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Zwölf Stämme

21.01.2015

Bewährungsstrafen für Mütter

Mitglieder der Glaubensgemeinschaft Zwölf Stämme protestieren vor dem Landratsamt in Donauwörth dagegen, dass ihnen das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen wurde.

Weil zwei Mitglieder der Sekte ihre Kinder schlugen, standen sie nun vor Gericht.

Von Jan Kandzora

Nördlingen Zwei Mitglieder der Sekte Zwölf Stämme wurden am Dienstag vor dem Amtsgericht Nördlingen wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Richter Gerhard Schamann sah es in beiden Prozessen als erwiesen an, dass die Mütter ihre Kinder mit Ruten geschlagen hatten, und verhängte einmal neun und einmal sechs Monate Haft auf Bewährung.

Die Strafe lag damit etwas unter dem Plädoyer von Staatsanwalt Christian Grimmeisen, der einmal zwölf und einmal neun Monate auf Bewährung gefordert hatte. Als Beweismittel dienten ihm jeweils Videoaufnahmen des RTL-Reporters Wolfram Kuhnigk, der sich im Sommer 2013 zwei Wochen bei der Glaubensgemeinschaft eingeschleust und heimlich gefilmt hatte. Er nahm unter anderem Szenen auf, die zeigen, wie die Frauen ihre Kinder in einen dunklen Raum führen, um sie dort zu schlagen.

Rechtsanwalt Hans-Walter Forkel, der beide Angeklagten vertrat, hielt die Videos als Beweismittel für unzulässig. Da sie heimlich und gegen Wissen der Angeklagten aufgenommen wurden, könnten sie vor Gericht nicht verwertet werden, argumentierte er. Er plädierte dafür, seine Mandanten freizusprechen. Tatsächlich hing eine Verurteilung der Frauen unmittelbar davon ab, ob das Gericht die Aufnahmen des RTL–Reporters als Beweis erlaubte. Weitere Beweise gab es nicht.

Richter Schamann stufte die Videos jedoch als zulässig ein. In Deutschland dürften auch heimliche Aufnahmen in Prozessen verwendet werden, sagte er, sofern es nicht um Bagatelldelikte gehe. Und das seien die beiden Fälle von gefährlicher Körperverletzung nicht. „Die Schläge haben mit Sicherheit kräftig gezogen“, hielt er der Mutter im ersten Prozess vor, die neun Monate auf Bewährung erhielt, da sie zwei ihrer Kinder mehrfach mit einem dünnen Stock geschlagen hatte. „So etwas kann durchaus körperliche und psychische Schäden verursachen“, sagte der Richter. Die zweite Frau, die Schamann zu sechs Monaten Bewährungsstrafe verurteilte, war auf einer Aufnahme zu sehen, in der sie ihrem Sohn drei Schläge mit der Rute verpasste.

Beide Mitglieder der Sekte hatten sich geweigert, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, aber ihren Erziehungsstil in persönlichen Erklärungen verteidigt. Sie wolle ihre Söhne zu eigenständigen und selbstbewussten Erwachsenen erziehen, sagte die erste Angeklagte. Die andere Mutter erklärte, sie verurteile Gewalt gegen Kinder. Staatsanwalt Christian Grimmeisen antwortete ihr in seinem Plädoyer. „Mit dem Ausspruch verurteilen sie sich selbst“, sagte er. „Was sollen Schläge mit einem Stock anderes sein als Gewalt?“ Richter Schamann sagte, es sei nicht seine Aufgabe, über die Zwölf Stämme an sich oder die Frage des Sorgerechtes zu urteilen. Es gehe ihm in dem Prozess nur um die Szenen auf den Videos.

Die Kinder der Angeklagten befinden sich in Pflegeeinrichtungen, nachdem die Polizei sie im September 2013 in Klosterzimmern abgeholt hatte, wo sich der Sitz der Sekte befindet. Die Zwölf Stämme protestierten aus diesem Grund gestern während der Strafverhandlung vor dem Amtsgericht und verteilten Flugblätter. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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