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Landkreis

16.12.2017

Bildung fängt vor der Schule an

Förderschulen haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert.
Bild: Symbolfoto Alexander Kaya

Bei vielen Eltern bestehen nach wie vor Vorbehalte gegen Angebote abseits der Regelschulen im Landkreis. Dabei wird hier sehr gezielt gefördert

Die Taschentuch-Box auf dem Tischchen neben Harald Köhlers Sitzecke hinten im Büro macht Sinn. Sie steht da für die Tränen der Eltern. Jener Eltern, die hier nahegelegt bekommen, dass ihr Kind vor der Einschulung noch „Förderbedarf“ hätte, wie es die Pädagogen ausdrücken. Scheinbar abseits der gewünschten Normalität zu stehen, erscheint vielen Eltern schier unerträglich – obwohl eine spezielle vorschulische Förderung bei vielen künftigen Grundschülern bitter nötig sei, wie der Schulleiter der Kaisheimer Abt-Ulrich-Schule betont. Dennoch führt er in vieler Hinsicht einen Kampf gegen Windmühlen – gerade weil gegenüber einer gesonderten Förderung viele Vorbehalte bestehen, die teils in Fehlern des Schulsystems der Vergangenheit begründet sind.

Harald Köhler ist Lehrer mit Leib und Seele. Man merkt das recht schnell. Er wirkt trotz der vielen Jahre im Beruf nicht genervt, zynisch oder desillusioniert, im Gegenteil. Köhler kämpft um den Ruf seiner Schule wie um den seiner Schüler. Das muss er, denn die Abt-Ulrich-Schule ist ein sonderpädagogisches Förderzentrum. „Früher hieß es ja noch Hilfs- oder Sonderschule – und aus dieser Zeit rühren nun mal die Vorbehalte“, erklärt Köhler. Er könne das Misstrauen aber verstehen, da es bis in die 1980er-Jahre durchaus einen „Zwang“ hin zu den Sonderschulen auch gegen den elterlichen Willen gab. Da habe es genügt, dass ein Kind zweimal die Jahrgangsstufe nicht schafft. Doch die rigide Vorgehensweise sei heutzutage kaum mehr möglich, der Elternwille sei ausschlaggebend.

Der Schultyp Förderschule mitsamt seiner großen Palette an Möglichkeiten für Kinder im Vor- und Grundschulalter leide nach wie vor an den vermeintlichen Fehlern der Vergangenheit, als Behörden rigoros über die Köpfe der Eltern hinweg über Wohl und Wehe des Nachwuchses entschieden. Da habe sich inzwischen viel geändert, sagt Köhler. Zwang, Daueraufenthalt oder Abschiebe-Schule? Nein, davon ließe sich längst nicht mehr sprechen.

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Heute wolle man nachhaltige Hilfestellungen geben, damit die Kinder danach möglichst schonend in den Regelschulbetrieb integriert werden können: „Man kann immer wechseln“, insistiert der Schulleiter. Was ihn beschäftige, sei, dass viele Eltern und Erzieher eine wichtige Phase in vielen Fällen verpassten, sagt Köhler: Zwischen drei und sechs Jahren schlage eine spezielle Förderung – etwa im Sprachbereich, aber auch hinsichtlich sozialer und weiterer kognitiver Entwicklung – am besten an. Bis einschließlich etwa zehn Jahre nähmen die Kinder am besten „Input“ auf.

Viel ließe sich in der jungen Altersspanne durch eine gesonderte Förderung über die schulvorbereitenden Maßnahmen tun: „Die Kinder haben es dann leichter an der Schule – die Grundschulen nehmen die Kinder, die bei uns waren, mit Kusshand“, so der Kaisheimer Pädagoge. „Aber wir erreichen viele Eltern und damit eben auch die Kinder zu spät – oft dann, wenn sie in der Regelschule gescheitert sind.“

Deswegen gibt es im Landkreis Donau-Ries eine ganze Reihe vorschulischer Fördereinrichtungen (siehe Info). Florian Wutzer arbeitet für die schulvorbereitende Einrichtung (SVE) der Hermann-Keßler-Schule in Möttingen und Donauwörth. Hier ist man auch spezialisiert auf Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und mit geistiger oder mehrfacher Behinderung. Eine Stärke der Gruppen mit Kindern zischen drei Jahren und dem Schuleintrittsalter liege, sagt Wutzer, in der Gruppenstärke: maximal acht Kinder spielen und lernen hier zusammen. Eine weitere Möglichkeit bietet die Heilpädagogische Tagesstätte (HPT) der Rummelsberger in Nördlingen. Die Katholische Jugendfürsorge (KJF) betreibt eine solche Einrichtung auch in Donauwörth. Wolfgang Salcher arbeitet in Nördlingen, wo Kinder mit Problemen im sozial-emotionalen Bereich oder schlichtweg solche, die eine individuelle Betreuung brauchen, ab dem vierten Lebensjahr gefördert werden. Salcher betont, dass es nicht mit geringerer Intelligenz zu tun haben muss, dass eine HPT oder SVE sinnvoll wäre: „Wir haben vor Kurzem ein sehr intelligentes Kind aufgenommen, dass aber schon drei Kindergärten durchlaufen hatte.“ Das Kind war allerdings sozial sehr auffällig. Daran arbeite man jetzt in der Kleingruppe, gemeinsam mit den Eltern: „In ein bis zwei Jahren kann es dann ganz anders aussehen bei vielen der Kinder.“

Wann sollten Eltern an schulvorbereitende Förderung denken? Köhler erklärt zu dieser Kernfrage: „Wenn sich das Verhalten stark unterscheidet vom Stand der Gruppe oder der Gleichaltrigen, dann sollte man genauer hinschauen.“ Letztlich, so Köhler, sollte es stets um das Kindeswohl gehen – dem Kind müssten die Wege offen stehen, auch über vorschulische Förderungen. An der Wand hinter Köhlers Sitzecke hängt ein Zeitungsartikel: „Vom Sonderschüler zum Professor.“ Auch das ist möglich.

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Donauwörth/Neuburg

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