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Harburg-Heroldingen

30.03.2020

Corona-Infizierter: „Wir wollen nicht am Pranger stehen“

Die Tochter von Tobias L. geht in den Kindergarten in Heroldingen. Von dort brachte das Mädchen das Coronavirus wohl mit in die Familie. 
Bild: Widemann

Ein Patient aus der Region berichtet von der Entwicklung der Krankheit bei ihm und seiner Familie. Er befürchtet nun eine Stigmatisierung der Kranken.

Tobias L.* (Name geändert) hat sich zunächst überhaupt nichts weiter gedacht: Die kleine, zweieinhalb Jahre alte Tochter hatte in der Nacht geschrien, schlecht geschlafen. Sie kam ins Schlafzimmer der Eltern. Leichte Erkältungssymptome stellten die Eltern fest. Husten, Schnupfen, etwas erhöhte Temperatur, nichts allzu Dramatisches. Sie verabreichten Fiebersaft, dann war irgendwann wieder Ruhe. So ziemlich alle Eltern kennen diese Nächte nur zu gut, sie kommen leider öfter mal vor. Bei Familie L. war diese Nacht jedoch der Beginn ihrer Isolation. Doch von Corona ahnten sie da noch nichts.

In der Woche vor den Kommunalwahlen schien die Welt im Heroldinger Kindergarten noch die alte zu sein. Auch L.s Tochter ist hier Kindergartenkind. Corona war zwar in der Welt, aber noch nicht im Dorf.

Zunächst waren da nur Erkältungssymptome

Die Erkältungsnacht bei Familie L. war zwar lästig, aber nichts, was völlig abseits des normalen Alltags lag. Nach der Nacht fühlte sich L.s Frau niedergeschlagen, müde, schlapp. Davon allerdings können viele Eltern ein Lied singen, nach mehr oder weniger durchwachten Nächten mit dem kränkelnden Nachwuchs. Sie legte sich über Mittag hin, dann schien die Niedergeschlagenheit auskuriert.

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Erst einmal sei es der Familie dann zwei Tage gut gegangen, bevor Tobias L. ähnliche Symptome wie zuvor seine Frau spürte: Abgeschlagenheit, Schüttelfrost, Temperatur. Das war an jenem Sonntag, als die erste Runde der Kommunalwahlen lief. Nach wie vor hätte für ihn und seine Frau nichts auf das neuartige Virus hingedeutet, berichtet L. Am Nachmittag ging er noch einmal raus – an die frische Luft, nicht unter Leute. Am Abend erinnerte er sich an Gespräche mit Arbeitskollegen zum Thema „Corona“.

Tobias L. bleibt vorsorglich zuhause

Er rief einen Kollegen an, entschied, vorsichtshalber am nächsten Tag zu Hause zu bleiben, er wolle ja niemanden anstecken. Am Tag darauf habe er sich allerdings gefragt: „Was mache ich jetzt eigentlich zu Hause?“ Er fühlte sich besser. Zwei Tage später, L. war bis dahin krankgeschrieben, schlug die Nachricht von dem Coronafall in der Heroldinger Kita ein. Da schien alles auf der Hand zu liegen. Am Tag darauf rief L. bei der Hotline des Landratsamtes an, nachdem die „116117“, die Telefonnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, so überlastet war, dass die Verbindung zweimal komplett zusammenbrach. Beim Landratsamt wies man die Familie an, zu Hause zu bleiben, tags darauf folgte der Rückruf mit der Aufforderung, sich testen zu lassen.

Das geschah auf dem Parkplatz der Kreisbehörde in Donauwörth, aus Sicherheitsgründen aus dem Auto heraus. Dann: Warten in Quarantäne.

Sogar auf ein positives Ergebnis gehofft

Das Ergebnis kam schließlich am Mittwoch vergangener Woche. L. sagt, er habe eigentlich am Abend zuvor gehofft, dass es positiv wird: „Dann hätten wir es zumindest schon gehabt.“ So war es dann auch. Symptome zeigte zwar inzwischen keiner mehr aus der Familie, doch die Quarantäne war nun eben strikt und weiter behördlich angeordnet.

L. selbst ist im Hinblick auf die aktuelle Entwicklung, etwa in einigen Pflegeheimen in der Republik, froh, dass die Familie eine milde Symptomatik erlebte. „Die Influenza im vergangenen Jahr hatte mich richtig niedergestreckt; da lag ich fünf Tage flach“, schildert L. den persönlichen Vergleich. Für ihn sei das jedoch kein Grund, an den behördlichen Vorsichtsmaßnahmen generell zu zweifeln. Das Virus wirke offenbar bei unterschiedlichen Personengruppen verschieden, es sei zudem weithin unbekannt.

Für L. stellt sich jetzt die Frage, die bei anderen noch weiter weg ist: Wie geht es nach Corona weiter? Auch seine Familie habe das Virus in der Kita aufgeschnappt, doch Schuldzuweisungen an irgendjemanden verböten sich: „Die Kinder müssen und sollen doch irgendwann wieder in den Kindergarten gehen, die Wogen müssen sich glätten.“ Zur Unruhe in dem Harburger Ortsteil habe schon auch beigetragen, dass das Dorf explizit vom Landratsamt genannt worden war, ist L. überzeugt. Er befürchtet eine Stigmatisierung Heroldingens und seiner Bewohner: „Irgendwie stehen wir am Pranger.“

Es reicht bis hin zu Beschimpfungen

Auch andernorts in der näheren Umgebung höre man nun von Beschimpfungen, „man sucht nach sogenannten Schuldigen“, sagt L. Dieses unangebrachte Bohren in der Vergangenheit müsse aufhören, stattdessen solle man die vormals Infizierten und dann hoffentlich bald Genesenen gesellschaftlich einbinden – nach dem Motto: „Ich helfe Dir, damit Du morgen helfen kannst.“ Die, die es durchgestanden haben, könnten „demnächst an vorderster Front kämpfen, wenn sie denn – so Gott will – immun sind“, sagt L., der diese Woche noch in Quarantäne bleibt.

Wenn er und seine Familie dann symptomfrei sind, gelten sie als gesund – und als Hoffnungszeichen in der dieser Tage noch ziemlich bedrückenden Statistik. „Die Krankheit zieht sich wirklich 14 Tage hin, wenn auch nicht immer tragisch.“ Man solle sie ernst nehmen, mahnt L.

Wichtig sei nun eine weiterhin sachlich-nüchterne Aufklärung durch Mediziner – die sowohl einer Hysterie als auch einer Laxheit entgegenwirkt. Es gelte jetzt, „die Krise zu managen.“

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