Auf zu neuen Zielen

31.08.2016

Auf Fischers Spuren

Antonie Brandmair vor dem Modell der Stadt Rain wie sie 1805 wohl ausgesehen hat. Dank ihrer mühevollen Transskription der Aufzeichnungen des Rainer Bürgers Ludwig Wilhelm Fischer (1817-1890) konnte ein rühriges Team in zweijähriger Arbeit dieses Modell erstellen.
Bild: Barbara Würmseher

20 Jahre ist es her, dass Antonie Brandmair aus dem Berufsleben ausgeschieden ist. Das neue Kapitel, das sie damals aufschlug, ist mehr als nur „Kampf gegen Langeweile“

Als Antonie Brandmair vor gut 85 Jahren als Tochter eines Holländers, Enkelin einer Französin und Urenkelin einer Asiatin in Nettetal (Nordrhein-Westfalen) geboren wurde, konnte keiner ahnen, welche Rolle sie einmal in einer schwäbischen Kleinstadt am Lech spielen sollte. Bis 1971 lag ihr Lebensmittelpunkt jedenfalls weit nördlich des Weißwurst-Äquators: Mönchengladbach, Düsseldorf und Aachen sind Stationen ihrer Biografie, ehe sie mit Ehemann und den beiden Kindern in Süddeutschland, genauer gesagt in der Tillystadt Rain sesshaft wurde.

Während ihr Ehemann als Prokurist eines Meitinger Unternehmens tätig war, beriet Antonie Brandmair Arbeitslose auf Stellensuche im Arbeitsamt Donauwörth. „Knapp 25 Jahre war ich dort im Einsatz, 16 Jahre davon als Abteilungsleiterin“, erzählt sie. „Zehn Stunden war ich täglich fort von Daheim, dazu kamen Haushalt und Kinder – da blieb nicht viel Zeit für andere Dinge.“ Ausgeprägte Hobbys etwa und ehrenamtliches Engagement waren in diesen Jahren nicht möglich. Geschichtliches Interesse freilich war immer schon da. „Ich hab von jeher viel gelesen. Vor allem haben mich soziale, wirtschaftliche und politische Aspekte interessiert.“ So eignete sie sich still und heimlich einiges historisches Wissen an, das nur darauf wartete, geweckt zu werden.

Dieser Weckruf kam – kaum dass Antonie Brandmair ihrer beruflichen Laufbahn den Rücken gekehrt hatte. Mit Eintritt in den Ruhestand schlug sie – zunächst ohne eigenes Zutun – ein ganz neues Kapitel ihres Lebens auf. „Mein letzter Arbeitstag war der 30. April 1996“, weiß die 85-Jährige noch, als wäre es gestern gewesen. „Es war ein Dienstag.“ Als seinerzeit der Arbeitskreis Schule und Wirtschaft eine Veranstaltung hatte, war Antonie Brandmair zum letzten Mal in beruflicher Funktion mit dabei.

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„Ich geh jetzt in Pension“, verriet sie denn auch den Teilnehmern und Stadtrat Reinhard Prummer, der diese Bemerkung hörte, nutzte gleich die Gunst der Stunde. Nur wenige Tage später sah sich Antonie Brandmair daher unverhofft in der Rolle einer Stadtführerin, die Bürgern und Gästen Rains Vergangenheit erzählen sollte. Und sie sah sich zudem mit einer noch größeren Aufgabe betraut: Mit der Auswertung und Transskription der Aufzeichnungen des Rainer Heimatforschers und Landrichters Ludwig Wilhelm Fischer (geboren 1817 in Rain, gestorben 1890 in Marktoberdorf). Geschichte, Sagen, Volkskunde und topografische Gegebenheiten hatte Fischer umfangreich zu Papier gebracht.

Und so lagen plötzlich in jenem Jahr 1996, da Antonie Brandmair ihren vermeintlichen Ruhestand begann, 2000 Seiten aus dem Nachlass Fischers vor ihr. Eng in Sütterlin-Handschrift beschriebene Seiten, die mal besser, oft aber auch schlechter zu entziffern waren, ließen eine Ahnung vom Unruhestand aufkommen. „Schwer lesbar, was Fischer da so dokumentiert hat“, erzählt Antonie Brandmair. „Anfangs hat er schon sehr sauber geschrieben, aber dann, nach ein paar Bier oder Wein, sind seine Worte immer unleserlicher geworden.“

Trotz des Umfangs, trotz der nicht einfachen Herausforderung hat Antonie Brandmair „Ja“ gesagt zu dieser Aufgabe, um die die Stadt Rain sie damals gebeten hat. Ihr Ehemann war zwei Jahre zuvor gestorben, die Kinder waren schon erwachsen und die Tage im Arbeitsamt lagen hinter ihr, sodass die Zeit reif war für etwas Neues. Antonie Brandmair stürzte sich mit Fleiß, Gewissenhaftigkeit und geschichtlicher Leidenschaft hinein. Sie entschlüsselte Daten und Fakten und erfasste sie per Computer, brachte Systematik dort hinein, wo Fischer schlichtweg nur Ereignisse niedergelegt hatte. „50 Jahre lang hatte Fischer alles gesammelt, was es so in Rains Historie und in der Bayerischen Geschichte gab. Er hat immer das Was und Wann aufgeschrieben, nie aber das Wie und Warum“, schildert Brandmair die Problematik. „Er hat nie kommentiert, aber seine Quellen angegeben.“

19 Monate am Stück war Antonie Brandmair nur damit beschäftigt, abzuschreiben. Dann hat sie begonnen, nach Themen und Namen zu sortieren. „Vieles war noch nicht stimmig, aber durch diese Aufzeichnungen haben wir eine ganz andere Grundlage bekommen.“

Viele Jahre verbrachte Antonie Brandmair mit Ludwig Wilhelm Fischer – „das nimmt kein Ende“ – und erfuhr von ihm viele historisch faszinierenden Ereignisse und las sich umfangreiches Wissen an. „Zum Beispiel hatten die Rainer Anfang des 17. Jahrhunderts eine Aktiengesellschaft gegründet, um eine Donaubrücke zu bauen“, erzählt sie. „Die wurde dann allerdings von den Schweden im 30-jährigen Krieg verbrannt.“

Mit Fischer hat es begonnen, doch es gab noch viel mehr für Antonie Brandmair zu tun. 1987 war das Heimatmuseum Rain gegründet worden, 1996 kam dessen jetzige Leiterin Edith Findel nach Rain. Ihr steht Antonie Brandmair ebenso zur Seite als Mädchen für alles, wie sie im Freundeskreis Alt Rain eine wertvolle Mitarbeiterin ist. Und auch als Stadtführerin hat sie sich längst etabliert, wie sie auch Vorträge hält. „Ja, damals in meinem Ruhestandsjahr 1996 ist eine Lawine ins Rollen geraten, aus der ganz viele Themen erwachsen sind“, resümiert die 85-Jährige.

Zwei Höhepunkte ihres ehrenamtlichen Schaffens sind die Buchveröffentlichung über Rainer Häuser zusammen mit Heinrich Veh und die Entwicklung des Rainer Stadtmodells zur 750-Jahr-Feier der Stadt 2007. Anhand von Steuer- und Gewerbelisten, Sterberegistern, Kaufverträgen und alten Grundrissen wurde das Aussehen der Stadt Rain um 1805 rekonstruiert. Aus Antonie Brandmairs Erkenntnissen haben Heinrich Veh, Franz-Xaver Mair und Franz-Xaver Blei das Modell gebaut, das heute im Foyer des Rainer Rathauses zu bestaunen ist.

20 Jahre also ist es nun her, dass Antonie Brandmair aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden ist – um einen neuen Weg einzuschlagen. Die intensive Beschäftigung mit Geschichte ist für sie Erfüllung. „Und ein Kampf gegen die Langeweile“, wie sie schmunzelnd sagt. Mit der Vergangenheit ihrer Wahl-Heimat hat sie sich jedenfalls so intensiv auseinandergesetzt, dass sie sich als Zugroaste mehr mit Rain identifizieren kann, als es die meisten Einheimischen von sich behaupten können.

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