Den Dillinger Friedhof kann man leicht übersehen. Versteckt hinter einer Mauer gegenüber einem Discounter liegt er eher unscheinbar da. Wer durchs Tor tritt, kann dort aber viel entdecken. Ein Teil der Dillinger Geschichte liegt hier begraben. Leider ist nicht alles erhalten geblieben. In einer neuen Themenführung werden die Geheimnisse des Friedhofs gelüftet.
Schon vor ein paar Jahren habe sie eine solche Führung vorgeschlagen, erklärt Ingrid Witte. Die Idee kam damals offenbar nicht so an, sagt Witte und lacht. In diesem Jahr, die Stadt Dillingen hat neue Themenführungen ins Programm genommen, wurde Wittes Vorschlag umgesetzt. Neben der Schmankerl-Tour und der Literatur-Tour kann man nun auch den Friedhof durchwandern. Witte hat dafür allerlei Fakten rund um den Friedhof recherchiert.
Das Areal wirkt auf den ersten Blick überschaubar, doch an jeder Ecke gibt es eine interessante Kleinigkeit. Der Friedhof lag zunächst direkt vor der Basilika, erklärt Witte. Dort deuten noch die Grabinschriften in der Baslilikamauer auf die frühere Verwendung des Platzes hin. Wo heute der Springbrunnen plätschert, lagen früher also Leichen. Vor der Basilika wurde es aber schnell zu eng. Um die St.-Wolfgangs-Kapelle in der Kapuzinerstraße herum, entstand deshalb ein weiteres Gräberfeld. Die Wolfgangskapelle diente als Friedhofskirchlein.
Der Friedhof zog vor die Tore der Stadt und wuchs: Das gefiel nicht jedem
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts befand sich der Friedhof dort, bis der Stadtmagistrat beschloss, ihn weiter nach draußen zu verlegen: in die Altheimer Straße. „Die Leute haben sich darüber ziemlich aufgeregt“, erklärt Witte. Denn früher wurden die Toten im Trauergottesdienst aufgebahrt und anschließend zum Friedhof geleitet. Der Weg vor die Stadttore war nun viel weiter geworden. „Die Straße war ja noch nicht asphaltiert.“ Ein mühsames letztes Geleit. Auch deshalb wurde die Kapelle auf dem neuen Friedhof errichtet, in der die Toten aufgebahrt werden konnten. „Bis in die 1960er-Jahre hat da sogar noch der Friedhofswärter gewohnt“, sagt Witte. Wohnen auf dem Friedhof, das ist nicht für jeden etwas.
Obduktionen fanden noch auf dem Dillinger Friedhof statt
Die Kapelle hatte aber noch eine weitere wichtige Verwendung. „Bis in die 70er-Jahre fanden hier noch Obduktionen statt“, erklärt die ehemalige Kripo-Beamtin. „Der Obduzent ist aus Augsburg gekommen und hat unter Anwesenheit des Richters obduziert.“ All das ist inzwischen Geschichte. So wie viele Familien, die die Stadt Dillingen bis heute geprägt haben und deren Spuren noch auf dem Friedhof zu finden sind.
Viele bekannte, und zu Lebzeiten gut betuchte, Dillingerinnen und Dillinger sind entlang der Friedhofsmauern begraben. Die Grabinschriften erinnern an Kommerzienräte, Kaufleute und Ärzte. „Das waren die begehrtesten Plätze“, erklärt Witte. Entlang der Mauern finden sich auch heute noch die „Gruften“ und größeren Grabmäler, in denen ganze Familiengenerationen beerdigt sind. So etwa das Grab der Familie Zenetti, die im 18. Jahrhundert aus dem Friaul in den heutigen Landkreis kam und dort eine weit verzweigte Verwandtschaft aufbaute. Ein bekannter Abkömmling: Hans-Jochen Vogel. Als der einmal beim Dillinger SPD-OB Hans-Jürgen Weigl zu Gast gewesen sei, berichtet Witte, habe er mit dem Blick auf das Dillinger Triptychon bemerkt: „Früher waren die Rindviecher noch vor dem Rathaus.“
Manche Gräber sind erhalten, andere vergessen
Ein paar Schritte weiter, in der Gruft der Kaufmannsfamilie Steichele, kann man ein Stück Dillinger Geschichte sehen. „Kaufmannsgattin“ Ursuline Steichele nämlich war die erste Frau, die 1919 in den Dillinger Stadtrat gewählt wurde. Dort saß sie bis 1932. Viel verändert hat sich an der Zahl der Frauen im Rat seither nicht. Vier sitzen in der neuen Periode im Gremium.
Gibt es keine Nachkommen mehr, wird ein Grab nach der Ruhezeit eigentlich irgendwann aufgelöst. Anders ist es bei einigen Gräbern bekannter Dillinger Familien, bei denen die Stadt die Pflege übernommen hat. Als Teil der Stadtgeschichte ist so manche Familiengruft deshalb erhalten geblieben. Nicht mehr zu sehen ist die letzte Ruhestätte von Barbara Renz. Sie starb 1955. Die Wahl-Dillingerin hatte sich für die Bildung von Frauen und Mädchen eingesetzt. Auch sie wurde 1925 in den Dillinger Stadtrat gewählt. Ihr Grab allerdings wurde nach der Ruhezeit aufgelöst. „Das würde man heute wohl anders machen“, meint Witte.
An keinen reichen Kaufmann oder Kommerzienrat, dafür aber doch an eine bekannte Figur wird ein paar Reihen weiter mit einem besonderen Grabstein erinnert. Eine metallene Glocke auf einem Sockel. Wer will, kann die Glocke läuten. Das Grab erinnert an Joseph Holzheu, genannt Glockenjockel. Er war Glöckner von St. Peter. „Als man am Kirchweihsamstag um 12 Uhr von der Schule kam, hat er die Glocke geläutet und Bonbons vom Turm geworfen“, erinnert sich Witte.
Von rund 280 Bestattungen pro Jahr seien inzwischen nur noch 20 Prozent klassische Erdbestattungen, erklärt die Dillingerin. „Aber was passiert eigentlich mit den Urnen aus den Stelen, wenn die Ruhezeit abgelaufen ist?“, sagt Witte. Gute Frage. An der Nordseite des Friedhofs ist eine alte Familiengruft, auch deren Pflege hat die Stadt Dillingen übernommen. Eine unscheinbare Edelstahl-Klappe markiert die Stelle, an der die Urnen nun ihre vorerst letzte Ruhestätte finden sollen.
Info: Am Freitag, 8. Mai, führt Ingrid Witte um 15 Uhr über den Friedhof. Treffpunkt ist vor der Friedhofskapelle. Die Führung kostet 5 Euro, die direkt in bar bezahlt werden können. Anmeldungen sind bis spätestens 12 Uhr am Vortag über die Telefon 09071/54-292 oder touristinfo@dillingen-donau.de möglich. Die Tour dauert maximal eineinhalb Stunden. Kinder unter 14 Jahren können kostenlos mitgehen.
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