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Landkreis Donau-Ries

25.08.2018

Ahnenforschung: von New Jersey nach Gosheim

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5 Bilder
Greg Gerstner vor dem Gosheimer Schloss. Der 43-Jährige Amerikaner betreibt derzeit in der Region Ahnenforschung.

Ein Amerikaner hat seine Blutlinie zwölf Generationen weit zurück verfolgt. Wieso ihn das in den Landkreis Donau-Ries führt.

Alles begann mit dem Tod seiner Schwester. Die Ursache: eine Erbkrankheit, weitergegeben von ihrem Vater. Das brachte Greg Gerstner zum Nachdenken. Kann ich herausfinden, wer noch von der Krankheit gefährdet ist? Kann ich andere Familienmitglieder retten? Er begann daraufhin, sich mit seinem Stammbaum zu beschäftigten – und hörte nicht mehr damit auf. Ganz im Gegenteil: Die Frage nach seiner Familiengeschichte, nach seinen Vorfahren und nach seiner Herkunft begeisterte Gerstner derart, dass er anfing, im großen Stil Nachforschungen anzustellen. Im momentan siebten Jahr seiner Suche füllt er mit den Informationen über zwölf Generationen etwa 600 Seiten. Um diese noch weiter zu ergänzen, ist er vor wenigen Tagen mit seiner Familie aus New Jersey in den USA in den Landkreis Donau-Ries gereist, um die Heimat seiner Vorfahren kennenzulernen.

Doch bis nach Nordschwaben war es ein weiter Weg, nicht nur geografisch. Wie viele Stunden der eigentlich in der Werbebranche tätige Familienvater aus New Jersey in all den Jahren in sein Hobby gesteckt hat, kann er nicht mehr sagen. Doch gelohnt habe es sich. „Am Anfang hatte ich wirklich Glück. Ohne diesen Stammbaum hätte ich keine Anhaltspunkte gehabt.“ Gerstner bekam eine Ahnenreihe in die Hände, die ein entfernter französischer Verwandter 1993 angefertigt hatte. Zwar wusste er von seinen französischen Vorfahren, doch aus dem Dokument wurden die Namen und Wohnorte ersichtlich.

Zunächst sucht er ohne Hilfe

Da in Frankreich alle archivierten Dokumente im Internet frei zugänglich sind, konnte der heute 43-Jährige Nachforschungen anstellen. Ohne jegliche Hilfe durchfortstete er lateinische Kirchendokumente, in unleserlicher alter Handschrift, verschmiert und unvollständig. Stück für Stück arbeitete er aus Geburts-, Sterbe-, Tauf- und Heiratsurkunden Generation um Generation heraus. Eine Mammutaufgabe und ein Kraftakt, vor demviele wahrscheinlich kapituliert hätten – Nicht so der Mann aus New Jersey. Nach einigen Jahren stieß er auf eine Heiratsurkunde seines Urgroßvaters in der siebten Generation, Johannis Michaelis Gerst.

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In diesem Dokument heißt es, dessen Vater Johannis Gerst habe in Wolferstadt in Schwaben gelebt. Von diesem Ort hatte Gerstner natürlich in den USA noch nie etwas gehört, doch er recherchierte nach. So lernte er, dass es in Schwaben nur ein einziges Wolferstadt gibt – es war also klar, welches gemeint war. Doch im Gegensatz zu Frankreich gibt es in Deutschland keine einheitlich aufgelisteten Dokumente von früher, noch dazu spricht der Fan der Footballmannschaft Buffalo Bills kein Deutsch. Also suchte er sich professionelle Hilf und heuerte die Ahnenforscherin Margarete Handl an.

Spezialistin für Übersetzungen angestellt

Handl tat das, was Gerstner zuvor schon im Internet getan hatte, allerdings direkt vor Ort im Augsburger und Höchstädter Archiv. Da die Dokumente, die in alter deutscher Handschrift geschrieben wurden, sehr schwer zu entziffern sind, stellte Gerst noch Esther Bauer, eine Spezialistin für Übersetzungen aus dem alten Deutsch, an. Und langsam, im Laufe der Jahre, setze sich aus vielen kleinen Mosaiksteinen, aus Kirchendokumenten, Steuereintragungen, Gerichtsverfahren und Kaufverträgen eine Familiengeschichte zusammen, die es in sich hat. Bis vor den Dreißigjährigen Krieg geht die Dokumentation zurück. Alles was es in den Archiven herauszufinden gab, hat das Team herausgefunden.

Seinen Namen leitet Gerstner davon ab, dass seine Vorfahren um 1100, als Nachnamen entstanden, wohl Bauern waren. Die Ursprungsform des Namens, Gerst, ist also eine Ableitung von Gerste, dem Getreide. Im Laufe von vielen Generationen variierte der Name, bis schließlich Gerstner daraus wurde.

Vor 400 Jahren kauft ein Ur-Ahne die Stadlmühle

1572 taucht in Wemding das erste Mal der Name Gerst auf – jedoch ist unklar, ob es sich dabei um einen Verwandten Gerstners handelt. Aber die Tatsache, dass er seine Blutlinie bis zu Caspar Gerst, der 1604 erstmals erwähnt wird, zurückverfolgt hat, ist eine kleine Kostprobe der akribischen und unermüdlichen Arbeit, die er und seine Mitstreiter geleistet haben. Interessant ist der Reichtum an Details, die über die einzelnen Lebensläufe bekannt sind. Caspar Gerst beispielsweise kaufte 1618 die Stadlmühle in Gosheim, die es heute noch gibt.

Als Caspar Gerst während des Dreißigjährigen Krieges in einer Art Kneipenschlägerei einem Müllersgehilfen mit einer Mistgabel einen Finger abtrennte, entging er seiner Strafe, indem er in das bayrische Regiment eintrat, was im schwäbischen Gosheim aber auch eine Straftat darstellte. Über jedes der elf Generationen zwischen Caspar und Greg sind solche Anekdoten bekannt. Auch die Auswanderung nach Frankreich kann begründet werden: Johannis Michaelis Gerstner floh etwa 1718 nach Epfig im Elsass, um sich Arbeit in dem durch Krieg und Emigration ausgedünnten Gebiet zu suchen.

300 Jahre nach der Auwanderung

Das Jubiläum der Auswanderung aus Schwaben vor 300 Jahren nahm Greg Gerstner nun als Anlass, um zusammen mit seiner Frau Leah und seinem drei Jahre alten Sohn Griffin nach Deutschland zu kommen und sich die Schauplätze seiner frühesten Familiengeschichte einmal aus der Nähe anzusehen. Von ihrem Hotel, Schloss Leitheim, besuchten sie schon Monheim, Wemding, Laub, Otting, Gosheim und Wolferstadt –alles Orte, an denen irgendein Ur-Ahne einmal gelebt hat. Gerstner hat die Adressen von manchen ehemaligen Gerst-Grundstücken, die heute natürlich von anderen bewohnt werden. Auf dem Programm der Familie steht an diesem Sonntag noch der Besuch der Stadelmühle in Gosheim. Zwar wurden von Caspars Gebäuden das meiste von den Schweden abgebrannt, aber sein Sohn Melchior verkaufte das Grundstück und es wurde wieder eine Mühle darauf errichtet.

Doch nicht nur Forschung steht bei den Gerstners bei ihrem Aufenthalt in Deutschland auf dem Programm: Gestern Abend besuchten sie das Eröffnungsspiel der Fußball-Bundesliga in der Allianz-Arena zwischen dem FC Bayern München und der TSG Hoffenheim. Die Familie bleibt noch bis Dienstag in Deutschland, dann geht es zurück an die Ostküste der USA – mit im Gepäck sind dann viele weitere Informationen für die Chronik. Und die Gewissheit, dass aus Geschichte Gegenwart wurde.

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