mittel in der anspruchsvollen wie gnadenlosen Zehnkampfwelt schon lange wie zuhause. Von der bekannten Athleten-Schmiede namens LG Zusam in Buttenwiesen aus. Ihr bekanntestes Aushängeschild, Heute-schon-Legende-Coach Friedel, trägt bereits fast 80 Mehrkämpfe auf dem Buckel, davon ein Drittel im Zehnkampf (4517). „Die ersten Stunden gehen noch irgendwie, doch am Morgen von Tag zwei spürt man richtig seine Füße“, erzählt der passionierte Kämpfer auf zahlreichen Sportplätzen dieser Republik.

Doch wie für die Kollegen Steige (4667 Punkte) und Florian Mittel (4155) gilt auch hier: Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt. Wie sich das anfühlt, erfährt, wer einmal vor dem mehr als einen Meter hohen Hürden-Hindernis stehen bleibt, die 7,25 Kilogramm schwere Kugel in der Hand hält oder die Zwei-Kilogramm-Diskusscheibe nur gedanklich einmal von sich wegschleudert. Dann noch die 4,30 Meter lange Glasfiberstange für den Stabhochsprung in die Luft hält und schließlich an die finalen anderthalb Kilometer auf der Tartanbahn denkt. Ein Riesenaufwand nicht nur für den Teilnehmer, sondern auch den Veranstalter.

Wen wundert’s, dass es laut Werner Friedel bei schwäbischen Meisterschaften seit fast zehn Jahren keinen Dekathlon mehr gegeben hat. Jedenfalls würden die drei Sportsmänner aus dem unteren Zusamtal bereitstehen.

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