Hinter der evangelischen Kirchengemeinde Lauingen liegen sehr schwere Monate. Im Januar haben die Mitglieder erfahren, dass sie sich von ihrer geliebten Kirche trennen müssen. Eine furchtbare Nachricht. „Schlicht und einfach schockierend“, beschreibt es Andrea Diederich, die Pfarrerin. „Dass eine Kirche plötzlich verkauft werden soll, ist eigentlich unvorstellbar.“ Und doch wird es Realität, wenn die Gemeinde nicht irgendwoher Unterstützung bekommt.
Dass es überhaupt soweit kommen konnte, hat viel mit dem lieben Geld zu tun. Die evangelische Kirche muss sparen und hat deshalb an die Dekanate die Order herausgegeben, 50 Prozent des Gebäudebestands in den kommenden zehn Jahren zu veräußern beziehungsweise zu „transformieren“. Regionalausschüsse haben dann nach Lösungen gesucht und solche auch gefunden. „Geblutet hat jede Gemeinde“, sagt Diederich. Im Landkreis trifft es weit mehr als nur Lauingen: Bachhagel, Dillingen, Haunsheim, Höchstädt. Alle müssen Federn lassen. Speziell im Lauinger Fall ist es ein Einschnitt von historischer Größe: Die Gemeinde behält das vor Kurzem sanierte Gemeindehaus und trennt sich auf die ein oder andere Art von der Christuskirche.
Die evangelische Gemeinde in Lauingen musste lange auf eine eigene Kirche hinarbeiten
In der Gemeinde hat diese Nachricht einen Schock ausgelöst. Viele Mitglieder sagen, das gehe doch nicht, so Diederich. Zum Treffen mit unserer Redaktion sind drei verdiente Mitglieder gekommen. Auch sie sind noch immer fassungslos. Für sie alle geht es um viel mehr als nur ein Gebäude. Es geht um die Herzkammer der Gemeinde, um einen Ort der Gemeinschaft und des Glaubens. „Diese Kirche ist das, wofür Evangelisch steht“, sagt Diederich. Die Gemeinde, die Präsenz, Christus. Es gebe Mitglieder, die sagen, ohne die Kirche fühle man sich wie eine Sekte, die sich im Verborgenen trifft. Wie die Urkirche, als Christen verfolgt wurden und sich heimlich treffen mussten. Den Gemeindemitgliedern Robert Laacke, Erich Schuster und Irmgard Lang geht es ähnlich. Letztere erinnert daran, dass etwa auch das Glockengeläut verschwinden könnte. „Der Gedanke tut weh“, sagt sie und legt die Hand aufs Herz.
Wie geht es also weiter? Es gibt mehrere Möglichkeiten. Und das Treffen vor Ort zeigt: Die Gemeinde hat diesen Lösungsfindungsprozess noch nicht ganz durchschritten. Klar ist: Gottesdienste im Gemeindehaus zu feiern, wie es schon jetzt im Winter passiert, ist keine gute Option. In den Saal passen maximal 75 Menschen. Dann werde es aber eng und stickig, ältere Menschen, wie Irmgard Lang, bekommen dann mitunter Kreislaufprobleme. In die Kirche passen 350 Menschen. An wichtigen Tagen, wie der Konfirmation vor zwei Wochen, stellen sie noch einmal 100 Stühle dazu. Andere Optionen, etwa sich in eine der katholischen Kirchen einmieten, wären zwar denkbar, aber nicht ideal. Für Erich Schuster hat das auch historische Gründe: Früher gehörten die evangelischen Lauinger nach Haunsheim, bis zur Nazizeit feierten sie im Rathaus, danach in der katholischen Andreaskirche. Als die Christuskirche 1959 fertig war, war das ein großer Moment. „Unser Wunsch war immer diese Kirche“, sagt Schuster. Bei Fertigstellung, „da waren wir jemand“. Jetzt den Schritt zurückzugehen, das sei schwer zu vermitteln. Und schmerzhaft.
Wird aus der Christuskirche in Lauingen ein Konzertsaal?
Eine weitere Lösung wäre: Die Christuskirche irgendwie halten. Aus dem Gemeindehaushalt kann sie nicht mehr finanziert werden. Denkbar wäre also ein anderer Baulastträger, eine geteilte Nutzung oder ein Förderverein nach dem Vorbild der Schlossfreunde Haunsheim, wie Robert Laacke andeutet. Oder eine Kombination dieser Vorschläge. Pfarrerin Diederich spricht etwa die Möglichkeit eines Konzertsaals an. „Wir müssen über unseren Schatten springen“, sagt sie. Andere Gemeinden hätten ihre Kirche verkauft. In einem Fall werde daraus eine Kletterhalle. „Sowas will ich vermeiden“, sagt Diederich. Auch wenn die Christuskirche bald 70 Jahre alt wird, sei die Bausubstanz noch gut. Lediglich der Turm und die Elektrik würden bald anstehen.
Die evangelische Gemeinde muss jetzt aktiv werden, damit alles auf den Weg gebracht werden kann. Pfarrerin Diederich macht deutlich: „Wir brauchen Hilfe.“ Den einen Vorteil habe man: „Wir müssen nicht den ersten Interessenten nehmen“, sagt Erich Schuster. Man habe durchaus die Zeit, nach der besten Lösung zu suchen, nämlich besagte zehn Jahre. Nur müsse man jetzt in die Gänge kommen und sich auf die Suche machen. Und dabei hofft die Gemeinde auf Unterstützung von außen. Auf Firmen, die sponsern oder mitanpacken können, auf eher passive Mitglieder, die sich wieder mehr einbringen wollen. Auf Menschen, für die die Christuskirche nicht selbstverständlich ist. Sie wünschen sich eine Zukunft mit der Kirche. Auch wenn es dann nicht mehr allein ihre Kirche sein sollte.
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