Newsticker
Corona-Gipfel: Arbeitgeber müssen Homeoffice ermöglichen, Maskenpflicht wird bundesweit verschärft
  1. Startseite
  2. Lokales (Donauwörth)
  3. Alfred Bäuerle: Papa, wer sind die seltsamen Gestalten?

DZ-Lesesommer (5)

17.08.2020

Alfred Bäuerle: Papa, wer sind die seltsamen Gestalten?

Wer war zuerst da? Die Affen oder die Menschen? In der Kurzgeschichte von Alfred Bäuerle geht es um genau diese Frage.
Bild: Joel Carrett/AAP/dpa

Plus Die DZ lädt ein zum Lese-Sommer. Folge 5 stammt von Alfred Bäuerle. Darin geht es um Holger, der bei seinem Zoobesuch ein ganz besonderes Gespräch belauschen kann.

Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Holger saß auf seinem Balkon und betrachtete amüsiert ein Meisenpärchen, das emsig Halme und trockenes Moos in den Nistkasten transportierte, den er im vergangenen Sommer gezimmert und im Garten auf einem Baum angebracht hatte.

Er war allein an diesem Nachmittag. Seine Frau war mit Freundinnen ausgegangen. Sicher würden sie erst am Abend zurückkommen.

Da kam Holger der Gedanke, dass er wieder einmal in den Zoo gehen könnte. Er steckte seine Geldbörse ein, schlüpfte in eine leichte Jacke und verließ das Haus. Offenbar hatten auch andere Leute diese Idee gehabt, denn es tummelten sich viele Menschen vor den Tiergehegen.

Ein Braunbär rekelte sich faul auf einer Steinplatte

Ein Braunbär rekelte sich faul auf einer flachen Steinplatte. Tiere sind gar nicht so dumm, dachte Holger bei sich, sie nutzen die Sonnenstrahlen und leben einfach ihr Leben.

Pfiffige Erdmännchen spielten ihre lustigen Streiche, elegante Flamingos ertrugen die lärmenden Kinder mit stoischer Gelassenheit.

Vor dem Gehege der Schimpansen drängelten sich, wie die meiste Zeit an solchen Tagen, viele Tierparkbesucher. Auch Holger blieb lange bei den Affen stehen und beobachtete ihr geschäftiges Treiben. Er war ein ruhiger Mensch, manchmal sogar, so behauptete wenigstens seine Frau, ein richtiger Träumer. Plötzlich hörte er – aber das konnte eigentlich nicht sein, oder doch? – ganz deutlich, wie ein Schimpansenvater seinen Sohn unterrichtete.

Holger schloss seine Augen, öffnete sie wieder, um seine Lider erneut fallen zu lassen. Tatsächlich, er träumte nicht! Ganz deutlich vernahm er die Unterhaltung der Tiere. „Papa, wie nennt man diese seltsamen Gestalten, die ständig vor unserem Gehege herumlungern und uns beobachten?“, fragte der junge Schimpanse.

Woher stammen die Menschen?

„Das sind Menschen. Es gibt viele Millionen davon. Weiße, gelbe, rote und auch schwarze. Sie haben kein Fell und müssen sich in Stoffe hüllen, um nicht zu frieren“, erklärte der Vater. „Stell dir vor, sie zahlen sogar Geld, um uns sehen zu dürfen!“ Das Affenkind machte große Augen und hakte nach: „Wovon stammen die denn ab?“

„Ja, mein lieber Sohn“, meinte der Vater, „darüber streiten sie schon seit vielen Jahren. Unter ihnen gab es einmal einen Forscher, so nennt man diejenigen unter ihnen, die über alles nachdenken und versuchen, der Natur auf die Schliche zu kommen. Dieser Forscher behauptete steif und fest, wir, die Schimpansen, seien die Vorfahren der Menschen.“

Holger sah den jungen Affen den Kopf schütteln. „Das glauben sie wirklich?“ „Ja“, brummte der Alte. „So lehren sie es sogar in der Schule!“ „Und was ist deine Meinung?“, bohrte der Junge weiter.

Der Alte schnaubte: „Das ist natürlich ausgemachter Blödsinn! Wenn wir ihre Vorfahren wären, dann würden sie keine so furchtbaren Dinge bauen, die sie Waffen nennen. Sie machen Erfindungen und sind auch noch stolz darauf! Raketen, Panzer, Bomben, Kampfflugzeuge, Kanonen, Gewehre, Granaten, Minen, Giftgas. Damit bringen sie sich gegenseitig um, vernichten ihre Wohnungen, zerstören die Felder, auf denen doch alle die Dinge wachsen, die sie zum Überleben brauchen.“

Papa, wir sind doch viel vernünftiger

„Papa, ist das dann nicht umgekehrt?“, fragte der junge Affe eifrig. „Wir stammen von denen ab, oder? Wir sind doch viel vernünftiger, weil wir auch all diese, wie hast du gesagt, Waffen, nicht erfunden haben! Wir leben in Frieden und das Wort Krieg kennen wir nur vom Hörensagen. Daraus kann man doch nur schließen, dass wir schon viel weiter entwickelt sind als die Menschen!“

Der alte Schimpanse lächelte vor sich hin. „Ja, mein Sohn, da hast du natürlich vollkommen recht“, entgegnete er und tätschelte seinem Sohn über den Kopf.

Holger erwachte aus seinen Tagträumen, schaute sich verlegen um und stellte zufrieden fest, dass die Leute um ihn herum nichts von dem Schimpansengespräch mitbekommen hatten.

Er genehmigte sich im Biergarten noch ein kühles Bier und eine Bratwurst. Zuhause angekommen, seine Frau war noch nicht zurück, setzte er sich an seinen PC und verfasste über sein Erlebnis das Gedicht „Die Entstehung der Arten“:

„Im Buch Genesis wird berichtet, der Mensch wurde erschaffen. Ist diese Behauptung erdichtet? Er stammt ab vom Affen. Es heißt, Charles Darwin bewies die Entstehung der Arten und die Wissenschaft pries seine Thesen, mit Bildern und Karten. Vor dem Gehege im Tierpark, bei den Primaten, ein Mensch staunte, es traf ihn ins Mark, was ein Schimpanse da raunte. „Schau nur, wie sie gaffen!“ Und er flüsterte ganz leis. „Menschen sind Vorfahr’n der Affen, ihre Kriege sind der Beweis.“

Zum Autor:

Bild: Woerlen


● Alfred Bäurle, geboren am 5. Mai 1942 in Deiningen, lebt heute mit seiner Familie in Laub.

● Schon in der Volksschule war für ihn das Schreiben von Aufsätzen eine beliebte Tätigkeit.

● Mundart-Gedichte,Kurzgeschichten, Theaterstücke gehören heute zu seinem Betätigungsfeld.

● Mit mehreren Büchern hat er seine Leidenschaft schon erfolgreich zum Ausdruck gebracht. Humorvoll, kritisch und hintersinnig kommen seine Texte daher.


Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren