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12.11.2017

Als Trauringe mit Lebensmitteln bezahlt wurden

Ein Blick auf das Dürk-Anwesen vor über 60 Jahren: Damals wurden in dem Geschäft in der Wemdinger Innenstadt nicht nur Schmuck, Uhren und Brillen verkauft, sondern auch Glas- und Porzellanwaren, wie auf der Fassade zu lesen ist.
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Ein Blick auf das Dürk-Anwesen vor über 60 Jahren: Damals wurden in dem Geschäft in der Wemdinger Innenstadt nicht nur Schmuck, Uhren und Brillen verkauft, sondern auch Glas- und Porzellanwaren, wie auf der Fassade zu lesen ist.
Bild: Familie Beyle

In der Wemdinger Innenstadt steht eines der traditionsreichsten Geschäfte der Region. Bei Dürk werden Brillen, Uhren und Schmuck verkauft. Der Betrieb kann auf eine 170-jährige Geschichte zurückblicken.

Dieter Beyle wollte eigentlich Chemie studieren. Das war Mitte der 1970er-Jahre. Der Pforzheimer kam unverhofft zu einem Ferienjob als Fahrer eines Außendienstmitarbeiters eines Schmuckgroßhändlers. Die Tour führte nach Freiburg in ein Geschäft. Dort war Lydia Dürk als Verkäuferin tätig. Die beiden sahen sich – und es funkte: „Er kam noch einmal in den Laden zurück und fragte mich, ob er mich zum Essen einladen dürfte.“ Die romantische Begegnung im Breisgau war zufällig, trug aber entscheidend dazu bei, dass im mehrere Hundert Kilometer entfernten Wemding ein Geschäft, das zu den ältesten weit und breit gehört, vier Jahrzehnte später noch immer auf festen Beinen steht.

Warum das so ist: Kurz nach dem ersten Treffen bekam Lydia Dürk einen Anruf aus Wemding. Ihre Mutter, die dort das Uhren-, Optik- und Schmuckgeschäft führte, teilte mit, dass sie schwer krank sei. „Entweder du kommst heim oder wir verkaufen“, lautete die Botschaft aus Nordschwaben. Die Tochter folgte dem Ruf, machte eine Lehre als Uhrmachermeisterin – und brachte ihren Freund mit in die Stadt. Dieter Beyle zog die Liebe der Chemikerkarriere vor und absolvierte in Donauwörth eine Ausbildung zum Augenoptiker. Das Paar heiratete, übernahm den Familienbetrieb in Wemding und baute diesen weiter aus.

So gibt es auch nach 170 Jahren in fünfter Generation den Laden. Der befindet sich noch immer in dem Gebäude, in dem 1847 Anton Wünsch ein „Goldarbeitergeschäft“ eröffnete. Als Goldarbeiter wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein der Geselle eines Goldschmiedemeisters genannt.

Das Geschäft überstand Kriege und Wirtschaftskrisen. Als um die Wende zum 20. Jahrhundert die Ehe von Rosa und Anton Wünsch, die das Geschäft in zweiter Generation führten, kinderlos blieb, drohte dem Laden das Aus. Doch das Ehepaar nahm von der Verwandtschaft in Höchstädt – von dort war schon die Frau des Firmengründers gekommen – Maria Pollak bei sich auf. Die heiratete den Uhrmachermeister Benedikt Dürk aus Oberammergau. Dessen Namen trägt das Geschäft in der Wolfgangstraße noch heute.

In jener Zeit, als Maria und Benedikt Dürk die Fäden in der Hand hielten, kam zu Uhren und Schmuck auch der Optik-Bereich hinzu. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs entging die Familie nur knapp einer Katastrophe. Beim Beschuss durch US-Artillerie schlug eine Granate ein Loch in die Außenwand des Hauses. Niemand wurde verletzt. Die Besitzer reparierten den Schaden so: Sie setzten einen Anbau dran mit einem Balkon obendrauf. In den Kriegszeiten lief das Geschäft trotz aller Widrigkeiten weiter. „Da haben Bauern, die bei uns ihre Trauringe kauften, halt mit Lebensmitteln bezahlt“, berichtet Lydia Beyle.

1951 übernahm deren Vater Anton Dürk den Betrieb. Er baute mit seiner Frau Paula wenige Jahre später das Haus und das Geschäft völlig um. Die Inhaber ließen den maroden Barockgiebel abtragen und originalgetreu wieder errichten. Das Gebäude erhielt auch neue Schaufenster – mit einer damals viel beachteten Neuerung: Der Rahmen bestand nicht mehr aus Holz, sondern aus goldfarbenem Metall.

Neben den Einheimischen zählten auch Urlaubsgäste, die zum Teil mehrere Wochen in Wemding verbrachten, zur Kundschaft. Darunter war auch ein bekannter Opernsänger. Der ließ bei Dürks für seine Frau ein Collier anfertigen. Außergewöhnlich ist auch: Uhrmachermeister und Optiker Anton Dürk erfreute sich bis ins hohe Alter hinein bester Gesundheit. Noch mit 95 Jahren reparierte er mit ruhiger Hand und gutem Auge in der Werkstatt mechanische Uhren.

Nachdem Lydia und Dieter Beyle im Jahr 1979 das Ruder übernommen hatten, renovierten und modernisierten sie den Laden grundlegend. 1992 kauften sie ein Grundstück auf der rückwärtigen Seite und vergrößerten die Geschäftsräume erheblich auf über 250 Quadratmeter.

In den vergangenen Jahrzehnten vollzog sich bei Dürk den Betreibern zufolge ein Wandel: Spielte früher das Geschäft mit Uhren und Schmuck die wichtigste Rolle – wobei zeitweise auch Hausrat verkauft wurde –, so habe ihr Mann inzwischen den Optikbereich „so richtig aufgebaut“, schildert Lydia Beyle. Dabei spezialisierte sich der inzwischen 63-Jährige auf Kunden mit Winkelfehlsichtigkeit, also einem besonderen Problem mit ihren Augen. „Diese Leute kommen aus einem Umkreis von 40 Kilometern“, sagt der Optikermeister. Die Spezialisierung sei wichtig, um sich in diesem Geschäftszweig in einer Stadt wie Wemding behaupten zu können.

Beim Schmuck habe sich ein gewisser Wandel vollzogen. „Früher gab es mehr Gold- als Silberschmuck“, berichtet Lydia Beyle, 65, die sich vor allem um den Einkauf sowie um die Buchhaltung kümmert. In den 1980er-Jahren noch hätten die TV-Serien „Dallas“ und „Denver Clan“, in denen die (reichen) Frauen üppiges Geschmeide aus Gold trugen, viele Nordschwaben animiert, ihr Geld in derartigen Stücken anzulegen. Mittlerweile wollten zahlreiche Kunden lieber das „weiße Metall“. Silberschmuck sei modischer und auch billiger.

Das Konsumverhalten habe sich auch bei Uhren geändert, so Lydia Beyle: „Wer früher eine Uhr zur Firmung geschenkt bekam, hatte diese 30 Jahre. War sie defekt, reparierte man das Uhrwerk.“ Heute gebe es fast ausnahmslos Uhren mit batteriebetriebenem Quarzwerk. Sei dieses kaputt, werde es komplett ausgetauscht.

Apropos Uhren. Die Vorfahren der jetzigen Inhaber kümmerten sich nicht nur um Taschen-, Armband-, Stand- und Wanduhren, sondern auch um den Zeitmesser im Turm der Stadtpfarrkirche St. Emmeram. Als die Sommerzeit im Krieg und dann erneut 1980 eingeführt wurde, stiegen erst Benedikt und dann Anton Dürk jedes Mal, wenn der Wechsel anstand, nachts auf den Turm. „Im Herbst saßen sie eine Stunde oben, um so lange das Pendel anzuhalten“, erinnert sich Lydia Beyle. Damals sei das Uhrwerk noch mechanisch gewesen, heutzutage sei dieser nächtliche Einsatz durch moderne Technik nicht mehr nötig.

Im Geschäftshaus in der Wolfgangstraße sieht es trotz aller Veränderungen nach 170 Jahren ganz danach aus, dass die Traditionsfirma weiterbestehen wird. Lydia und Dieter Beyles Sohn Stephan besucht derzeit die Meisterschule für Augenoptiker in München: „Er will das Geschäft übernehmen. Das ist natürlich schön.“

Sie hätten ihrem Sohn völlig freie Wahl bei der Berufswahl gelassen, betonen die Eltern. Den Job im Betrieb mit fünf Beschäftigten könne man laut Dieter Beyle nur dann richtig machen und gegen die zunehmende Konkurrenz von großen Unternehmen mit vielen Filialen bestehen, „wenn man das mit Leib und Seele tut“.

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